Literatur

Jenny Erpenbeck für International Booker Prize nominiert

Jenny Erpenbeck hat es mit ihrem englischen Übersetzer Michael Hofmann auf die Shortlist für den International Booker Prize geschafft. Die Berlinerin ist in der englischsprachigen Welt äußerst erfolgreich, manche sehen in ihr bereits eine kommende Nobelpreisträgerin. Mit dem renommierten Preis wird der beste Roman aus dem nicht englischsprachigen Ausland ausgezeichnet.

Jenny Erpenbecks DDR-Untergangsroman »Kairos« ist in der bei Granta Books erschienenen Übersetzung von Michael Hofmann für den International Booker Prize nominiert. »Kairos« erzählt die Geschichte der 19-jährigen Katharina, die sich auf eine Beziehung mit dem deutlich älteren Schriftsteller Hans einlässt. Es geht um die Dynamiken zwischen der etwas chaotischen jungen Frau und dem gesetzten Intellektuellen, die Schriftstellerkreise in Ost-Berlin und die letzten Tage der DDR.

Der Autorin sei ein »gekonnt geflochtener Roman über die Verstrickung von persönlichen und nationalen Veränderungen im turbulenten Berlin der 1980er Jahre« gelungen, lobte die Jury den Roman. In einer »exquisiten Prosa« verbinde Erpenbeck Tiefe mit Klarheit, um aufzuzeigen, wie sich persönliche und historische Wendepunkte überschneiden. »Sie versteht es meisterhaft, generationsbestimmende politische Entwicklungen durch die Linse einer zerstörerischen Beziehung zu brechen und so das Wesen von Schicksal und Handeln zu hinterfragen. „Kairos“ ist eine anregende philosophische Untersuchung über Zeit, Möglichkeiten und die Kräfte der Geschichte.«

Der International Booker Prize zeichnet seit 2015 den besten internationalen Roman aus, der in Großbritannien veröffentlicht wird. Er ist mit 50.000 Euro dotiert, die jeweils zur Hälfte an Autor:in und Übersetzer:in gehen. Hang Kang, David Grossman, Olga Tokarczuk, Jokha Alharthi, Lucas Rijneveld, David Diop, Geetanjali Shree und Georgi Gospodinov haben seitdem gemeinsam mit ihren Übersetzer:innen den Preis gewonnen. Jenny Erpenbeck ist bereits zum zweiten Mal für den Preis nominiert, bereits 2018 stand sie mit ihrer englischen Übersetzerin Susan Bernofsky für »Go, Went, Gone«, also die englische Fassung ihres mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romans »Gehen, ging, gegangen« auf der Longlist des renommierten Preises.

Der von Michael Hofmannn übersetzte Roman kommt in der englischsprachigen Welt gut an. Die Kritikerin Natasha Walter lobte Jenny Erpenbecks Roman im Guardian als einen »der düstersten und schönsten Romane, die ich je gelesen habe. Die LA Times machte Erpenbeck zum »unangefochtenen Star der deutschen Literatur in Amerika« und der Chefkritiker im National Public Radio zeigt sich in seiner Lobeshymne sicher, dass Erpenbeck in den kommenden fünf Jahren den Literaturnobelpreis gewinnen würde.

Die sechs auf die Shortlist des International Booker Prize 2024 berufenen Titel | Foto: The Booker Prizes

Derartiges Lob ist zweifellos auch auf die Arbeit des Übersetzers zurückzuführen, dessen Familie wie die von Jenny Erpenbeck aus Ostdeutschland stammt. Die Zeit, die der Roman beschreibt, sei ihm »einigermaßen vertraut« gewesen, räumte er im Interview ein. Deutsche Autoren wie Joseph Roth, Franz Kafka, Alfred Döblin, Hans Fallada, Ernst Jünger, Irmgard Keun, Wolfgang Koeppen, Herta Müller oder Durs Grünbein hat er bisher übersetzt und zahlreiche Preise dafür erhalten. Michael Hoffmann kommt aus einer literarischen Familie, sein Vater war Literaturprofessor und Autor, der Großvater einer der Herausgeber der Brockhaus Enzyklopädie. Er selbst schreibt Lyrik, unterrichtet Dichtkunst und Übersetzung an der Florida University.

Auf der sechs Titel umfassenden Shortlist stehen neben Jenny Erpenbeck die Argentinierin Selva Almada mit ihrem Roman »Not a River« in der Übersetzung von Annie McDermott, die Niederländerin Jente Posthuma mit dem Roman »What I’d Rather Not Think About« in der Übertragung Sarah Timmer Harvey, der Südkoreaner Hwang Sok-yong mit seiner magisch-realistischen Erzählung »Mater 2-10« in der Übertragung von Sora Kim-Russell und Youngjae Josephine Bae, der Brasilianer Itamar Vieira Junior mit seinem Roman »Crooked Plow« in der Übersetzung von Johnny Lorenz sowie die schwedische Autorin Ia Genberg mit ihrem Roman »The Details« in der Übertragung von Kira Joseffson.

Die deutschsprachigen Ausgaben

Vier der sechs Titel auf der Shortlist liegen bereits in einer deutschsprachigen Fassung vor. Neben Erpenbecks 2021 bei Penguin erschienenem Roman »Kairos« sind dies: Selva Almadas Roman »Kein Fluss« ist im vergangenen Herbst in der Übersetzung von Christian Hansen im Berenberg-Verlag erschienen. Itamar Vieira Juniors Roman »Die Stimme meiner Schwester« liegt bereits seit Herbst 2022 in der Übersetzung von Barbara Mesquita beim Verlag S. Fischer vor und Ia Genbergs »Die Details« ist im vergangenen Herbst in der Übersetzung von Stefan Pluschkat bei Rowohlt erschienen.