In Regina Porters fulminantem Gesellschafts- und Familienroman »Die Reisenden« kreuzen sich die Schicksale des schwarzen und weißen Amerikas in den verschlungenen Stammbäumen zweier Familien vielfältiger Weise.

»Liebe war ein Muskel«, denkt Agnes Miller, als sie sich in die Ehe mit Eddie Christie stürzt. »Man benutzte ihn. Man trainierte ihn, und die Liebe lohnte es einen mit Kraft und Beweglichkeit.« Regina Porters muss ihren Roman mit inbrünstiger Liebe geschrieben haben, so kraftvoll und beweglich ist die weit verzweigte Geschichte, die sie darin erzählt. So pragmatisch der Gedanke der jungen Agnes auch scheinen mag, ihre mit Eddie gegründete Familie bildet einen der Ankerpunkte in diesem doppelten Familienepos, da zugleich auch amerikanische Geschichte reflektiert. Im Zentrum stehen dabei die Dynastien des schwarzen Navy-Veterans Eddie Christie und die des Anwalts James Samuel Vincent, der auch als »der alte weiße Mann« bezeichnet wird. Wer jetzt einen klischeebeladenen Familienroman erwartet, der Rassismus und Klassenfragen auseinandernimmt, urteilt vorschnell. Denn die mehrfach ausgezeichnete New Yorker Theaterautorin Regina Porter entwickelt mithilfe unzähliger Nebenfiguren und Handlungsstränge eine tiefgründige, kluge und immer wieder überraschende Handlung, die noch sehr viel mehr mitbringt.

Regina Porter | Foto: Liz Lazarus
Regina Porter ist eine vielfach ausgezeichnete Theaterautorin und lebt in Brooklyn | Foto: Liz Lazarus

Die Erzählung erstreckt sich zeitlich über die sechs Dekaden von Martin Luther King zu Barack Obama. Sie nimmt im ländlichen Georgia Fahrt auf, wo Agnes mit ihrem ersten Freund von zwei weißen Polizisten auf dem Rückweg von einem Konzert auf einer dunklen Landstraße angehalten werden. Agnes wird gezwungen, »die Sache mit einem kleinen Spaziergang« in die Sümpfe abseits der Straße klären. Was genau passiert, bleibt unausgesprochen, aber es braucht nicht allzu viel Fantasie, um sich den Missbrauch denken zu können. Traumatisiert wird sich Agnes von ihrem zur Hilflosigkeit verdammten Freund trennen und in die Hände von Eddie begeben. Der wird kurz nach der Geburt seiner Kinder nach Vietnam gerufen, wo er die amerikanischen Jets mit Bomben belädt. Mit der Schuld eines Mordes und dem Theaterstück Rosenkranz und Güldenstern sind tot kommt er nach Hause zurück. Eddie verstrickt sich nicht nur selbst in das Seemannsgarn der beiden Nebenfiguren aus Shakespeares Hamlet, sondern verwickelt darin auch seine ganze Familie.

Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen wird seine Tochter Claudia über James Baldwin zu William Shakespeare finden. Bei ihr laufen auch die biografischen Linien der Christies mit denen der Vincents zusammen. Ihr Mann Rufus ist der eheliche Sohn des alten weißen Mannes, der wiederum die Kartoffelbauernmentalität seiner Familie abgelegt und als Anwalt reüssiert hat. Dass sich Rufus nun als Joyce-Experte einen Namen macht und damit das Bauernthema wieder in die Familie holt, oder dass ihn mit seiner Schwiegermutter eine schmerzhafte Begegnung mit dem Bügeleisen verbindet, die deren tief sitzende Rassismuserfahrung spiegelt, sind nur zwei der vielen Anekdoten, die Porters Familien- und Gesellschaftsroman auszeichnen.

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Übersicht der familiären Verzweigungen im Bucheinband

Vorangetrieben wird der Plot von der Liebe als pulsierende und ausströmende Kraft, die keine Rücksicht auf Herkunft und Konventionen nimmt. Agnes Christie etwa entscheidet sich zwar gegen ihre große Liebe Eloise, die Erfahrung der Anziehung zwischen zwei Frauen wird sie allerdings nie loslassen. Auf der anderen Seite ist James Samuel Vincent, der mit seinen Beziehungen und Affären dem eigenen Familienstammbaum einige Ableger verleiht. Diese sorgen nicht nur innerhalb der Familie für Chaos, sondern zuweilen auch im Roman, der unter der Last der mehr als drei Dutzend Charaktere, deren Lebensreisen nachgezeichnet werden, zuweilen bedenklich ächzt. Da hilft auch die Übersicht der familiären Verzweigungen im Bucheinband nur leidlich.

Hier wird Porters Prägung als Theaterautorin sichtbar. Sie interessiert sich vor allem für Charaktere und deren Motive, weniger für einen lückenlosen Plot. Das erklärt auch die Form des Romans. In lose verbundenen Vignetten wird man mit den Akteuren auf Lebensreise geschickt. Die Handlung springt zwischen Zeit und Raum hin und her, als Briefwechsel, als dramatische Übung oder als erzählende Prosa. So unterläuft Porter in der Form jegliche an Herkunft und Aufstieg gebundene Erwartung.

Dabei unterläuft sie auch immer wieder die Geschlechtererwartung, indem sie in ihre Welt ebenso mit queeren und emanzipierte Frauen bevölkert wie mit empfindsamen oder zeugungsunfähigen Männern. Sie zeigt in dieser weitläufigen Geschichte nicht weniger als das Chaos, das das Leben in den USA, insbesondere aus der Perspektive von schwarzen Amerikanern, seit Jahrzehnten prägt. »Wir sind hier«, sagt Agnes Christie auf der letzten Seite des von Tanja Handels flüssig übertragenen Romans zu ihren Töchtern. Das »Und gehen hier auch nicht mehr weg« steht da zwar nicht, aber es hallt laut am Ende dieses famosen Romans nach.

Regina Porter-Die ReisendenRegina Porter: Die Reisenden

Aus dem Amerikanischen von Tanja Handels

Fischer Verlag 2020

384 Seiten. 22,00 Euro

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Eine kürzere Fassung dieses Textes ist im Rolling Stone 2/2020 erschienen.

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