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Radikal gegenwärtig

Frank Heibert ist einer der renommiertesten Übersetzer Deutschlands. Souverän und wortgewaltig seine Übertragungen von Don DeLillo, George Saunders und Richard Ford, Raymond Queneau, Boris Vian oder Yasmina Reza. Nun hat er George Orwells »1984« neu übersetzt und dabei eine radikale Entscheidung getroffen. Sein Text hebt sich aber nicht nur deshalb deutlich von den zahlreichen anderen Neuübersetzungen des Klassikers ab.

Was macht Orwells Roman »1984« einerseits so zeitlos und zugleich so zeitgemäß – auch sprachlich?
Die Schilderung eines repressiven, manipulativen Regimes, das physische und psychische Gewalt ausübt und alles, was nach unserem Verständnis das Menschsein ausmacht, verändern, verstümmeln oder vernichten will, ist zeitlos schockierend und aufrüttelnd. »1984« ist in der literarisch gängigen Sprache seiner Zeit geschrieben (von den Elementen des »Neusprech« abgesehen); wenn ich diese Sprache neu übersetze, soll sie, als Geschichte aus einer fiktionalen Zukunft, für heutige Leser·innen aber nicht nach Vergangenheit klingen (also nach den 1940er Jahren), sondern eher zeitenthoben.

Worauf hast Du bei der Neuübertragung besonders geachtet?
Für das Ziel, den Ton nicht historisch, sondern zeitenthoben klingen zu lassen, musste ich mir ein Konzept überlegen. Ganz kurz gefasst (in meinem Nachwort steht es ausführlicher), habe ich besonders auf zwei Aspekte geachtet: erstens auf einen klaren deutschen Satzbau – ohne die gern als »typisch britisch« wahrgenommene gewisse Umständlichkeit, mit der klassische britische Literatur oft übersetzt wird, selbst wenn das Original nicht umständlich ist. Und zweitens auf das Tempus. Ich habe mich zu dem radikalen Schritt entschlossen, das unmittelbar Schockierende der Geschichte auch für heutige Leser·innen möglichst unmittelbar zu machen, indem ich bis auf die Rückblenden und die Zitateinschübe aus den ‚Sachbüchern‘ alles ins Präsens gesetzt habe. Diese Entscheidung wirkt sich keineswegs nur auf Verbformen aus.

George Orwell: 1984. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Fischer Verlag 2021. 432 Seiten. 38,- Euro. Hier bestellen

Gab es bestimmte sprachliche Wendungen oder Begriffe, für die Du neue, aktuellere Entsprechungen finden musstest?
Die Vokabel für das wichtigste Überwachungsgerät dieser dystopischen Welt, »telescreen« – eine praktisch überall in die Wand eingelassene Fläche, die beobachtet und belauscht, aber auch Ansagen ertönen lassen kann –, fordert mich auf, einen plausiblen Begriff zu finden, der technisch klingt, vage genug, weder nach allzu alter noch nach internet-technologischer Hardware. In den früheren Übersetzungen hieß es »Televisor« bzw. »Teleschirm«, bei mir »Telemonitor«. Bei den Neusprech-Wörtern müssen Kürze und Verständlichkeit funktionieren, auch ein bewusster Mangel an Anmut der Begriffe wird explizit erwähnt; Orwells »crimethink« (das Verbrechen des falschen Denkens), früher »Verbrechdenk« bzw. »Deldenk«, heißt bei mir »Denkkrim«.

Welche Passage hat Dich beim Übersetzen mit Blick auf die Gegenwart besonders bewegt? 
Da gäbe es viele. Beängstigend aktuell fand ich die dreist-kalten Erläuterungen O’Briens dazu, wie veränderbar und doch weiter als absolut gesetzt die Kategorie der »Wahrheit« ist; einer der aktuellen Euphemismen dafür (aus der Realität!) lautet bekanntlich »alternative Fakten«. Demagogen wie Stephen Bannon kennen ihren Orwell. Wer beim ersten Lesen von »1984« vielleicht mal dachte, so dumm können die Menschen doch nicht sein, so was zu schlucken, ist in den letzten Jahren eines Schlechteren belehrt worden.

Der renommierte Comiczeichner Reinhard Kleist hat – wie schon Uda Strätlings Neuübersetzung von Aldous Huxleys »Schöne Neue Welt« – Deine Neuübersetzung illustriert. Wie harmonieren seine Illustrationen mit Deiner Übersetzung?
Reinhard Kleists Zeichnungen gehen weit über etwas Dekorativ-Illustrierendes hinaus, sie fügen dem Werk eine zweite künstlerische Ebene hinzu: Sie wirken wie Sneak-Preview-Material aus einer Graphic Novel, die es natürlich gar nicht gibt. Er fängt die Atmosphäre sehr überzeugend und beklemmend ein. In meiner Privatverfilmung des Romans (die wohl jede/r Übersetzer/in vornimmt) sehen einige Casting-Entscheidungen vielleicht etwas anders aus, aber so ist es eben mit dem Interpretationsspielraum, der sich für jede Form der Rezeption auftut. Ich finde das erfrischend und anregend.