Amerika muss über sich selbst nachdenken

© Dan Budnik 

1979 beginnt der amerikanische Autor James Baldwin ein Buch über eine Reise zu schreiben, »von der ich immer wusste, dass ich sie eines Tages antreten werde«. Über 30 Seiten ist er nie hinausgekommen, Raoul Peck hat sein Manuskript nun verfilmt. Der Dokumentarfilm »I’m not your Negro« ist der beste Beitrag zum Rassismus in den USA auf der diesjährigen Berlinale, schlichtweg ein Meisterwerk des politischen Kinos. 

Der Schriftsteller James Baldwin war einer der wichtigsten amerikanischen Intellektuellen seiner Zeit. Weil er zudem noch schwarz war, ist er Dauergast in Radio- und Fernsehshows gewesen, wenn über Rassismus in den USA diskutiert wurde. Bei den meist weißen Moderatoren stieß er mit seiner fundamentalen Kritik am amerikanischen Selbstverständnis auf Kopfschütteln. Das weiße Amerika sah sein Verbrechen nicht oder wollte es nicht sehen. Als Baldwin in einer Show gefragt wurde, wo denn noch Unterschiede zwischen der weißen und der schwarzen Bevölkerung lägen, antwortete er: »Wenn Weiße im Namen der Freiheit zur Waffe greifen und sich erheben, dann jubelt die komplette westliche Welt. Wenn Schwarze das mit exakt denselben Worten und genau der gleichen Motivation tun, dann werden sie als Kriminelle und Terroristen beschimpft.«

Baldwin wurde 1924 in Harlem geboren. Sein Vater ist unbekannt, zu seinem Stiefvater hatte er ein schwieriges Verhältnis. Eine innere Heimat fand er früh in einer Pfingstgemeinde, sein Erweckungserlebnis verarbeitete er in seinem autobiografischen Debütroman „Go tell it on the mountain“. Als Schriftsteller, Publizist und Intellektueller setzte er sich intensiv mit Rassismus und Sexualität auseinander.

Wenngleich er aus dem Rassismusdiskurs in den USA nicht wegzudenken ist, lebte Baldwin den Großteil seines Lebens in Frankreich. Als Autor müsse er sich seinen Manuskripten zuwenden können und habe keine Zeit, sich mit dem zu befassen, was in seinem Rücken stattfinde. Da im Rücken schwarzer US-Bürger aber immer der gewaltsame Tod lauere, habe er keine andere Wahl gehabt, als die meiste Zeit im Ausland zu verbringen, hatte er in einer Diskussion erklärt. Trotz seiner jahrelangen physischen Abwesenheit war er bestens über die Vorgänge in den USA informiert sowie gut mit der black community vernetzt. Auch weil er sich in den Hochjahren der Bürgerrechtsbewegung vorwiegend in den USA aufhielt. Bürgerrechtsikonen wie Malcolm X, Martin Luther King jr. und Medgar Evers zählte er zu seinem Freundeskreis. Evers wurde 1963 erschossen, King 1965 und Malcolm X 1968. Seither hat das Töten im Namen des Rassismus kaum an Bedeutung verloren; die Ermordung von Rodney King 1991 oder der gewaltsame Tod von Michael Brown 2014 sind nur zwei der prominentesten Todesfälle in diesem Kontext.

© Dan Budnik 

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Jene fünf Jahre zwischen 1963 und 1968 aber, in denen drei der wichtigsten Personen der US-amerikanischen Geschichte erschossen wurden, prägten Baldwin besonders. Denn die Schwarzen Bürgerrechtler wurden vorrangig nicht erschossen, weil sie schwarz waren, sondern weil sie das dualistische Gesellschaftssystem aus schwarz und weiß infrage stellten. Baldwin durchschaute das ganz genau, so wie er auch ganz klar erkannte, dass die Geschichte der Schwarzen in Amerika die Geschichte aller Amerikaner ist. Diese Geschichte erzählt Peck in seinem auf Baldwins Manuskript beruhenden Film. I’m Not Your Negro ist in deshalb weiten Teilen ein Film von James Baldwin. Der Schriftsteller hatte in seinem Skript die Verbindungen der mit sehr unterschiedlichen Argumenten und Mitteln agierenden Bürgerrechtler herausgearbeit, was Peck hier eindrucksvoll bebildert. Medgar Evers etwa wählte als NACCP-Akteur den juristischen Weg, Martin Luther King jr. den der auf Integration setzenden moralischen Instanz und Malcolm X forderte den bewaffneten Widerstand.

Peck stellt Baldwins Blick auf die amerikanische Geschichte klug nach. Dabei zeigt er, wie festgelegt die Rollenbilder des weißen und des schwarzen Mannes in den populären Massenmedien seit dem frühen 20. Jahrhundert waren. In Film, Werbung und Literatur werden die Weißen als wehrhafte Helden inszeniert, während die Schwarzen in der Rolle des unterwürfigen Sklaven verharren.

 

I'm not your negroDen american dream hielt Baldwin vor dem Hintergrund des Rassismus für gescheitert, weil er für niemanden das Leben besser gemacht hatte. Die Weißen verharrten in der Rolle der Ignoranten und Erniedriger, die Schwarzen und Ureinwohner blieben die Unterdrückten. Statt auf Freiheit und Wohlstand beruht die amerikanische Gesellschaft auf einem Gewaltsystem der Weißen, um die Anderen schwach zu halten. »Häfen, Straßen und Brücken in den USA sind in einem wortwörtlichen Sinne auf schwarzen Seelen gebaut«, erklärte Baldwin in den Siebzigern in einer Fernsehshow. In einem anderen Kontext heißt es von ihm, dass die Amerikaner verstehen müssten, was die bestehenden Verhältnisse über sie als Nation aussagen.

Allein Baldwins präzise Analyse der inneren Missverständnisse der amerikanischen Nation, die nichts an Aktualität verloren hat, macht diesen Film sehenswert. Neben den zitierten Perspektiven von Evers, King jr. und Malcolm X sowie ihrer bereichernden Reflektion durch James Baldwin erhält I’m not your Negro in der subjektiven Annäherung des haitianischen Regisseurs noch eine dritte Ebene. Auf dieser wird die notwendige Verbindung des historischen Bürgerrechtskampfes mit den gegenwärtigen Zuständen geschaffen. Die allgegenwärtige Präsenz von Barack Obama als erstem schwarzen Präsident hatte zwischenzeitlich den Anschein erweckt, das »Negro Problem in America« bestünde nicht mehr. Der rasant wachsende Einfluss der neuen und alten Rechten unter Donald Trump macht diese Annahme inzwischen schon wieder obsolet, Pecks Film wird dadurch aber nur relevanter.

© Yanceville Films

© Yanceville Films

Auf der Berlinale laufen zwei weitere Filme, mitbdenen sich weitere Parallelen zwischen den Argumenten der Bürgerrechtler aus den siebziger Jahren und der gegenwärtigen Situation in den USA ziehen lassen. Yance Ford geht in seinem außergewöhnlichen Film Strong Island dem Mord an seinem Bruder William auf den Grund, der 1992 in einer Garage erschossen wurde. Obwohl es ausreichende Indizien für die Hintergründe der Tat und den Täter gab, wurden die Ermittlungen eingestellt. Ein erschossener Schwarzer war es nicht wert, gründlich zu ermitteln. Gleich zu Beginn des Films erklärt eine Beamtin der Staatsanwaltschaft, dass sie sich zu dem Non-Case nicht äußern und auch für den Film nicht zur Verfügung stehen wird. Ford bleibt daher nichts anderes übrig, als den Fall selbst noch einmal aufzurollen. Sehenswert macht den Film jedoch nicht die Darstellung der mutmaßlichen Ereignisse, sondern die Verbindung mit der innerfamiliären Traumatisierung sowie der fortgesetzten rassistischen Politik in den USA. Yance stellt sich dabei selbst immer wieder selbst der Kamera, setzt sich ihr aus und zeigt sich in all seiner Subjektivität. Dieses Vorgehen ist nicht nur folgerichtig, sondern sogar notwendig, nachdem sich die objektive Instanz der Gerichte nicht mit dem Fall auseinandersetzen wollte. Spannend ist Strong Island vor allem dann, wenn Ford seine Mutter in den Vordergrund rückt. Sie hatte ihre Söhne auch unter schwierigsten Umständen immer im Sinne der republikanischen Werte erzogen. Um dann festzustellen, dass sie und ihre Familie nicht aus der Rolle der minderwertigen »Negros« entlassen werden. Seit 25 Jahren muss sie sich fragen, was all ihr Brennen für die imaginierte Nation genutzt hat, wenn der schwarze Körper und Geist (!) immer noch als minderwertig angesehen wird.

For AhkeemIn dem Dokumentarfilm For Ahkeem erzählen Jeremy S. Levine und Landon Van Soest die Geschichte der 17-jährigen Daje. Das Mädchen wächst in einer schwarzen Nachbarschaft in der Nähe von Ferguson auf, wo Michael Brown 2014 von einem Polizisten erschossen wurde. In ihrem Film zeigen sie die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit der jungen Frau, für die Zukunftsfragen wie Bildung und Familie angesichts der existenziellen Bedrohung, der sie und ihre Freunde auf Straße ausgesetzt sind, nur eine nachgeordnete Rolle spielen. Die Namen auf ihrem Schulheft, hinter denen ein Kreuz oder einfach nur RIP gekritzelt ist, symbolisieren das eindrucksvoll. For Ahkeem erzählt an diesem Einzelschicksal entlang, was es heißt, in einem Land aufzuwachsen, in dem der schwarze Körper permanent bedroht ist. Bedauerlicherweise sind die Dialoge aufgrund der schlecht abgestimmten Tonspur und dem weitgehenden Verzicht auf Untertitel, die die vernuschelten Dialoge durch die Protagonisten hätten ausgleichen können, schwer zu verstehen. Die Auswirkungen der Ghettoisierung und fortgesetzten Segregation über Bildungs- und Sozialsysteme werden dennoch eindrucksvoll deutlich.

Vieles von dem, was diese Filme offenlegen, kann man auch bei Ta-Nehisi Coates, Tony Morrison oder Nuruddin Farah lesen. Die Veranschaulichung der Gewalt über den schwarzen Körper – auf der Berlinale vor drei Jahren übrigens auch eindrucksvoll von Thomas Allen Harris in dem Dokumentarfilm Through a lens darkly. Black Photographers and the emergence of people vor Augen geführt – gibt dem allgemeinen Wissen aber noch einmal eine konkrete Gestalt.

© "Yo Mama's Pieta, 1996" Courtesy of Renee Cox.

© “Yo Mama’s Pieta, 1996″ Courtesy of Renee Cox.

Man könne niemanden in Ghettos einsperren, ohne selbst ein Monster zu werden, erklärt Baldwin am Ende von I’m not your Negro. An anderer Stelle erklärt er, dass sich Amerika in einer Sackgasse befinde, »denn das, was wir sind, hat nichts mit dem zu tun, was wir sein wollen«. Um zu verstehen, warum das so ist, müssten die Amerikaner bereit sein, ihr eigenes Verhalten kritisch zu betrachten und sich zu fragen, warum ihr Leben so leer und hohl ist, dass eines der größten Vergnügen offenbar darin besteht, sich über Schwarze zu erheben. »Niemand kann Dinge ändern, ohne sie betrachtet zu haben.« Die Schwarzen, und auch das zeigt der Film, sind den Weißen in der Beobachtung des Anderen um Einiges voraus.