Erzählungen, Literatur

Geschichten, die das Arbeitsleben schreibt

In der Anthologie »Türschwellenkinder« erzählen die Kinder von Schneider:innen, Stahlarbeitern, Putz- oder Hausfrauen von der Arbeit ihrer Eltern. Dabei wird deutlich, wie die eigene soziale Herkunft das Schreiben und Erinnern prägt. Pierre Bordieu kann sich von diesen Erzählungen bestätigt fühlen.

»Wecker. Aufstehen. Rasieren. Kaffeemaschine. Auto. Meine frühesten Erinnerungen haben mit der Maloche meines Vaters zu tun. Die Abläufe sind getaktet, auf jede Störung reagiert er wütend«, erinnert sich der Kolumnist, Reporter und Literaturkritiker Martin Becker an seine Kindheit. Er kommt aus einer Arbeiterfamilie, der Vater fuhr in die Zeche, die Mutter malochte als Schneiderin. »Sie haben nicht gearbeitet, um zu leben. Sie haben gearbeitet, um noch mehr zu arbeiten«, schreibt er im Rückblick. Ihre proletarischen Rituale und Routinen sind ihm in Fleisch und Blut übergegangen, in Romanen wie »Kleinstadtfarben« oder »Marschmusik« hat er diese Erfahrung verarbeitet. Es ist nur konsequent, dass er zu den 26 Autor:innen gehört, die zu der überaus lesenswerten Anthologie »Türschwellenkinder. Über die Arbeit der Eltern« beigetragen haben.

Die Klassenfrage ist zurück in der deutschsprachigen Literatur, auch aufgrund der soziologisch grundierten Texte von Erfolgsautor:innen wie Annie Ernaux, Didier Eribon, Édouard Louis oder Nicolas Mathieu. Die soziale Herkunft hat in Zeiten der Identitätspolitik aber auch unabhängig vom französischen Vorbild an Bedeutung gewonnen. Autor:innen wie Christian Baron, Deniz Ohde, Marlen Hobrack, Daniela Dröscher oder Domenico Müllensiefen sind in ihren autofiktionalen Bestsellern Fragen der sozialen Herkunft und ihrer Wirkung auf den Grund gegangen. Die in ihren Texten beschriebenen Milieus sind dabei so verschieden, wie sie nur sein können, bewegen sich auf einer fallenden Geraden von kleinbürgerlich über proletarisch und migrantisch bis hin zu prekär oder wandeln fluide dazwischen.

Die Arbeit der Eltern, ob dauerhaft, wechselnd oder fehlend, hat zweifelsohne eine enorme Bedeutung für die soziale Lage. Vor diesem Hintergrund gibt der von Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter herausgegebene Sammelband viele Einblicke in die Prägung von Kulturschaffenden durch die erlebte Arbeit ihrer Eltern. Den Band kann man gewissermaßen als facettenreiche Erweiterung von Dinçer Güçyeters Roman »Unser Deutschlandmärchen« begreifen, für den er erst vor wenigen Wochen den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat. In dieser wort- und bilderstürmenden Erzählung legt der sympathische Autor-Verleger aus Nettetal die Gastarbeiter-Erfahrung seiner Eltern offen. Einen so berührenden und augenöffnenden (Gast)Arbeiter:innen-Roman konnte man lange nicht lesen.

Mit »Türschwellenkinder« hat man viele Arbeitererzählungen in der Hand. Autor:innen wie Henning Ahrens, Zoë Beck, Martin Becker, Nadire Biskin, Lütfiye Güzel, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Ulrike Almut Sandig, John Sauter, Tijan Sila oder Senthuran Varatharajah, aber auch Verleger wie Michael Faber oder Jörg Sundermeier erzählen hier facettenreich vom Leben und Überleben in proletarischen Verhältnissen, wohlgemerkt ohne klassenkämpferische Töne anzuschlagen. Entsprechend vielfältig sind die Erfahrungen und Perspektiven.

Wolfgang Schiffer, Dinçer Güçyeter (Hg.): Türschwellenkinder. Über die Arbeit der Eltern . Elif Verlag 2023. 245 Seiten. 24 Euro. Hier bestellen.

Die Berliner Schriftstellerin Ulrike Almut Sandig etwa beschreibt ihre Kindheit in einem Pfarrhaus und beschreibt, wie ihre Eltern, ein Pfarrer und eine Religionspädagogin, ihre Zeit immer wieder demütig der Gemeinschaft widmen. taz-Autorin Doris Akrap widmet sich dem Arbeitsverständnis ihres nach Deutschland eingewanderten Vaters, nämlich »dass sie Fortschritt bringt, für das eigene Leben, aber vor allem für das Leben all der anderen um einen herum«, wie es bei so vielen Gastarbeiter:innen der Fall war. Michael Faber erinnert sich daran, wie er im vom Vater geleiteten Verlag »Blut geleckt« und sich »das Gen der Büchermacherei gebildet« hat, während Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeier beschreibt, wie seine Eltern sich an den langsamen Untergang der industriellen Schneiderei in Westeuropa anpassen mussten. Die Dramatikerin Maria Milisavljević wiederum berichtet von den Folgen einer verhängnisvollen Begegnung, die ihr Elektrotechniker-Vater bei einer seiner Dienstreisen gemacht hat, die Autorin Martina Hefter vom Aufwachsen im familieneigenen Hotel, das ihre Eltern verkauften und der Lyriker und Übersetzer José F. A. Oliver poetisiert in aufregender Form, wie sich sein Andalusisch ins Allemannische vernarrte.

Spannend ist, dass Arbeit von vielen Autor:innen nicht mit Erwerbsarbeit gleichgesetzt wird, sondern auch Haushaltsarbeiten einschließt. So bilden die Rückblicke auch die Verhältnisse der Zeit ab, in denen traditionelle Familienmodelle keine Seltenheit waren. Väter gingen arbeiten, Mütter kümmerten sich um Küche und Wäsche. Wenn Frauen dann doch arbeiten gingen, wurde der Haushalt zusätzliche Last. »Samstags gehört Mutti mir. Pustekuchen«, erinnert sich der Lyriker Arnold Maxwill. »Sie gehörte der Waschmaschine, dem Wischmopp, dem Staubsauger, auch dem Flickzeug, den Schubladen, der Badewanne und allen dazugehörigen, teils widerspenstigen Körpern, dem Bettzeug, Kleiderschrank etc. Nach der Arbeit ist vor der Arbeit. Oder so ähnlich.« Viele Frauen haben sich in dieses Schicksal gefügt, ihre Rebellion fand im Stillen statt, wie Lütfiye Güzel in ihrem Gedicht zeigt. »meine mutter macht tee, mein vater trinkt ihn, sie steht um sechs uhr auf & putzt die treppen, manchmal auch um unsere beine herum & hindurch, dann weiß ich, dass sie wütend ist & zu viel arbeitet.«

Aktuelle Bücher der Autor:innen des Sammelbandes

Allein für die aufwühlenden Texte, die sich migrantischen Schicksalen auseinandersetzen, lohnen die Lektüre dieses Bandes. Sie sind mal verspielt, wie José F. A. Olivers Text, der sich zu seiner Bauern- und Gastarbeiterkindheit ohne Schmerz bekennen kann. »Sie formte mich, nicht normte mich«, schreibt er. Er eignete er sich über die Sprache das Land an, »aus Worten w:erden W:orte« – was für eine Poesie. Weniger verspielt, aber ähnlich poetisch ist Senthuran Varatarajahs mit Tamil versetzter Gesang auf seinen Vater. Der kam in den 80ern als Flüchtling nach Deutschland und pendelte zwischen Schicht- und Gottesdienst immer hin und her.

Ozan Zakariya Keskinciliç, dessen Gedichtband »Prinzenbad« gerade erschienen ist, schreibt über den Arbeitseifer seines Vaters, der als Gastarbeiter»noch mehr Geld verdienen muss, damit Nene und Dede, und Hala und Eniste und Teyze und Amca auch ein schönes Leben haben«. Oder Tijan Sila, dessen Vater irgendwann als Ebay-Händler endet und allerlei Schrott anhäuft, in dem der Autor eine magische Versöhnung findet. In Geschichten wie diesen wird die besondere Lage der Migranten in der arbeitenden Bevölkerung deutlich, hier entwickelt der Band eine fast soziologische Kraft. Bourdieu würde sich angesichts dieser Erzählungen die Hände reiben, denn sie bestätigen seine Theorien zur sozialen Ungleichheit.

Die in diesem Band versammelten, vom Arbeitsleben geschriebenen Geschichten reichen von den Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahren bis in die Gegenwart und bilden so auch die Geschichte der Modernisierung der Arbeitswelt ab. So wie aus Schneider:innen Programmierer:innen oder aus Schriftsetzer:innen Ebay-Händler:innen wurden, sind Einwandernde zu Hilfsarbeiter:innen, Hausfrauen zu Pflegekräften und Kohlekumpels zu Arbeitslosen geworden. Dabei stellen die Texte mal mehr auf die persönlichen, dann wieder auf die zeithistorischen Verhältnisse ab, wobei die Schwelle zwischen Privat und Beruf sowie Familie und Gesellschaft permanent wechselseitig überschritten wird. In der großteils akademischen Literaturlandschaft lohnt es sich, den Erzählungen der »Türschwellenkinder« zu lauschen. In ihnen erfährt man aus erster Hand, wie Herkunft die Wahrnehmung der Welt prägt. Sie sch:reiben sich eindrucksvoll dieser Welt ein.

Bei aller Unterschiedlichkeit vereint die schreibenden »Türschwellenkinder« das Bewusstsein, wie die erlebte Arbeit der Eltern das eigene Sein prägt, auch wenn die eigene Arbeit nichts mehr mit der der Eltern zu tun hat. »Ich bin woanders«, schreibt Jörg Sundermeier. »Doch selbst da, wo ich gerade bin, komme ich immer von dort her, wo ich anfangs war.«

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