Literatur, Roman

Eine gewaltiges Labyrinth

Der Senegalese Mohamed Mbougar Sarr erhielt für »Die geheimste Erinnerung der Menschen« den Prix Goncourt 2021. Sein Roman ist die Beschwörung eines marginalisierten malischen Schriftstellers, eine Hommage an die Literatur und ein überwältigendes Leseerlebnis. Dies ist ein Roman, der bleiben wird.

Als Ende der 80er in den USA über die kulturellen Schätze des Westens wild debattiert wurde, soll der amerikanische Romancier Saul Bellow enerviert den westlichen Kanon gegenüber anderen Kulturen verteidigt haben. Der ihm zugeschriebene Satz »Wenn die Zulus einen Tolstoi hervorbringen, werden wir ihn lesen« steht bis heute für die westlich-hegemoniale Perspektive auf die Weltliteratur.

Die bekommt auch ein geheimnisvoller senegalesischer Schriftsteller zu spüren, der als Phantom und Fixstern durch den unverschämt grandiosen Roman »Die geheimste Erinnerung der Menschen« von Mohamed Mbougar Sarr geistert. Dort taucht er unter dem Pseudonym T. C. Elimane im Paris der 30er Jahre auf und veröffentlicht einen dieser Romane, »die nur einmal am Himmel der Literatur erscheinen«, wie es eingangs heißt. Worum es in diesem hier sagenumwobenen Roman namens »Das Labyrinth des Unmenschlichen« geht, ist hier unerheblich. Es reicht, zu wissen, dass er von einer Geschichte handelt, »die man unmöglich zugleich erzählen, vergessen und verschweigen kann.« Es handelt sich also um ein bedeutendes Buch im Sinne des Erzählers, der meint: »Ein bedeutendes Buch erzählt immer nur von nichts, und doch steckt alles in ihm.«

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Hanser Verlag 2022. 448 Seiten. 27,- Euro. Hier bestellen.

Entscheidend für die Erzählung ist, dass der Roman eine laute literaturkritische Kontroverse auslöst. Seine Verfechter bezeichnen die Geschichte über einen fiktiven afrikanischen König, der seine Macht mit aller Gewalt ausbauen will, als »ein erstaunliches Erstlingswerk«, in dem alles »afrikanisch bis ins Mark« sei, und feiern den zu dem Zeitpunkt noch unbekannten Autor als »schwarzen Rimbaud«. Seine Kritiker beschreiben den Roman als den »Geifer eines Wilden« und »sinnlose Stilübung«, die »nicht negrid genug« ist. Als der Vorwurf des Plagiats auftaucht, erwartet nicht nur sein Verlag, dass sich Elimane äußert. Der aber zieht sich zurück und verschwindet in den Wirren der Zeit. Und während seine literarische Stimme für immer zum Schweigen gebracht wurde, wird sein Roman vor allem in den Zirkeln der afrikanischen Literatur-Diaspora zu einem Mythos.

Jahrzehnte später, konkret im Sommer der letzten Fußball-WM 2018, macht sich der junge senegalesische Literat Diégane Latyr Faye auf die Suche nach T.C. Elimane, nachdem ihm eine überaus attraktive Schriftstellerin den Roman in die Hand drückt. Faye ist der Ich-Erzähler dieses wilden Romans und so manches an ihm erinnert an seinen 32-jährigen Verfasser Mohamed Mbougar Sarr, der für diesen Roman im vergangenen Jahr mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten Literaturpreis der französischsprachigen Welt, ausgezeichnet wurde. Allein Fayes Vorhaben, eines Tages mit einem Roman über T.C. Elimane den Prix Goncourt gewinnen zu wollen, wirkt nun wie ein größenwahnsinniger Spiegel.

Um seinem geheimnisvollen Landsmann auf die Spur zu kommen, wühlt sich Sarrs literarischer Widergänger durch die damaligen Kritiken, sucht ehemalige Weggefährt:innen auf und reist den verwischten Spuren seines Idols nach – von Europa über Südamerika bis nach Afrika. Die Literaturen dieser Weltregionen greift die Erzählung spielerisch auf und webt sie ein, etwa wenn Bezüge zu Milan Kundera oder Boris Vian hergestellt und Verweise zu Roberto Bolaños »Die wilden Detektive« oder zu Haruki Murakamis »Die Chroniken des Aufziehvogels« eingebaut werden oder wenn Elimane in den Dunstkreis von Witold Gombrowicz und Ernesto Sábato gerückt und in einem Atemzug mit Frantz Fanon und Léopold Sédar Senghor genannt wird.

Sarr hat sein Roman dem malischen Schriftsteller Yambo Ouologuem gewidmet, dessen Erstling »Das Gebot der Gewalt« – 2019 in der Übersetzung von Eva Rapsilber im Verlag Elster & Salis neu herausgegeben und sehr zur parallelen Lektüre zu empfehlen – 1968 mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet wurde. Weil Ouologuem in seinen Roman Versatzstücken und Übernahmen aus dem westlichen Literaturkanon einfügte, sah er sich nach anfänglichem Lob bald dem Vorwurf des Plagiats ausgesetzt. Er zog sich daraufhin zurück, seine literarische Stimme verstummte.

Diese Geschichte dient als Vorlage für die fiktive Vita von T.C. Elimane, an dessen Schicksal entlang Sarr verschiedene Fragen aufwirft. Bei der Buchvorstellung im Berliner Gorki-Theater sagte er, dass es ihm darum gegangen sei, eine neue Form zu finden, um die Fallen der postkolonialen Situation zu umgehen. Wem gehört die Literatur? Wer bestimmt den Kanon? Und wer darf sich Weltliteratur aneignen, mit ihr spielen und sie verwandeln?

In glühenden Farben erzählt der Roman die Geschichte des imaginären west-afrikanischen Reiches Nakem und der Dynastie der Saïfs, die sich mit Gewalt, schwarzer Magie und diplomatischer List an der Macht hält: Die Saïfs profitieren von der versklavten schwarzen Bevölkerung, behaupten sich gegen die christliche Kirche und die französischen Kolonisatoren. Das dichte Fresko reicht vom 13. Jahrhundert bis ins Jahr 1947, an die Schwelle zur Unabhängigkeit. Hier weitet sich die Szenerie nach Frankreich aus, wohin Raymond-Spartacus Kassoumi, Sohn eines Leibeigenen, zum Studium geschickt wird …

Yambo Ouologuem: Das Gebot der Gewalt. Aus dem Französischen von Eva Rapsilber. Elster & Salis 2019. 276 Seiten. 24 Euro. Hier bestellen.

Gedanken zu diesen postkolonial-literarischen Fragen ziehen sich durch Mohamed Mbougar Sarrs Roman, der von der französischen Kritik bald schon als Beschwörung von Yambo Ouologuem gelesen wurde. Über die Kunstfigur T.C. Elimane führt Sarr in die damalige und bis heute nicht aufgearbeitete Intrige, die über den Literaturbetrieb hinaus Wirkung entfaltet. Denn wenn weiße Kritiker:innen Autor:innen aus anderen Kulturkreisen mundtot machen, geht es um mehr als um Literatur. Dann geht es darum, wer sprechen und die Deutungshoheit erringen darf. Deshalb hallt in Sarrs literar(turkrit)ischen Räumen laut das Echo des Kolonialismus.

Das löst er auch ganz praktisch. Sein Roman ist in zwei Verlagen erschienen, im französischen Verlagshaus Philippe Rey und im senegalesischen Verlag Jimsaan, den Felwine Sarr und Boubacar Boris Diop 2012 gegründet haben. Dies sei sein praktischer Versuch, seiner eigenen Situation zwischen beiden Ländern gerecht zu werden sowie das schiefe Verhältnis zwischen Frankreich und dem Senegal wieder etwas gerade zu rücken.

Mohamed Mbougar Sarr: La plus secrète mémoire des hommes. Jimsaan / Philippe Rey 2021. 448 Seiten. 22,- Euro Hier bestellen.

»Die geheimste Erinnerung der Menschen« ist zweifellos ein politischer Roman, der zur Diskussion anregt. Moralisch oder gar belehrend ist er jedoch nicht. Vielmehr ist dieser unheimlich wandlungsfähige Text Teil einer Weltliteratur, die mal als literarische Affäre oder bibliophiler Krimi, und dann wieder als Selbstfindungs- und Emanzipationsroman daherkommt. Dabei setzt sich die Erzählung aus verschiedenen literarischen Elementen zusammen. Die Feuilletonkritiken aus den dreißiger Jahren treffen auf Fayes gegenwärtigen Tagebuchsequenzen, verwinkelte biografische Nacherzählungen von Elimane und dessen Vorfahren auf dialogische Passagen, in denen Faye mit Weggefährt:innen von Elimane oder in seinem Schriftstellerkreis diskutiert. Die Tradition der Oralität, die afrikanischen Literaturen oft nachgesagt wird, findet hier ihren Widerhall, wenn Faye erzählt, wie ihm die Cousine von Elimane erzählt, was sie von ihrer Geliebten über Elimane gehört hat.

Unter dem Motto »Menschen, Erinnerungen, Geheimnisse« sprachen Deniz Utlu und Mohamed Mbougar Sarr im November im Berliner Gorki-Theater über den Roman

Einfach konstruiert ist das nicht, Sarrs Roman ist gewissermaßen das Labyrinth, das der Roman von Elimane im Titel führt und durch das er seinen Erzähler schickt. Daraus wird dann ein fulminanter Roman, der, inspiriert von den Großmeistern der Weltliteratur, die Geschichte eines sagenumwobenen Jahrhundertwerks erzählt. Dabei arbeitet der Goncort-Preisträger von 2021 mit enormen erzählerischen Sprüngen, Spiegeleffekten und unzähligen literarischen Bezügen, erzählt ein Buch im Buch und spielt über Bande mit seiner eigenen Autorenposition. Hier erweckt ein überaus belesener Schriftsteller mit allen Mitteln der Literatur einen Schriftsteller zum Leben, der die Geschichte erzählt, wie er sich von einer Schriftstellerin die Geschichte eines sagenumwobenen Schriftstellers erzählen lässt, die der Geschichte eines echten Schriftstellers verdammt ähnlich ist. Bei diesem vieldimensionalen Katz-und-Maus-Spiel funktioniert der Text wie ein Spiegelkabinett, durch dessen verwinkelte Gänge jede:r Leser:in einen eigenen Weg finden muss. So verrückt es klingt, so grandios ist das auch.

Der Text funktioniert dabei wie ein Spiegelkabinett. Durch dessen Labyrinth muss jede:r Leser:in einen eigenen Weg finden. Sabine Müller und Holger Fock, die als Übersetzungstandem das Werk von Goncourt-Preisträger Mathias Énard regelmäßig in ein klingendes Deutsch übertragen (im Frühjahr erscheint sein neuer Roman »Der perfekte Schuss« in der Übersetzung von Sabine Müller), haben dieses hochliterarische Spiel vielstimmig, kraftvoll und poetisch ins Deutsche übersetzt. Sie ziehen dafür sämtliche Register, meistern die anmaßenden Töne des Pariser Kulturbetriebs Ende der dreißiger Jahre ebenso wie den lüsternen Dirty Talk unter marginalisierten Literat:innen in den Zweitausendern. Mal raunt, säuselt und flüstert ihr Text mit dem Wind der Literatur, dann wieder poltert und donnert er wortgewaltig mit der brutalen Geschichte, durch die streift. Um schließlich davon zu erzählen, was den Menschen zum Menschen und große Literatur zu großer Literatur macht.

Mohamed Mbougar Sarr ist zweifellos ein literarisches Genie. Mit »Die geheimste Erinnerung der Menschen« hat er sich nicht nur selbst in den Kanon eingeschrieben, er hat ihn erobert und sich zu eigen gemacht. Wenn Saul Bellow noch lebte, würde er diesen Roman sicher mit Begeisterung lesen? Täte er es nicht, wäre ihm auch nicht mehr zu helfen.

»Solange die Literatur lebt, wird unser Leben, selbst wenn es nutzlos, selbst wen es auf tragische Weise lächerlich und unbedeutend ist, nicht vollkommen verloren sein.« Allein das ist angesichts der irdischen Abgründe, die sich immer wieder auftun, ein rettender Gedanke.

Eine kürzere Fassung dieses Textes ist im Freitag 49/2022 erschienen.

1 Kommentare

  1. […] Mohamed Mbougar Sarr hätte wohl kaum den renommierten Prix-Goncourt erhalten, wenn er seinen Roman »Die geheimste Erinnerung der Menschen« in Wolof geschrieben hätte? Und bei uns angekommen wäre dieser fulminante Text schon gar nicht. […]

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