Literatur, Roman

Eine pulsierende Geschichte des Begehrens

Wie macht man eine problematische Geschichte, die vom Einzelnen nur lückenhaft zusammengehalten kann, nachvollziehbar und spürbar? Die Lyrikerin Rosmarie Waldrop hat in ihrem Roman »Pippins Tochter Taschentuch« Wege gefunden und eine eigene Poetik des Erinnerns entworfen, die in Ann Cottens Übersetzung im Rhythmus des Lebens pulsiert.

»Beim Sex wie in der Meteorologie ist die Zahl der Partikel, die im Spiel sind, so hoch, dass eine genaue Verzeichnung ihrer Positionen und Geschwindigkeiten unmöglich ist.« Aus genau diesem Grund muss diese Geschichte aufgeschrieben werden, erfahren die Leser:innen von Rosmarie Waldrop Roman »Pippins Tochter Taschentuch« schon auf der ersten Seite, denn nur so kann Lucy herausfinden, ob die beiden Zwillingsschwestern Andrea und Doria ihre leiblichen Schwestern oder doch nur ihre Halbschwestern sind. Ihre gemeinsame Mutter Frederika Wolgamot, eine Sängerin, ist nämlich möglicherweise schon kurz nach ihrer Eheschließung mit Josef Seifert eine Affäre mit dessen Kriegskameraden Franz Huber eingegangen. Das Ganze hat sich abgespielt in der unterfränkischen Provinz, genauer in Kitzingen am Main, wo das Taschentuch von Pippins namensloser Tochter im 8. Jahrhundert gelandet ist.

Rosmarie Waldrops Roman führt zurück an diesen Ort in einer dunklen Zeit. Denn das Drama rund um Frederika, Josef und Franz trägt sich in den späten zwanziger und den dreißiger Jahren zu. Während sich die Dinge zwischen den Dreien verkomplizieren, übernehmen die Nazis das Land. Da ist es natürlich nicht ganz unerheblich, dass Frederikes Liebhaber Franz Jude ist und Josef seinen latenten Antisemitismus mit der Wut des betrogenen Gatten ausleben kann. Zumal die Liebelei seiner Frau nicht geheim bleibt, sondern der Geburt der Zwillinge ein Rosenkrieg der besonderen Art folgt, der zwar Frederika und Josef zusammenführt, die schändliche Anekdote aber zwecks Unterhalt bis vor ein Gericht bringt. Das gerät zwar irgendwann in Vergessenheit, aber als in Deutschland die nazistische Rassenideologie in Gesetze gegossen wird, bekommt sie eine neue Bedeutung. Denn jetzt hängt das Leben von Andrea und Doria davon ab, ob sie der Lende des linientreuen Parteisoldaten Josef entstammen oder jüdisches Blut in ihnen fließt.

Ein halbes Jahrhundert später wendet sich nun das spätgeborene dritte Kind, das ganz sicher Josef als seinen Vater benennen kann, mit eingangs zitierten Worten an ihre Schwester Andrea. Sie hat alles zusammengekratzt, was sie von der verschütteten Familiengeschichte finden konnte. In Briefen wendet sie sich an ihre Schwester und versucht dabei aus privaten Schriftstücken, offiziellen Dokumenten, persönlichen Erinnerungsfetzen und historischem Material zu rekonstruieren, was damals wohl geschehen ist und wie die Dinge zusammenhängen.

Rosmarie Waldrop: Pippins Tochter Taschentuch. Aus dem Englischen von Ann Cotten. Suhrkamp Verlag 2021. 275 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen.

Das könnte als historische Rekonstruktion schrecklich dröge werden, aber Waldrop ist eine Meisterin der Komposition und Sprache. Zum einen lässt sie in diese Rekonstruktion des Gewesenen die Gegenwart lebendig werden, indem Lucy die Kapriolen ihres Daseins einfließen lässt und schildert, wie dieses ihr Denken beeinflusst. Darüber hinaus lässt sie die erzählte Geschichte selbst erzählen – das Gerede der Dörfler kommt als genau das daher: als Rede.
Darüber hinaus hat die Autorin ihrem Roman eine ganz eigene Akustik verliehen. In diesem Text stöhnt, grunzt und klappert, klimpert und klickt es, was das Zeug hält. Dabei macht sich die Autorin mitunter auch die Techniken zunutze, die den Metaphern im Text zugrunde liegen. Etwa wenn Josefs den Moment des Betrugs wie einen Film vor seinem inneren Auge vorbeiziehen lässt und das Klicken des Bildverschlusses in den Text fließt:

»Frederikas Arsch, nackt, in der Luft, wie es schien, Franz’ Hände darauf wie Tabakblätter. Klick. Frederikas Finger, weich, im Bart des Satyrs. Klick. Frederikas Finger, fest, auf seinem Schwanz. Klick. Zunge in Ohr. Klick. Zunge gegen Zunge. Klick. Schwanz nicht mehr sichtbar. Klick. Finger den Anus stupsend. Klick.«

Rosmarie Waldrop: Pippins Tochter Taschentuch. Aus dem Englischen von Ann Cotten.

Diese Lebendigkeit des Textes kann aber nicht die Wissens- und Erinnerungslücken überbrücken, die Lucy an zentralen Stellen immer wieder vor Rätsel stellen. Ihrer Verlorenheit in der eigenen Familiengeschichte hat Rosmarie Waldrop in eine besondere Form übersetzt. Der Text der Erzählung ist in hunderte Abschnitte geteilt, die jeweils auf Zwischenüberschriften auflaufen oder von diesen ausgehend aufgaloppieren. Und manchmal, in besonderen Momenten, werden diese Titelphrasen von der Erzählung liebevoll umarmt.

»Aber ihr habt noch nicht alleine laufen gelernt, als Mutter

DIE BOMBE,

das faule Ei, fallen lässt: Josef von Franz erzählt.«

Rosmarie Waldrop: Pippins Tochter Taschentuch. Aus dem Englischen von Ann Cotten.

So wird die Erzählung immer wieder unterbrochen, im wortwörtlichen Sinne brüchig. Der Text zerfällt in die Fragmente von Lucys lückenhaften Erinnerung, die auch mit aller Mühe und Akribie nicht gefüllt werden kann. Die Gewissheit von Geschichte, weitergetragen als oral history, wird so selbst fragil. Der Logik von Ursache und Wirkung wird so der Boden entzogen.

Die Titel »machen den Roman zugleich stottern und erlauben ihm, weiterzugehen«, beschreibt Ben Lerner in seinem Nachwort diesen besonderen Rhythmus, der vielleicht am ehesten Waldrops tiefe Verbundenheit mit der Lyrik spiegelt. Wie bei einem Gedicht gibt sie dem Text so eine sprechende Gestalt und lässt ihn wie den Rhythmus des Lebens pulsieren. Systole. Diastole. Systole. Diastole. Systole. …

In diesem Rhythmus scheint sich auch etwas Grundsätzliches der Poetik der in Deutschland geborenen Amerikanerin zu spiegeln, die Ann Cotten in ihrem Nachwort, in dem sie das experimentalpoetische Werk ihrer Autorin vertieft, wie folgt beschreibt: »Mit Waldrop lernt man sprachliche Bautechniken für lichte, elegante Räume. Immer wieder neue Schnitte, die auch Schritte sind, durch die Wirklichkeit setzen. Dann innehalten. Betrachten.« Bei diesem Innehalten und Betrachten, oft ist es auch ein Vor- und Zurückblicken, ertappt man sich auch immer wieder bei der Lektüre von Cottens atmender Übersetzung. Dabei profitierte die in Amerika lebende Schriftstellerin und Übersetzerin zweifellos auch von ihrer eigenen Schreiberfahrung, bei der sie prosaische, essayistische und lyrische Elemente immer wieder miteinander in Bezug setzt – etwa in ihren Essays von on the road »Fast Dumm« oder in ihrem Versepos »Verbannt!«.

»Du wolltest eine Geschichte. Etwas mit Form, wie eine Sonate: Einleitung, Durchführung und Auflösung. Wo eines ins andere führt«, schreibt Lucy ihrer Schwester an einer Stelle, nur um gleich einzuräumen, dass eine solche Geschichte nicht möglich ist. Stattdessen formt sie eine Erzählung, in der die Dinge einfach an die Oberfläche kommen, wie sie kommen. Das ist erzählerisch mitreißend, formal aufregend und literarisch grandios.