Berlinale Bites: Die Macht der Fotografie

© "Yo Mama's Pieta, 1996" Courtesy of Renee Cox.

Der US-Amerikaner Thomas Allen Harris geht in seinem Dokumentarfilm »Through a lens darkly. Black Photographers and the emergence of people« der Frage nach, wie im Bilderkosmos der letzten 150 Jahre Afroamerikaner dargestellt wurden und sich selbst dargestellt haben.

Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Wörter. Nicht umsonst lässt die Forderung nach besser ausgestatteten Bildredaktionen bei den großen Medien nicht nach, denn Bilder machen Politik. Sie sind Ikonen der Zeit und der Verhältnisse, aus ihnen kann man die Sicht einer Gesellschaft auf die Abgebildeten und deren soziale Stellung ableiten.

Der Dokumentarfilm Through a lens darkly von Thomas Allen Harris ist eine kulturwissenschaftliche Pionierarbeit. Darin ergründet er die Abbildung der Afroamerikaner in amerikanischen Medien seit Erfindung der Fotografie. Ausgangspunkt seiner Untersuchung ist die Feststellung des Historikers Richard J. Powell, dass er als Student in den Geschichtsbüchern nicht das Bild der Afroamerikaner gefunden hat, dass er im Kopf hatte, sondern nur ein negatives Belastetes. Er fand Bilder von Schwarzen als Kriminelle, als Gauner oder als Faullenzer, aber keines, das sie als gleichwertige Menschen  zeigt. Dies ist die Blaupause für das Image der Schwarzen im nationalen Familienalbum, dass Harris neu sortieren und bestücken will.

Zunächst gilt es aber, das bestehende zu sichten und zu analysieren. Er entdeckt Daguerreotypien aus dem 18. Jahrhundert, auf denen Schwarze, wie von Powell beschrieben, als minderwertige Wesen abgebildet sind, halbnackt, wie Wilde in Käfigen inszeniert. Als Sklaven war das nicht nur die Position, die ihnen von ihren weißen Herren zugeteilt wurde, sondern zugleich auch der bildhafte naturwissenschaftliche Beleg für ihre Geringwertigkeit.

Mit der Erfahrung des Bürgerkriegs änderte sich diese Ikonografie vorübergehend. Die Erfahrung, dass Schwarze das Land mit befrieden und aufbauen, lässt sie selbst aus der gebückten Haltung in eine aufrechte wechseln. Stolz und mit festem Blick präsentieren sich die Afroamerikaner Mitte des 19. Jahrhunderts den Fotografen.

Das Pendel schlägt die nächsten 100 Jahre immer wieder hin und her, wenngleich die Selbstermächtigung über das eigene Image durch die Afroamerikaner stetig zunimmt – sowohl durch den wachsenden Einfluss afroamerikanischer Fotografen als auch durch die Wandlung der eigenen Wahrnehmung. Diese Veränderung des Selbstbildes spiegelt die gesellschaftspolitischen Verhältnisse in den USA, in denen sich innerhalb von zwei bis drei Generationen der Einfluss und die Mitwirkungsmöglichkeiten radikal verändert haben. Aus den Sklaven sind bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts politische Mandatsträger geworden.

Einen extremen Rückfall gab es erneut mit dem Aufkommen der Werbefotografie. In den Anzeigen und Annoncen Anfang des 20. Jahrhunderts taucht der negative Stereotyp des wilden Schwarzen wieder auf.  Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs schlägt das Pendel erneut in die andere Richtung. Mit dem Image des schwarzen Soldaten emanzipieren sich die afrikanischen Einwanderer der USA vom Objekt zum Subjekt.

Für die Ewiggestrigen ein nicht zu ertragender Anblick. Der Mob greift, überwältigt vom wachsenden Ansehen der Schwarzen als gute amerikanische Bürger, zur Lynchjustiz. Schwarze werden öffentlich gefangengenommen, verprügelt, verbrannt oder gehängt. Auf den Fotografien und Postkarten [sic!], die dies belegen, sieht man, dass mit der Selbstjustiz die gesellschaftspolitische Lage kippt. Die öffentlichen Hinrichtungen werden zu sozialen Happenings, bei denen gelacht und gefeiert wird. Unten der Tanz, oben die aufgeknüpften Schwarzen.

Eine der wichtigsten Wegmarken der US-amerikanischen Ikonografie des Schwarzen Mannes liegt in der Black-Panter-Bewegung und den politischen Prozessen, die darum stattgefunden haben, in denen vor allem die afroamerikanischen Fotografen zum Wandel der Perspektiven beigetragen. Es macht einen Unterschied, wer die Fotos macht – das hat sich leider bis heute nicht geändert.

Harris hat mit zahlreichen aktiven Fotografen, Künstlern und Historikern über ihre Arbeiten gesprochen, in deren Arbeiten die Rückeroberung der Macht über das eigene Image eine große Rolle spielt. Zu seinen Gesprächspartnern gehören unter anderem Renée Cox, Hank Willis Thomas, Charles Stewart, Gordon Parks, Ernest Withers und Deborah Williams. Sie alle sind geprägt von Roy DeCarvaras bewegenden Harlem-Fotografien, die er 1955 in Sweet Flypaper of Life publiziert hatte. Dessen sensible und lebensnahe Aufnahmen gaben dem Image der Afroamerikaner ihre geraubte Würde zurück.

Seit DeCarvaras spielen schwarze Künstler selbstbewusst mit den weißen Stereotypen und Klischees, um diese ad absurdum zu führen und von sich selbst ein würdevolles menschliches Antlitz zu schaffen. Es geht darum, den Blick auf Afroamerikaner von der negativen Last des Schwarzseins zu befreien und ihre Akzeptanz als gleichwertige Menschen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit – zu etablieren. Die Selbstinszenierung »Yo Mama’s Pieta« von Renée Cox ist ein gutes Beispiel dafür. Aus der Fotografie brüllt der Satz des Johannes »Seht, welch ein Mensch!« geradezu heraus.

Immer wieder geht es ihm um die Klärung der Frage, was sehen konkret bedeutet. Wen oder was nehmen wir eigentlich war, wenn wir einen Menschen betrachten? Harris wendet sich hier direkt an sein Auditorium in den Kinosälen, um das so wichtige Thema von der Kinoleinwand in die Wirklichkeit zu schubsen. »Wenn Du einen schwarzen Menschen betrachtest… wenn ich einen schwarzen Menschen betrachte… Afrikaner… Amerikaner… mich… die anderen… uns… Dich… Wen sehe ich? Wen siehst Du? Sehe ich uns jetzt? Sehe ich uns dann? Sehe ich uns in einer Zeit, die noch kommen wird? Oder sehe ich durch eine dunkle Brille?«

Harris hat zwischen die historischen Fotografien und Aufnahmen, anhand derer er das Image der Afroamerikaner in den letzten 150 Jahren veranschaulicht, Gesprächsauszüge und Arbeiten der oben genannten geschnitten, so dass ein ständiger Dialog zwischen gestern und heute stattfindet. Um dieses pendeln zu beenden, verlangt er mehr Aktivität. »Wir müssen uns selbst unabhängig von Zeit und Raum betrachten«, kommentiert Harris am Ende seiner eindrucksvollen Dokumentation, um ein »Familienalbum der Menschheit zu schaffen, in dem wir uns als ebenbürtig ansehen«. Eine schöne Vision.

Hier geht es zu den Vorführungen auf der 64. Berlinale