Literatur

Spleenig süße, intellektuelle Assoziationsketten

Die Leipziger Literaturübersetzerin Timea Tankó hat mit ihrer klingenden Übertragung der Notizen zu Casanovas Memoiren von Miklós Szentkuthy einen kulturellen Schatz der ungarischen Literatur für den deutschsprachigen Raum gehoben.

Der Autor dieses ebenso wilden wie amüsanten, ambitionierten wie versierten, (selbst)ironischen wie eloquenten Kommentars zu den Memoiren des berühmt-berüchtigten venezianischen Schürzenjägers, ist der Ungar Miklós Szentkuthy (1908 – 1988). Der in Deutschland bislang kaum bekannte Autor wird von György Dalos (der zu der wunderschönen deutschen Ausgabe ein kenntnisreiches Nachwort beigesteuert hat) als »literarischer Sonderling à la Proust oder Joyce« beschrieben.

Diesen Sonderling – an dessen Texten ungarische Gegenwartsautoren wie Péter Nádas, Péter Esterházy und László Krasznahorkai ihre Freude haben sollen, wie man liest – kann man nun auch hierzulande Entdecken. Der erste seiner insgesamt zehn Bände, die unter dem Titel »Brevier des Heiligen Orpheus« erschienen sind, umfasst über 120 Essays, von denen manche nur wenige Zeilen lang sind, andere einige Seiten umfassen. In ihnen ergründet Szentkuthy, mal Wort für Wort, dann wieder paraphrasierend, Casanovas Sicht auf die »spleenig süße Mitte zwischen der anarchischen und zivilisatorischen Gestalt der Liebe«, wie er in seinem Vorwort schreibt. Warum sich das lohnt, weiß er auch gleich zu begründen: »Nie war die Liebe so zügellos, so golden, so libertin wie hier – und nie war sie so elegant, formvollendet und maskiert.«

Miklós Szentkuthy: Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus. Aus dem Ungarischen vom Timea Tankó erstübersetzt, mit einem Nachwort von György Dalos. Die Andere Bibliothek 2020. 312 Seiten. 44,00 Euro. Hier bestellen.

Indem er diese formvollendete Liebe kommentiert, stellt er ihr das eigene Programm gegenüber – stilsicher, überbordend und augenzwinkernd. Und wer dachte, dass Giacomo Girolamo Casanova ein lüsterner Chauvinist gewesen sei, der wird bei dem Ungarn eines Besseren belehrt. »Über eine Frau schreibt er, sie lebe, trotz ihrer neunzig Jahre, gesund und fröhlich.« Die Welt des Casanova sei von solchen ewig jungen Menschen bevölkert, in ihr herrsche kein ewiger Frühling, schreibt Szentkuthy. »Diese alte Dame ist ganz einfach zäh, sie existiert weiter und weiter und immer noch in der Zeit, jedoch ohne den Klimbim von Zeitmysterium und Lebensreichtum. … Zu seinem abstrakten Hedonismus passt genau diese »geschmacklose«, prosaische Todesvermeidung. Die völlige Lebenssicherheit, jedoch frei von jeglichen Optimismusbordüren.« Überhaupt, lesen wir später, sehe Casanova »die Welt als katholischen Bürgergarten potentieller Ehefrauen«. Mit jeder wolle er zusammenbleiben, und wenn er anders handelt, dann »gegen sein Herz, aus Ehrlichkeit der Frau gegenüber oder aufgrund anderer äußerer Umstände.« Die leise Ironie, die in diesen Zeilen mitschwingt, lässt gleichermaßen Be- und Verwunderung ob der eigenen Gedanken durchblicken.

Man merkt diesem durch Weltliteratur, Kunstgeschichte, Musik und Philosophie fliegenden Gedankengebäude die Lust am intellektuellen Spiel und am Schreiben an. Szentkuthy ist ein manischer Schreiber, allein sein hinterlassenes Tagebuch soll hunderttausend Seiten umfassen. Dazu kommen neun weitere Breviere, mehrere Romane (darunter ein tausendseitiger Debütroman), Essays und andere Textsammlungen. Sie sind alle Ergebnisse eines unablässigen Über-die-Welt-Nachdenkens, wie er in seinen Casanova-Notaten selbst einräumt. »Weil ich, da ich nun einmal nur die ewig neuen Konstellationen der Tausenden Nuancen der Welt als Gedanken empfinde und an erster und letzter Stelle ein Denker bin«, heißt es da und man bekommt eine Ahnung, wie es ihn täglich an den Schreibtisch gedrängt hat, um mit dem Stift in der Hand den Fragen der Welt auf den Grund zu gehen. Wenngleich er schon hier einräumt, dass »eine wirklich intellektuelle Antwort (auf die Welt, A.d.A.) kann nur ein ganzes Leben sein, mit all seinen Ereignisschimmern, endlosen Assoziationsketten, unzähligen Stimmungsvariationen.«

Timea Tankó, die unter anderem im Guggolz Verlag die expressionistischen Romane von Andor Endre Gelléri übersetzt hat, hat sich diesen Satz zu Herzen genommen, als sie die Notizen von Miklós Szentkuthy klingend und schwingend ins Deutsche übertragen hat. Ihr deutscher Text selbst ist ein ständiges Ereignisschimmern, folgt wie ein ruhig dahinfließender Strom den endlosen Assoziationsketten des Ungarn und bildet dessen Nachdenken über Casanova in unzähligen Stimmungsvariationen, in den höhsten Höhen und tiefsten Tiefen, nach. Zudem leuchtet dieser Text fast gegenwärtig, auf historisierende Sprache hat Tankó weitgehend verzichtet. Einzig die mondäne Bildung des Ungarn, die aus seinen Texten aufsteigt, lässt erkennen, dass diese Notizen einer Zeit vor der Wikipediarisierung des Weltwissens entstammen. Mehr kann man von einer Übersetzung nicht erwarten.

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