Allgemein, Literatur, Roman

Pharmageddon

Christoph Höhtker war 2017 mit »Das Jahr der Frauen« für den Deutschen Buchpreis nominiert. Sein neuer Roman »Schlachthof und Ordnung« ging in der Corona-Krise unter, dabei liest sich dieser rauschhafte Roman wie das Buch der Stunde.

Kaum etwas wird derzeit sehnlicher erwartet, als das Mittel, dass Corona ein Ende macht. Denn es verspricht eine Rückkehr zur Prä-Corona-Normalität, die aller Schieflagen und Ungerechtigkeiten zum Trotz als angenehmer wahrgenommen wird als die Gegenwart mit Maske und Abstand. Dabei wissen viele, dass die Gesellschaft davor mindestens genauso krank war wie die jetzige und auch die Corona-Impfung daran nichts ändern wird.

Etwas ändern können soll das neue Medikament, das im Mittelpunkt von Christoph Höhtkers vierten Roman steht. Marazepam heißt der Wirkstoff, den der deutsche Ableger des US-Labors Winston Pharmaceutics äußerst erfolgreich unter die Leute bringt. Das Medikament verspricht, dass Ängste verschwinden und Konsumenten produktiver werden. Was besseres kann es in der nicht allzu fernen raubtierkapitalistischen Zukunft, in der die Geschichte spielt, kaum geben.

Einer, der das dringend gebrauchen kann, ist der französische Journalist Marc Toisier, der an einer Reportage über den perfekt durchgetakteten und von aller Blutrünstigkeit bereinigten Schlachthof sitzt. Mit einem Presserundgang dieses sterilen Zerlegezentrums, dessen maschinelle Grausamkeit sich kaum von dem Horror in einer herkömmlichen Tönnies-Hölle unterscheidet, beginnt der Roman. Und schon hier, auf diesen ersten Seiten, hat der Text einen ungezähmten Punch, wie man ihn in der deutschen Literatur nur noch selten findet.

Was in Toisier vorgeht, erfährt der Leser aus den Aufzeichnungen in seinem Entzugstagebuch. Denn der Journalist hält sich schon lange nur noch mit der regelmäßigen Einnahme des Wundermittels von Winston Pharmaceutics über Wasser. Aus Beschreibungen wie »Marazepam ist der Chef. Der Boss der Bosse, gleichzeitig der untertänigste Diener. Ein unglaubliches Medikament. Nichts und niemand kann ihm das Wasser reichen, wenn es mit ausreichend Wasser gereicht wird.« oder »Ohne Marazepam bin ich ein Häufchen hysterische, angstklappernde Asche, eine Schale verfaultes, zitterndes Obst.« wird deutlich, wie stark er von dem Wirkstoff abhängig ist. Doch er will großes und deshalb der erste sein, der von dem Zeug loskommt.

Die schwere unmittelbare Abhängigkeit – vergleichbar mit dem, was Chrystal Meth nachgesagt wird – ist die wesentliche Nebenwirkung des Medikaments Marom-500, von dem es in einem internen Memorandum sogar heißt, dass es die Konsumenten enorm politisiert. »Einhergehend mit einer deutlich gesteigerten Neigung, aus einmal gewonnenen politischen Erkenntnissen handlungsorientierte Konsequenzen zu ziehen«. Ein Zusammenhang mit der in den letzten beiden Jahren sprunghaft angestiegenen politischen Gewalt sei daher nicht auszuschließen, heißt es weiter in der Studie, die das Unternehmen zurückhält.

Dieser Anstieg politischer Gewalt verweist auf Thorsten Kray und seine autonome Terrorzelle »Aktive Neo-Nazi Entfernung« beziehungsweise »Advanced Neo-Nazi Extermination«, in der auch seine Schwester Nele Hoffleit Mitglied ist. Während Kray als Tarrantinoesker Nazi-Jäger im Osten Deutschlands unterwegs ist, schwebt Nele längst in anderen Sphären. Denn Marazepam hat sie von all ihren Ängsten befreit und nun schreibt sie unentwegt Briefe an Winston Pharmaceutics, in denen sie ihrer Dankbarkeit nahezu idiotisch Ausdruck verleiht.

Jede Innovation bringt auch ihre Skeptiker mit. Die Rolle übernimmt hier der Weltkriegsveteran Dr. Bunnemann, der trotz seines biblischen Alters noch als Mediziner praktiziert. Er ist die Marazepam-Quelle des Schriftstellers Joachim Gerke, der an einem Buch schreibt, in dem ein Marazepam-abhängiger Journalist und ein paar radikale Linke… also im Grund das Buch schreibt, das die Lesenden bislang in der Hand halten. Gerke begegnet den Lesenden erstmals in Bunnemanns Wartezimmer, der ihm allerdings die erhoffte Dosis der heiß geliebten Droge nicht verschreibt. Und so rutscht er in den Wahn. Zunehmend entgleitet ihm die Kontrolle über das Geschehen – dem des Romans und dem des eigenen Lebens. Ein Amoklauf später, bei dem er ein Ärztehaus, eine Apotheke und einen Gebrauchtwarenhändler vernichtet, einen Kleinkriminellen seiner gerechten Strafe zugeführt und eine weitere Apotheke großmütig verschont hat, sind die Handlungen seines Manuskripts und seines Erlebens längst miteinander verwoben.

Höhtkers Text ist eine Zumutung – im besten literarischen Sinne. Für eine weltdeutende Analyse der Gegenwart ist er zu verspielt, für Science Fiction zu nah an der Wirklichkeit. Vielleicht zielt diese Literatur eher auf eine Parallelwelt unserer Gegenwart, die darin weniger seziert als vielmehr transformiert wird. Nicht Impfgegner und Verschwörungstheoretiker drehen hier am Rad, sondern die Anhänger der neuen Pharma-Religion, die Erlösung von allen Ängsten und den dauerhaften Rausch verspricht. In den Abgrund gezogen werden dann aber alle. Denn die Droge dringt – wie der Wahn der Gegenwart – in jeden Lebensbereich ein, lässt nichts und niemanden aus.

Christoph Höhtker: Schlachthof und Ordnung. Weissbooks 2020. 409 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen

In dieser dauergedopten Krisengesellschaft prallen schlussendlich die radikalisierten Ränder ohne Gnade aufeinander. Dort, wo einst die Mitte war, hat sich Marazepam ausgebreitet und, indem es Ängste löst, auch allen Sicherheiten ein Ende gemacht. Klingt paradox, ist es auch. Aber genial paradox. Ganz im Sinne des Toirsier’schen Mantras: »Du bist der Tablette dankbar. Nur der Sklave kann seine Fesseln spüren. Und dann sprengen.«

Diesen Paradoxie-Effekt überträgt Höhtker auf die erzählerische Struktur. Die Geschichte springt zwischen Gerkes »Realitätslevel« und der Romanwirklichkeit rund um Toirsier, Kray und Hoffleit sowie selten auf eine weitere, dritte Ebene. Im Laufe des Romans, der aus unzähligen, chronologisch und geografisch verorteten Texten – Briefe, Tagebucheinträge, Protokolle, Fortsetzungsgeschichten und vieles mehr – besteht, werden diese unterschiedlichen Level miteinander verwoben, bis ein unentwirrbares »Ebenen-Mousse« aus Abhängigkeiten entsteht, deren verstörende Wirkung ähnlich fasziniert wie die Knäuel in der erfolgreichen Netflix-Serie »Dark«. Da wird der Anfang der Geschichte gesucht, aber die Protagonisten halten dennoch immer nur ein Ende in der Hand.

»Schlachthof und Ordnung« ist eine beißende Satire auf die neoliberale Gesellschaft und zugleich das komplette Gegenteil. Der Roman ist eine schallende Ohrfeige für die Anhänger der political correctness, ohne den »Das wird man doch mal sagen dürfen«—Verfechtern einen Gefallen zu tun. Es geht um Sex und Macht, um das Verhältnis von Männern und Frauen, um deutsche Provinzialität und weltweite Abhängigkeiten. Das erinnert manche an Autoren wie Michel Houellebecq oder Frédéric Beigbeder, ich sehe eher Parallelen zu den Dystopien von Dietmar Dath und der Entrückung der Welt, wie sie einem in Clemens J. Setz Romanen begegnet.

Dazu gibt es Arschlöcher, und davon nicht wenig. Selbst die, die wie Opfer wirken, haben Dreck am Stecken und werden irgendwie im Laufe des Romans zu Tätern. Ob für eine gute oder schlechte Sache, ist in dem Rausch, in den man beim Lesen des Romans verfällt, nicht mehr zu unterscheiden. Oder anders gesagt: diese Gesellschaft ist genauso bekloppt wie die unsere und gerade deshalb kaum zu begreifen. Und am Ende, wenn alle Ordnung gescheitert ist, wartet der Schlachthof.

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