Klassiker, Literatur

Der Weltcontroller mit neuem Anstrich

Uda Strätling überträgt die Romane von Ann Petry, Teju Cole, Marilynne Robinson und Adam Haslett ins Deutsche. Vor Jahren schon legte sie eine erfrischend neue Übersetzung von Aldous Huxleys satirischer Dystopie »Schöne neue Welt« vor. Die ist kürzlich in einer von Reinhard Kleist illustrierten Ausgabe erschienen. Die in Hamburg lebende Übersetzerin macht im Austausch deutlich, wie Kleists expressive Illustrationen zu Huxleys anspielungsreicher Ironie passen und vor welche Herausforderungen ein solcher Klassiker eine Übersetzerin heute stellt.

Frau Strätling, warum lohnt sich die Lektüre von Aldous Huxleys Klassiker heute noch?
Ein Werk wie Aldous Huxleys »Schöne Neue Welt« spricht jede Epoche neu an, es verträgt und fordert fortlaufend neue Lesarten, einen neuen Blick, ein neues Hören, es schafft und weitet im Laufe seiner Rezeptionsgeschichte seinen eigenen Hallraum – mit entsprechenden Erkenntniszuwächsen, einem durch immer neue Auslotungen vertieftem Verständnis, mit sich wandelnden Leseansprüchen, einer zunehmenden Öffnung für das Fremde und entsprechend veränderten Auffassungen von »Werktreue«, von »Verfremdung« und »Einbürgerung«.
Der Klassiker also geht mit der Zeit, der Sprachbewegung, der Rezeption. Er erhält sich durch neue Deutungen am Leben. Huxleys Roman hat nichts von seiner eigentümlichen Faszination eingebüßt; eher dürfte seine Antiutopie auf den heutigen Leser in manchem noch bestürzender wirken – wenn man etwa bedenkt, dass sich die Unterhaltungsindustrie »Big Brother« längst als Showformat einverleibt hat, während wir, als wohlkonditionierte Konsumenten, selbst munter die Big Data liefern.

Was macht das Werk einerseits so zeitlos und zugleich so zeitgemäß – auch sprachlich?
Ja, wir stehen vor einem gewissen Paradoxon: Das Original scheint uneinholbar, es behält wie Zenons Schildkröte stets einen Vorsprung. Der mag sich zwar immer wieder verringern lassen, nie aber wettmachen. Nehmen wir etwa den »Weltcontroller« der »Schönen Neuen Welt«. Bei Huxley schlummert in der Bezeichnung »world controller« bereits die Bedeutung, die dem (Fremdwort!) »Controller« bei uns erst in den letzten zwei Jahrzehnten zugewachsen ist (Controlling verstanden als Führungssubsystem, als technisches oder auch politisches Instrument der Regelung und Steuerung); was im Englischen also latent vorhanden ist, wird dort durch die Sprachbewegung freigemacht.

Die Inkubatoren | © Reinhard Kleist

Was hat die aktuelle Relevanz von Huxleys Satire über die beste aller Welten für Folgen für eine Neuübersetzung?
Die Übersetzung, die letztlich eine Lesart fixiert, bleibt zwangsläufig stärker ihrem Zeit- und Sprachhorizont verhaftet, einer spezifischen historischen und kulturellen Verortung. Das lässt sich an der »Schönen Neuen Welt« sehr schön zeigen, wenn man die ursprüngliche Übertragung von Herberth E. Herlitschka – entstanden 1932 in der krisengeschüttelten Weimarer Republik unter den Bedingungen wachsender Ideologisierung – mit Eva Walchs 1978 für einen volkseigenen Verlag der DDR angefertigten Übersetzung vergleicht oder der jetzt in Zeiten der »Globalisierung« vorgelegten.
Herlitschka war es seinerzeit darum zu tun, den Text auf den Leser zuzubewegen, ihn aus dem »englischen Milieu« in ein »allgemeineres, deutsch gefärbtes« zu transponieren. Solche Eingriffe waren damals gang und gäbe. Der Erstübersetzer der »Schönen Neuen Welt« ging in seinem Einbürgerungsbemühen so weit, die Handlung nach Berlin zu verlegen und Namen »einzudeutschen«; so wurde aus Mustafa Mond zunächst ein Mustafa Rathenau, dann ein Mustafa Mannesmann, aus dem Wilden John Savage zunächst ein Josef, dann ein (deutscher) Michel! Eva Walch hingegen kam 1978 gar nicht mehr »auf die Idee«, Namen und Schauplätze zu ändern.  Unausgesprochen jedoch war ihre »Schöne Neue Welt« ein Kommentar zu den in den DDR herrschenden Verhältnissen. Heute, in unserer mobilen, »globalen« Welt, vertragen Texte noch mehr Fremdes; Eingriffe wie die Herlitschkas verbieten sich, wir empfinden sie als nicht mit den Absichten des Autors vereinbar.
Schließlich sind die Namen der Figuren in der »Schönen Neuen Welt« auf raffinierte Weise kodiert: sie stehen stellvertretend für bestimmte wissenschaftliche, philosophische, politische und wirtschaftliche Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts; sie bieten eine Ahnengalerie der utopischen Gesellschaft und jede Menge versteckte Anspielungen und Seitenhiebe. Aus diesem Grund – und auch weil wir heute , anders als Herlitschka, Zugang zu Jahrzehnten intensiver Auseinandersetzung und Forschung zum Gesamtwerk Huxleys haben – schien es so notwendig wie nützlich, dem Text Anmerkungen beizugeben.
Insgesamt musste der Text (im Sinne unserer Aufholjagd) »schneller« werden – und hintersinniger. Denn Witz, Sarkasmus und Ironie der »Schönen Neuen Welt« schienen etwas auf der Strecke geblieben zu sein. Huxleys Werk ist schließlich eine utopische Satire auf die Konsumorientierung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung unserer Gegenwart – und bei aller Düsternis sehr, sehr komisch.

Aldous Huxley: Schöne Neue Welt. Aus dem Englischen von Uda Strätling. Illustriert von Reinhard Kleist. S. Fischer Verlag 2020. 352 Seiten. 38,00 Euro. Hier bestellen.

Gab es bestimmte sprachliche Wendungen oder Begriffe, die Sie abwandeln mussten oder für die Sie neue, aktuellere Entsprechungen finden mussten?
Die Nomenklatur, also die Namen der Institutionen und Funktionen bzw. Funktionsträger wie auch Slogans und hypnopädische Sinnsprüche, die Huxleys »utopischer Phantasie« Gestalt verleihen – und nebenbei oft schon (denken wir an den »Erzkollektivsänger«) für den ironischen Unterton sorgen –, wurden so weit an den heutigen Sprachgebrauch herangeführt, dass auch wir uns in Huxleys Gesellschaft wiedererkennen, es sollten Verfahren und Techniken (etwa Emotion Engineering) anklingen, die mittlerweile Realität sind, ohne dass Vokabeln auftauchen, die Huxley nicht zur Verfügung standen oder die er nicht verwandt hat, obwohl es sie gab (etwa Gene, Genetik, genetisch).

Welche Passage hat Sie beim Übersetzen mit Blick auf die Gegenwart besonders bewegt?
Das wäre im dritten Kapitel die großartige Montage, bei der die Ausführungen des Weltcontrollers Mustafa Mond zu Vorgeschichte und Entstehung der schönen neuen Welt kontrastiert werden mit aktuellen Praktiken (dem Konsum, der Promiskuität) und auch mit dem Unbehagen, die sie – etwa dem Außenseiter Bernard Marx – bereiten.
Aber auch die Revolte (Slapstick pur!), zu der die Konfrontation und der Konflikt der Positionen führen ist großartig, ebenso wie ein weiterer Höhepunkt des Romans: die Debatte mit dem Weltcontroller Mustafa Mond über Kunst, Freiheit, Vernunft, Wissenschaft, Religion, Glück – also Sinn und Zweck; eine Reprise der »Legende vom Großinquisitor« aus Dostojewskis »Die Brüder Karamasov«.

Der Müllberg | © Reinhard Kleist

Der renommierte Comiczeichner Reinhard Kleist hat Ihre Neuübersetzung illustriert. Wie harmonieren seine Illustrationen mit Ihrer Übersetzung?
Zunächst einmal verlangt die «Bebilderung« einer Geschichte sicher eine andere Haltung und Herangehensweise als die Entwicklung einer selbständigen Graphic Novel; man ist an eine Vorlage gebunden und muss die Spielräume anders nutzen. Kleists starker, expressiver Stil/Strich passt grundsätzlich sehr gut zu Huxleys «überzeichneter« Geschichte, finde ich. Und mir gefällt, wie er – ähnlich wie ich es versuchen musste und wie es jede Neuübersetzung verlangt – den Bogen zu unseren heutigen Zeit schlägt, indem er etwa die Bewohner der »Schönen Neuen Welt« mit Handys versieht oder auf Reklametafeln heutige Markennamen andeutet, einmal sogar mit seinem Müllberg auf Seite 191 explizit die Kehrseite (sic!) der angeblich so perfekten neuen Welt zeigt (während Huxley das zwar deutlich, aber nur indirekt tut). Besonders schön finde ich die Vorsatzblätter und die Abfolge der den einzelnen Kapiteln vorgeschalteten Vignetten (von der Eizelle zum somatisierten Konsumenten).
Allerdings hat man als Leser*in – und noch mehr als Übersetzer*in – natürlich eigene Bilder im Kopf und muss von denen erst einmal absehen. Nicht ganz leicht. (So ist es z.B. immer wieder verblüffend bis gelegentlich verstörend, die eigene Übersetzung von anderen live oder für Audioversionen gelesen zu hören.) Ich konnte mich mit Kleists Darstellung von John Savage zunächst nicht recht anfreunden; darüber half mir dann die Tatsache hinweg, dass er die Figur offenbar dem Rapper Romano (Roman Geike, siehe das den Beitrag betitelnde Bild) nachempfunden hat. An dieser augenzwinkernden Subversion hatte ich meinen Spaß.
Man darf gespannt sein, was Kleist aus/mit Orwells »1984« und Ray Bradburys »Fahrenheit 451« macht.

Einige der Ausführungen basieren auf dem Text »Andere Zeiten, andere Klassiker«, der zuvor auf hundertvierzehn.de erschienen ist. Ein Interview mit Reinhard Kleist wurde auf dem verlagseigenen Blog Tor-Online veröffentlicht.