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Amanda Gorman und der Glaube an die Literatur

Die Debatte um die Übersetzung von Amanda Gormans Gedicht »The Hill We Climb« ist unter die Räder die Identitätspolitik gekommen. Das Grundverständnis von dem, was Literatur überhaupt soll, ist dabei aus dem Blick geraten.

»Es ist eine kleine Ironie, dass ausgerechnet in einem Bereich, wo die Akteure unterbezahlt und unsichtbar sind, die Frage nach Teilhabe und Repräsentation plötzlich so laut wird«, kommentierte die Vorsitzende des Verbands deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ) Patricia Klobusiczky in der letzten Woche im Deutschlandfunk. Es ging um die Übersetzung des Gedichts, das die junge Lyrikerin Amanda Gorman zu Joe Bidens Amtseinführung vorgetragen hat. Diese wird seit wenigen Wochen rege diskutiert, nachdem eine Journalistin öffentlich kritisiert hatte, dass der niederländische Meulenhoff-Verlag »nicht einen Spoken Word Artist nehmen (wollte), jung, weiblich und unapologeti­cally Black wie Gorman?«

Dies löste in den Niederlanden eine emotionale Debatte aus, an deren Ende die junge niederländische Autorin Marieke Lucas Rijneveld poetisch von ihrem Auftrag zurücktrat: »Den Widerstand nie aufgegeben, und dennoch einsehen müssen, wenn / es nicht an dir ist, wenn du vor einem Gedicht auf die Knie gehst, / weil ein anderer es besser bewohnbar macht / nicht aus Unwillen, / nicht aus Bestürzung, sondern weil du weißt, da ist so viel / Ungleichheit.«

Rijnevelds Absage zieht längst Kreise. So sah sich etwa der spanische Verlag Univers dazu veranlasst, dem bereits beauftragten Übersetzer, den Katalanen Victor Obiols, den Auftrag (bei voller Bezahlung) mit der Begründung zu entziehen, dass man nun »vorzugsweise eine Frau, eine Aktivistin« beauftragen wolle. Der Hamburger Verlag Hoffmann & Campe, der die deutsche Übersetzung des Gedichts herausbringen wird, hatte von Anfang an auf ein Übersetzerteam gesetzt, bestehend aus der erfahrenen Übersetzerin Uda Strätling, der Autorin Kübra Gümüşay und der Rassismusforscherin Hadija Haruna-Oelker. So will der Verlag sicherstellen, dass »auch persönliche Erlebnis- und Erfahrungswelten (in die Übersetzung) mit eingebracht werden«, wie Tim Jung im Interview erklärte. Dass bei Strätlings Übersetzungen von afroamerikanischen Autor:innen wie Teju Cole und Claudia Rankine da bislang kein Manko bestand, lässt man außer Acht.

In der Diskussion um die Übersetzung von Gormans Gedicht prallen zwei verschiedene Argumente aufeinander: die Übersetzung und das Soziale. Beides wird emotional diskutiert, auch hierzulande, und es gibt dabei leider nur Verlierer. Denn konsequent zu Ende gedacht ist die Vermischung dieser beiden Resonanzsysteme problematisch und hätte bei umfassender Umsetzung enorme Folgen für die Literatur und ihre Akteure – Autorenschaft, Übersetzer:innen, Literaturkritik und Publikum.

Folgen und Veränderungen sind keineswegs nur schlecht und schon gar nicht die Literatur kann von den komplexen Umständen unserer Zeit verschont bleiben. Insofern bräuchte es eine stärkere Differenzierung in der Debatte, die momentan aber kaum stattfindet. Allein schon die Fälle Rijneveld und Obiol sind unterschiedlich zu bewerten, weil in dem einen Falle eine Medienberichten zufolge von Gorman selbst ausgewählte Übersetzerin von ihrem Auftrag zurücktritt, in dem anderen Fall ein Verlag einen Auftrag zurückzieht, den er so vorher vielleicht nicht hätte vergeben sollen. Denn wenngleich man auch den Geschlechter-Bias bei Übersetzungen – männliche Autoren werden mehrheitlich von Männern und weibliche Autorinnen mehrheitlich von Frauen übersetzt – im Grundsatz hinterfragen kann, ist es legitim, zu hinterfragen, ob ein 60-jähriger Übersetzer von Oscar Wilde und William Shakespeare die ideale Besetzung ist, um eine 23-jährige Lyrikerin zu übersetzen. Da hätte man sich verlagsseitig sicher etwas mehr Gedanken machen können. Dass man diese Sensibilität erst im Laufe einer ohnehin schon eskalierten Debatte entwickelt hat, ist vor allem ein Versagen des Verlags, nicht des Übersetzers.

Amanda Gorman: The Hill We Climb. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Amerikanischen von Kübra Gümüsay, Hadija Haruna-Oelker, Uda Strätling. Hoffmann und Campe Verlag 2021. 64 Seiten. 10,00 Euro. Hier bestellen

Bleiben wir für einen Moment bei eben jenen, die – um es mit Übersetzerin Klobusiczky zu sagen – bislang weitgehend »unsichtbar« sind und es nur in Ausnahmefällen neben die Autoren auf die Buchdeckel schaffen. Wie Frank Heibert gerade richtigerweise festgestellt hat, geht in der gesamten Diskussion etwas sehr Zentrales verloren: nämlich dass es bei der Vergabe einer Übersetzung vor allem darum gehen sollte, dass ein:e Übersetzer:in engagiert wird. Es kann eben nicht jede:r übersetzen, der eine Fremdsprache beherrscht, sondern es braucht Erfahrung und permanente Auseinandersetzung mit Sprache und ihren Feinheiten.

Wer sich jemals mit Übersetzenden über ihre Arbeit unterhalten hat, der weiß, dass deren Gedanken um die Übertragung eines literarischen Textes viel weiter (auch über das zu übersetzende Werk) hinausführen, als es jedes Interview, jedes Nachwort oder jede editorische Notiz – die selbst bei bahnbrechenden Übersetzungen meist auf wenige hundert Wörter herunter gekürzt werden – kenntlich machen könnte. Würde man also eine Entscheidung im Sinne der besten Übersetzung finden wollen, müsste vor allem jemand gesucht werden, der diese permanente Auseinandersetzung mit Sprache nicht nur verfolgt, sondern selbst aktiv und diskursiv betreibt. Hier etwa wäre Obiol eher geeignet als Rijneveld, da die Niederländerin deutlich weniger Übersetzungserfahrung hat als der Katalane.

Übersetzung ist eine »Kunst des Einfühlens« (Heibert) und ein »Akt der Empathie« (Klobusiczky), so zwei der renommiertesten hiesigen Übersetzenden. Dies gilt, sind wir ehrlich, für die Literatur als solche – sowohl für die Produzierenden als auch die Konsumierenden. Denn ein Werk der Fiktion kann weder Glaubhaftigkeit entwickeln, wenn sich nicht die Verfasser:innen in ihre Figuren einfühlen, noch können diese Figuren eine Wirkung entfalten, wenn nicht die Konsumierenden bereit sind, sich in sie hinein zu fühlen. Man könnte also sagen, die Literatur ist ein quasireligiöses System, in dem bei allen die Bereitschaft herrschen muss, sich dem Glauben hinzugeben, dass das, was Literatur ist, ein Teil der Welt sein kann. Figuren wie Miguel de Cervantes Don Quijote, Toni Morrisons Milkman, Margaret Atwoods Desfred, die Familie Buendía von Gabriel Garciá Márquez und nicht einmal Saša Stanišics »Soldat, der das Grammofon repariert« sind ja nicht Teil der echten Welt. Aber sie könnten es sein. Und weil Lesende genau das glauben, berührt und packt uns Literatur so.

An der Kunst des Einfühlens machen sich aber auch die sozialen Argumente der Debatte fest. Heibert spricht in dem Kontext von »Betroffenheitscredits«. Brauchen Übersetzende ähnliche Erfahrungen wie ihre Autor:innen, um deren Texte zu übersetzen? Oder anders gefragt: Kann ein alter weißer Mann eine junge schwarze Lyrikerin übersetzen? Wie der Fall Obiol zeigt, kann man diese Frage stellen und es gibt Argumente, die für und die gegen den Spanier sprechen. Für ihn spricht, dass er viel Übersetzungserfahrung mitbringt. Ob er sich genügend in die junge Lyrikerin einfühlen kann, kann nur der 60-jährige Katalane beantworten. Zumindest ungewöhnlich ist aber, dass ein älterer Mann eine junge Autorin übersetzen soll – das ist in der Branche nicht unbedingt üblich. Das spricht dann wieder gegen ihn. Ob Obiol am Ende menschlich geeignet ist, muss jede:r selbst entscheiden. In seinem Gespräch mit dem Spiegel lässt er durch selbstgerechtes Mansplaining daran Zweifel aufkommen.

Wie Patricia Klobusiczky deutlich macht, kann biografische Nähe nicht zum Ausschlusskriterium werden. »Bei der Vorstellung, ich dürfte künftig nicht mehr Autorinnen und Autoren übersetzen, die ganz anderen Lebenswelten entstammen und eine ganz andere Geschichte in sich tragen – da könnte ich diesen Beruf gar nicht mehr ausüben.« Denn natürlich kann niemand erwarten, dass Übersetzende die Erfahrung der Autor:innen, die sie übersetzen, gemacht haben müssen. Sonst gäbe es weder eine Übersetzung von Homer noch Hypatia, weder von Walt Whitman noch von George Eliot, weder von James Baldwin noch von Angela Davis, weder von David Foster Wallace noch von Audre Lorde. Zumal sich hier die nächste Frage anschlösse: sind überhaupt die Erfahrungen der Autor:in ausschlaggebend oder müsste man nicht eher die der Figuren heranziehen? Diese Frage zu diskutieren, führte an dieser Stelle zu weit.

Soziale Kriterien sind divers und vielschichtig, dennoch werden sie ironischerweise meist binär behandelt. Warum eigentlich? Nicht umsonst wird Diskriminierung intersektional betrachtet. Amanda Gorman macht als junge schwarze Autorin potentiell aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe und ihres Alters Benachteiligungserfahrungen. Zudem ist sie bei ihrer alleinstehenden Mutter aufgewachsen und litt als Kind unter einem Sprachfehler. Auch das sind potentielle Gründe für Ungleichheit. Darüber hinaus bezeichnet sie sich als Feministin und Aktivistin. Beides politische Aspekte, die ebenfalls Ungleichbehandlung begründen könnten. Und wie schrieb Rijneveld? Sie würde nicht aus Bestürzung den Auftrag zurückgeben, »sondern weil du weißt, da ist so viel / Ungleichheit.«

Nun ist das die selbstbestimmte Entscheidung einer jungen Literatin, aber die Frage, ob da nicht immer Ungleichheit ist, muss zumindest erlaubt sein. Es dürfte nur eine Handvoll Übersetzende geben, die all die Ungleichheiten, die Gormans Schreiben prägen, auf sich vereinen. Sind diese automatisch besser geeignet als andere? Oder anders gefragt: Wie viele Ungleichheiten müssen Übersetzende mindestens mitbringen, um nicht als ungeeignet diskreditiert zu werden, wenn identitätspolitische Aspekte eine Rolle spielen sollen? Eine, zwei, drei…? Wer will das festlegen? Und welche sollen das sein? Gibt es primäre und sekundäre Erfahrungen?

Selbst wenn man nur eine Ungleichheitserfahrung zum Maßstab erheben und die Gorman-Debatte konsequent durchdeklinieren würde, ergäben sich allein mit Blick auf die Gegenwartsliteratur unzählige Fragen: Dürfen weibliche Übersetzerinnen Autoren und männliche Übersetzer Autorinnen übersetzen? Sind straighte Übersetzende geeignet, queere Geschichten oder Geschichten von Autor:innen, die sich nicht im binären System wiederfinden, zu übersetzen? Dürfen Übersetzende eine andere Hautfarbe haben als ihre Autor:innen? Können autobiografische Aufstiegsgeschichten von Übersetzenden aus vermögenden Verhältnissen übertragen werden? Kann Kafka ohne Verwaltungserfahrung, Hannah Arendt ohne jüdisch-feministischen Hintergrund und Maya Angelou ohne Gewalterfahrung übersetzt werden?

Wer diese Fragen mit Nein beantwortet, der macht nicht nur die Literatur um ein Vielfaches kleiner, sondern auch das eigene literarische Einfühlungsvermögen. Denn wenn der Zwang zur biografischen Nähe für Übersetzende und Autor:innen gelten würde, dann müsste er das erst recht für Kritiker:innen und Lesende, die sich deutlich weniger mit den Feinheiten des Textes und seinen verschiedenen Bedeutungsebenen auseinandersetzen. Kritiker:innen und Lesende mit anderen sozialen Erfahrungen könnten – folgt man dem identitätspolitischen Ansatz – dann zwar einen Text konsumieren, wären aber nicht imstande, zu verstehen, was die Urheber:innen des Textes sagen wollten oder was in ihnen vorgeht. Dann dürften aber auch nur noch wohlhabende Schweizer Christian Krachts neuen Roman rezensieren, Jackie Thomaes Literatur wäre nur noch für Black People in Germany geeignet, Lutz Seilers Romane dürften die letzten Ossis in den Redaktionen besprechen und Marlene Streeruwitz Werk wäre nur noch etwas für österreichische Feministinnen.

Tijan Sila, dessen autobiografisch motivierter Debütroman »Tierchen Unlimited« von einem Jungen im bosnischen Bürgerkrieg und dessen Flucht nach Deutschland erzählt, äußerte sich auf Facebook zur Debatte. Sie führe ihn zu der Frage, »was Literatur überhaupt noch soll«, weil sie suggeriere, dass jemand, der nicht dasselbe erlebt hat wie ein:e Autor:in, deren Literatur nicht verstehen könne. »Aber wozu soll ich dann noch Romane schreiben, wenn ich nicht aufrichtig daran glaube, dass mich andere verstehen können? Wenn meine Arbeit nicht sogar von der Lust angetrieben ist, von allen verstanden zu werden?«

Identitätspolitik ist Symbolpolitik und hat durchaus ihre Berechtigung, gerade wenn es um die Anerkennung und Partizipation von bislang zurückgehaltenen Positionen und Menschen geht. Die Literatur aber beraubt sie ihres ureigenen Daseinszwecks: das wir uns durch das Lesen und Erzählen von Geschichten Anderen annähern, uns mit ihren Lebenswelten konfrontieren und versuchen zu verstehen, was sie bewegt. Genau das soll Literatur ja leisten. Oder anders herum: »The Hill We Climb« wird ja nicht nur für Menschen, die einige von Gormans Erfahrungen teilen, übersetzt, sondern vor allem auch für jene, die dies nicht tun. Wenn wir davon ausgehen, dass diese bei einer guten Übersetzung die Erfahrung machen können, Gormans Positionen zu verstehen, warum sollte dies Übersetzenden beim Lesen des Originals nicht genauso gehen?

Es gehört aber auch zur Differenzierung dazu, auf einen Teil der Debatte hinzuweisen, der zu kurz kommt. Nämlich das bestimmte Stimmen mehr und andere weniger gehört werden. Wir müssen es ernst nehmen, wenn Autorinnen wie Mithu Sanyal sagen, dass ihnen lange Zeit deutsche Literatur fehlte, »die von Menschen wie mir handelt.« Und auch hier lohnt sich der intersektionale Blick. Denn ja, insgesamt sind Männer auch in der Literatur immer noch präsenter als Frauen, aber queere Frauen, Frauen mit nicht-deutscher Herkunftsgeschichte in ihrer Familie, Frauen mit Flucht- oder Gewalterfahrungen oder Frauen aus den sogenannten bildungsfernen Schichten sind eben noch seltener zu hören.

Gorman selbst soll ihrer Agentur auf den Weg gegeben haben, dass die Verlage Sorgfalt bei der Auswahl der Übersetzer:innen an den Tag legen sollten. Auch wenn unklar ist, was mit dieser Sorgfalt genau gemeint ist, kann man diesem Auftrag mehr oder weniger achtsam nachgehen. Denn natürlich mögen Erfahrungen in feministischen Diskursen, in der Rassismustheorie, in der Übersetzung von Lyrik hilfreich sein, um Gormans Gedichte zu übersetzen. Warum dies also nicht als mögliche Kriterien heranziehen, um eine:n Übersetzer:in auszuwählen? Dann wäre Rijneveld wiederum geeigneter als Obiol. Auch wenn Gorman selbst sagen würde, sie möchte eine junge und bislang kaum wahrgenommene Übersetzerin, weil sie selbst auch jung ist und bislang kaum wahrgenommen wurde.

Ob ein Team, wie es Hoffmann und Campe jetzt eingesetzt hat, die perfekte Lösung ist, mag man diskutieren, ungewöhnlich ist es nicht. Eine kommentierte Ausgabe wäre eine andere Lösung, um die Debatten im Zuge einer Übersetzung, verschiedene Argumente sowie Für und Wieder transparent zu machen.

Wer meint, übersetzte Literatur oder Literatur als solche würde gewinnen, wenn sie identitätspolitischen Aspekten untergeordnet wäre, der täuscht sich meines Erachtens. Die Welt ist komplex, Diversität nicht immer einfach. Sie beginnt nicht bei der Hautfarbe und hört auch nicht bei der sexuellen Identität auf. Dies müssen wir uns immer wieder vor Augen halten. Identität und Zugehörigkeit allein helfen nicht weiter, völlig außer Acht lassen sollten wir sie dennoch nicht. Eine bunte Gesellschaft, in der Teilhabe möglichst gleich verteilt ist, hilft hingegen schon, wie auch der Glaube daran, dass das, was Literatur uns vermittelt, wahrhaftig und Teil der Welt ist. Dieser Glaube ist eine elementare Grundlage für Empathie und die Bereitschaft, sich in andere hineinzuversetzen. Er ist wie das Glaube an das Gute, von dem Gorman in ihrem Gedicht spricht.

…We seek harm to none and harmony for all
Let the globe, if nothing else, say this is true.
That even as we grieved, we grew.
That even as we hurt, we hoped.
That even as we tired, we tried.
That we’ll forever be tied together, victorious…

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