Film, Klassiker, Literatur, Roman

Ein ästhetisches Ereignis

Oscar-Preisträger Barry Jenkins hat James Baldwins legendären Roman »If Beal Street could talk« in warmen Farben verfilmt. Die ganze Wahrheit bekommt man jedoch nur in der literarischen Vorlage, die in neuer Übersetzung vorliegt.

James Baldwin ist doch noch eine amerikanische Ikone geworden (wie nicht zuletzt auch schon Raoul Pecks eindrucksvolle Dokumentation »I’m not your Negro« bewiesen hat), weder Rassismus noch Homophobie konnten seinen magischen Texten nichts anhaben. Ganz im Gegenteil, angesichts der unter Donald Trump wiedererstarkten White-Power-Bewegung wirkt Baldwins Literatur wie ein Brennglas, die die Schande des Rassismus – in den USA, aber auch in anderen Gesellschaften – sichtbar macht.

Für seinen vorletzten Roman »Beale Street Blues«, der im Harlem der siebziger Jahre spielt, trifft das besonders zu. Die Beale Street ist überall, sie ist eine Metapher für den Rassenhass, der sich wie ein roter Faden durch die amerikanische Geschichte bis in die Gegenwart zieht. In Baldwins Roman, der zeitgleich zum Film in der sehr gelungenen Übersetzung von Miriam Mandelkow im dtv-Verlag erschienen ist, erzählt die junge Clementine Tish Rivers von ihrer Liebe zu Alonzo Fonny Hunt.

James Baldwin-Beale Street Blues
James Baldwin: Beale Street Blues. Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow. dtv Verlag 2018. 224 Seiten. 20,- Euro. Hier bestellen

Die Liebesgeschichte der beiden könnte paradiesisch sein, wären da nicht die sozialen Umstände. Denn wir befinden uns in den siebziger Jahren, in denen sich weiße Rassisten weiterhin unbeschadet als verlängerter Arm des Staates auf der Straße austoben dürfen. Bei Baldwin ist dies Officer Bell – »ein Rassist und ein Lügner«–, der Fonny mit dem Vorwurf, die junge Victoria Rogers vergewaltigt zu haben, in den Knast bringt. Der Fall stinkt gewaltig zum Himmel, denn der junge Schwarze hat für den Tatzeitpunkt ein Alibi. Als sich jedoch das vermeintliche Opfer nach Puerto Rico absetzt, steht die Aussage eines weißen Polizisten gegen die eines schwarzen Verdächtigen. Wie das ausgeht, darüber muss man nicht spekulieren.

Kein geringerer als Barry Jenkins, der für »Moonlight«, diese überwältigende – wenngleich nicht unumstrittene – Adaption eines Bühnenstückes über einen jungen, homosexuellen, afroamerikanischen Mann, 2017 den Oscar für den besten Film gewann, hat sich Baldwins Roman angenommen. Er greift in seinem in warmen Farben und Jazz-Melodien getauchten Film dessen Erzählrhythmus perfekt auf und lässt die junge Tish (KiKi Layne) im Wechsel von der gemeinsamen Zeit vor Fonnys (Stephan James) Festnahme und dem anschließenden Kampf ihrer Familie um dessen Freilassung erzählen.

Die Bildsprache ist an der herzerwärmenden Liebe des jungen Paares ausgerichtet, was Jenkins »Beale Street« zweifelsohne zu einem ästhetischen Ereignis macht. Zugleich liegt darin aber auch die verheerende Schwäche des Films. Denn so warm und weich wie die Geschichte hier weitgehend erzählt wird, hat sie Baldwin nicht aufgeschrieben. In der literarischen Vorlage ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen keineswegs so konfliktfrei wie im Film dargestellt. Da herrschen geradezu patriarchale Verhältnisse, da folgt einem harten Wort schon mal eine Ohrfeige.

Baldwin fühlte sich den Tatsachen verpflichtet, auch wenn sie kein gutes Bild auf seine Charaktere warfen. Allein deshalb lohnt es sich in diesem Fall, neben dem Film auch zum Buch zu greifen. Jenkins unterdrückt diese geschlechterspezifische Gewalt in seinem Film. Dass der junge Regisseur Dinge verharmlosend darstellt, um bestimmte Effekte zu erzielen, hatte zuletzt Bret Easton Ellis im Zusammenhang seines Oscar-prämierten Dramas »Moonlight« kritisiert. Darin habe Jenkins die körperliche Begegnung seiner beiden Hauptdarsteller auf ein Minimum reduziert, um das Publikum nicht mit echter Homosexualität zu konfrontieren, so Ellis Kritik.

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Beale Street. Regie: Barry Jenkins. KiKi Layne, Stephan James, Regina King, Colman Domingo. Universumfilm 2019. 114 Minuten. FSK: 12. Hier bestellen

Dafür betont er die Brutalität des Rassismus, indem er die klassische Handlung in eine Klammer aus Sequenzen mit dokumentarischen Schwarz-Weiß-Bildern setzt. Das ist durchaus im Sinne Baldwins, der in seinem Roman die brutale Psychologie des Rassismus unablässig spiegelt. Nach oben wird gebuckelt und nach unten getreten. Das gilt auch für die schwarzen Helden, die in Baldwins Roman nicht so makellos sind wie in Jenkins Kinoadaption. Unschuldige Opfer des Rassismus bleiben sie nichts desto trotz.

Website zum Film: https://dcmworld.com/portfolio/beale-street/