Literatur, Roman

Märchenhafter Realismus aus dem antiken Thule

Die Romantrilogie »CoDex 1962« des Isländers Sjón ist ein wilder Ritt durch die Zeit, ein Schelmenroman mit Bezügen zu Holocaust, nordischer Mystik und Science Fiction.

Im Sommer 1943 bleiben exakt um 12.27 Uhr in Kükenstadt die Uhren stehen. Bezeugen kann das eigentlich niemand, denn es ist der Moment, als der Erzengel Gabriel mit seiner Schwester Gabriela einen himmlischen Kampf austrägt, der die Aufmerksamkeit der Leser:innen von den irdischen Ereignissen wegführt. Später erfährt man, dass die alliierten Bomber die deutsche Kleinstadt dem Erdboden gleichgemacht haben. So bleibt nichts von ihr als als Legenden.

Eine dieser Legenden besagt, dass zuvor der jüdische Kriegsflüchtling Leo Löwe in die Stadt kam und Aufnahme im Gasthof Vrieslander fand. Im Auftrag von zwei unbekannten Männern sollte sich die junge Angestellte Marie-Sophie Tag und Nacht um den armen Teufel kümmern: »Obwohl der Mann dort im Bett wie ein halb irrsinniges Skelett aussah, das sich der Form halber in ein Stück Haut gewickelt hatte, gebe es da gewisse Personen, die der Meinung waren, dass der Ausgang des Krieges in seinen Händen liege; sie selbst hatten keine Ahnung, was es war, was L. konnte oder wusste, und auch wenn sie es nich so gerne erfahren hätten, ging es sie nun mal nichts an – ihre Aufgabe war es, ihn lebend außer Landes zu schaffen, und genau das hatten sie vor.«

Die junge Hotelangestellte, die von gewissen Herren wohl auch für andere Dienste als den Tischservice gebucht wird, kümmert sich fortan Tag und Nacht in einer kleinen Dachkammer um Löwe, beobachtet von den Hotelbesitzern und einigen anderen geheimnisvollen Männern, die sich für das noch allerkleinste Detail interessieren. Und dennoch entgeht ihnen der entscheidende Moment, als sich das vom Schicksal zusammengeführte Paar näher kommt und ein Kind zeugt, dessen Geburt noch fast zwei Jahrzehnte auf sich warten lassen wird. Zunächst verwirklicht es sich in einem Lehmklumpen, den Löwe in einer Hutschachtel mit sich herumträgt.

Die Dachkammer, in der die Handlung im ersten von drei Teilen in weiten Teilen spielt, ist ein Ort des Aberwitzes und Aberglaubes, an dem sich Marie-Sophies Verstand mehr und mehr von der Wirklichkeit verabschiedet. Irgendwann bildet sie sich einen Herrn Maus ein und was dann geschieht, könnte André Breton nicht besser beschreiben. »Herr Maus starrt mit einem irren Blick zurück. Ein unbeherrschbarer Krampf verzerrt sein Gesicht, und die Angst des Mädchens wird zur Verwunderung, als sich die obere Hälfte seines Kopfes plötzlich nach oben in die Länge zieht. Angefangen bei den Augenbrauen und den Ohren dehnt er sich wie eine dicke Sehne in Richtung Zimmerdecke und wächst dann bogenförmig in die Mitte des Raumes, bis sein Scheitel genau auf einem Teelöffel landet, der zwischen handgeschriebenen Entwürfen zu einem Heldengedicht herumliegt, die au einem wackeligen Tischchen an der Wand gegenüber dem Fenster ausgebreitet sind.«

»Deine Augen sahen mich – Eine Liebesgeschichte« heißt der erste von drei Romanen des Isländers Sjón alias Sigurjón Birgir Sigurðsson, die zwischen 1994 und 2016 erschienen sind. Nun erscheinen sie als Trilogie in der äußerst gelungenen Übersetzung von Betty Wahl unter dem kryptischen Titel »CoDex 1962«, dessen Bedeutung im dritten Roman entschlüsselt wird. Sigurðsson ist vor allem mit den Songtexten bekannt geworden, die er für Björk und die Sugarcubes geschrieben hat. Mit »I’ve seen it all« aus Lars von Triers Meisterwerk »Dancer in the dark« wurde er für einen Oscar nominiert.

In seiner Heimat ist er als Vielschreiber bekannt, ein Dutzend Lyrikbände, mehr als zehn Romane und ein Comic gehen auf sein Konto. Davon sind hierzulande bislang ein Lyrikband (»Bewegliche Berge« in der Übersetzung von Tina Flecken und Betty Wahl in der Berliner Edition Rugerup) und drei Romane in der Übersetzung von Betty Wahl erschienen, drei weitere kommen nun dazu. Am erfolgreichsten war in Deutschland seine expressionistische Miniatur »Schattenfuchs«, die eine Geschichte aus dem Reykjavik zur Zeit der Spanischen Grippe erzählt und die man unter Corona-Bedingungen noch einmal ganz neu liest. Für diese Erzählung wurde er 2005 mit dem wichtigsten Literaturpreis der skandinavischen Länder, dem Literaturpreis des Nordischen Rates, ausgezeichnet.

Sjón: Bewegliche Berge. Gedichte. Aus dem Isländischen übersetzt von Tina Flecken und Betty Wahl. 80 Seiten. 14,90 Euro. Hier bestellen

In den Norden, genauer gesagt in die isländische Hauptstadt Reykjavik, verschlägt es auch Leo Löwe und seine Hutschachtel im zweiten Teil der Trilogie. Aufgrund einer skurrilen Verwechslung im Rahmen seiner Einbürgerung – die an Terry Gilliams »Brazil« erinnert, kommt er unter dem Namen Jón Jónsson in der Ingólfsstræti 10a unter, wo sich am 27. August 1962 ein wahres Wunder ereignen wird. Denn das Lehmkind, das Jón Jónsson alias Leo Löwe mit Marie-Sophie in Kükenstadt geformt und seither in einer Hutschachtel bei sich getragen hat, wird in dieser Wohnung wie ein Alraunenwesen zum Leben erweckt. Dafür braucht er allerdings das Gold des Siegelrings, der ihm im Arbeitslager von den Nazis gestohlen wurde. Er macht dieses Gold im Zahn eines seltsamen Briefmarkensammlers aus, an den nur mit Hilfe eines ehemaligen russischen Geheimdienstlers und eines schwarzen Riesen herankommt.

Die Verwandlung seines Homunkulus in einen Menschen vollzieht sich im zweiten Buch »Islands tausend Jahr’ – Eine Kriminalgeschichte«, das mit einer Variation von Kafkas Verwandlung beginnt. »Als Jósef L. eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett, zu einem ungeheuren Säugling verwandelt.« Joséf L. erwacht nicht wie Gregor Samsa (nicht Josef K., Kafkas tragischem Protagonisten in »Der Prozess«!) als Käfer, sondern als Mensch. Er entpuppt sich im weiteren Geschehen als Erzähler dieser ohne Zweifel abgefahrenen Geschichte, die von Literatur kontaminiert ist. Sie führt durch John Miltons verlorenes Paradies, verirrt sich in Borges Fiktionen und greift Bulgakows schwarze Magie auf. Biblische Erzählung trifft hier auf isländische Mythologie, Engel und Teufel auf Einhörner und Werwölfe. Sjóns Opus Magnum ist wie ein Film von David Lynch, in dem Hieronymus Bosch und Marc Chagall ein Gemeinschaftswerk pinseln. Und so skurril die Charaktere ausfallen, so lebendig sind sie. Mit diesem Märchen aus dem Land des ewigen Lichts – als Gegenstück zu den Erzählungen »Tausendundeine Nacht« – schreibt sich der Isländer in den Kanon der Weltliteratur ein. Fiktiv ist in dieser von Realismus durchdrungenden Geschichte alles und nichts.

Das sind natürlich große Worte, die Konkretisierung vertragen. Wie also vermischt Sjón das, was die Menschheit in die Literatur eingeschrieben hat? Indem er von Hölzchen zu Stöckchen kommt, indem er abschweift, kleine Ausflüge unternimmt, die sich in Nebenerzählungen und Gleichnisse ergießen. Wie den Auftakt des zweiten Romans, in dem ein Berserker eine Kleinstadt in seinem eisernen Griff hat. Bis sich ein kleines Kücken in einen schadhaften Zahn des Giganten verkriecht und dort so lange auf den Nerven herumpickt, bis er anderes im Kopf hat, als die Stadtbewohner zu knechten. Zum Dank wird dem Küken ein Denkmal gebaut, es stand bis zum verheerenden Luftangriff auf dem Markt von Kükenstadt.

Sjón: Schattenfuchs. Aus dem Isländischen von Betty Wahl. 144 Seiten. 10,- Euro. Hier bestellen

Neben solchen Verweisen auf die europäische Märchenwelt gibt es unzählige andere Spielereien mit den großen Traditionen der westlichen Literatur. In der Beschreibung von Leo Löwe als »Zebramensch« mit gestreiftem Körper, aufgeblähtem Bauch, streichholzdünnen Beinen mit auffällig verdickten Knien klingt die Lagerliteratur an, mit der die Überlebenden die europäischen Verbrechen unter Hitler und Stalin beschrieben. »An diesem Punkt wurde uns allmählich klar, was die Deutschen im Schilde führten. Wir alle waren auf die ein oder andere Art für dieses Vorhaben, uns in Zebras zu verwandeln, vorgesehen, und wir alle zeigten bereits Anzeichen dafür, dass die Verwandlung schon begonnen hatte.« Später wird Leo Löwe einen ehemaligen KGB-Küchenchef namens Puschkin kennenlernen, der einen wahrhaften Teufelsfortsatz über seinem Podex trägt. Er wird einen muskulösen Schwarzen in einem mexikanischen Ringerdress namens Anthony Theoprastos Athanius Brown aufgabeln, der wie eine Wiederkehr des »Black Knight« für die gerechte Sache kämpft. Und wie der Titel schon ankündigt wird das Jahr 1962 eine Rolle spielen, in dem Juri Gagarin als erster Mensch ins All fliegt, die Arbeiten an der Berliner Mauer beginnen, Marilyn Monroe tot aufgefunden und Adolf Eichmann gehängt wird. Dieses Jahr wird eine einzigartige Generation hervorbringen, die im dritten Buch der Trilogie einen ohrenbetäubenden Gesang aus dem Jenseits anstimmen wird. »Island ist das antike Thule«, wie es an einer Stelle heißt. In diesem Thule geht es hoch und illuster her, etwa wenn die wehmütige Frau Thornsteinson abends loszieht, um sich selbstbewusst Taxifahrern, Ex-Knackis oder Seefahrern an den Hals zu werfen.

Im dritten und abschließenden Teil geht dessen Geschichte in die Aufnahmen einer jungen Ukrainerin ein, die im Auftrag des Biotechnologie-Unternehmens »CoDex« ausgewählte Isländer befragt. Darunter auch Joséf Löwe, der, als die junge Frau aufsucht, bereits an der Steinmann-Krankheit leidet, bei der sich ein zweites Skelett um den Körper des Patienten legt. Ihre Befragung endet in der vor uns liegenden Erzählung, weil sich Jósef »bis zum heutigen Tag an alles und jedes erinnern (kann), was vor meinen Augen geschah.«

Sjón: CoDex 1962. Aus dem Isländischen von Betty Wahl. 640 Seiten. 32,00 Euro. Hier bestellen

Seine Geschichte soll sich mit nicht weniger als »mit anderen großen Genres der Erzählkunst messen« und »in deren langen, glamourösen Bilderbogen – von Traumgedichten auf mittelalterlichem Pergament bis zu futuristischen Kinofilmen, von Spaßversen bis zu den Evangelien der Bibel, von Volkssagen über drogenvernebelte Wiedergänger bis zu den Klatschkolumnen der Tagespresse, von Reiseberichten kluger Frauen bis zu Comics über genveränderte Kinder, von Schlagertexten über psychologische Fachartikel und Pornohefte bis hin zu kniffeligen Sachaufgaben« Eingang finden, wie Sjóns unzuverlässiger Erzähler im dritten Buch »Ich bin eine schlafende Tür – Ein Science-Fiction-Roman« einräumt. Betty Wahl zieht hierfür alle Register, um in ihrer eindrucksvollen Übersetzung diesem allumfassenden Anspruch gerecht zu werden.

Der Erzähler selbst ist übrigens auch eine besondere Figur. Von seiner Herkunft her mit dem Alraunenwesen aus »Pans Labyrinth« verwandt, ist dieser Charakter angelehnt an Günter Grass’ nimmermüden Blechtrommler Oskar Matzerath und Bruno Schulz mythische Józef-Figur. Wie unzuverlässig er ist, darauf weist eine kurze Passage hin, die nicht von Joséf Löwe sein kann, sondern von einer weiteren allwissenden Erzählinstanz stammt. »So wie die Knochen eines Patienten mit der Steinmann-Krankheit auf einen Schlag reagieren, indem die in Windeseile neues Knochengewebe um die verletzte Stelle bilden, so webte Jósefs Inneres jedes Mal an seiner Geschichte, wenn ihn schmerzhafte Gedanken oder bittere Erinnerungen heimsuchten. Am deutlichsten zeigte sich das darin, dass er, um die Qual und der Schutzlosigkeit ein Gesicht zu geben – er, ein Mann, geboren im August neunzehnhundertzweiundsechzig –, einen Weg gefunden hatte, seine Geburt in der Geschichte der Judenverfolgung zu verankern.«

Das Geburtsjahr 1962 verweist wiederum auch auf den Autor, der selbst zu den Kindern des Jahres 1962 gehört. Denen, die nicht mehr wie er fabulieren können, weil sie unter den verschiedensten Umständen ums Leben gekommen sind, gibt er im dritten Buch eine Stimme. Da erzählen sie ihre Geschichten, kurz, knapp, ganz anders als Joséf Löwe, aber nicht weniger eindringlich. Und doch ist es am Ende wieder der erzählende Antiheld, der dem Autor dieser irrsinnigen Menschheitsgeschichte zuflüstert: »Lieber Sjón, ich warte hier auf dich.«

Eine kürzere Fassung dieses Textes ist im Rolling Stone, Ausgabe August 2020 erschienen.