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Der Treibstoff der schwarzen Vernunft

Der US-amerikanische Journalist Ta-Nehisi Coates schrieb im vergangenen Jahr seinem Sohn einen Brief, in dem er der Frage nachgeht, wie man in einem traumverlorenen Land in einem schwarzen Körper leben soll. Die Ereignisse in Louisiana zeigen, wie aktuell sein Werk ist. Die »Kritik der schwarzen Vernunft« des Nigerianers Achille Mbembe attestiert gar dem Kapitalismus rassistische Grundzüge, während sich der Sprachwissenschaftler Robert Stockhammer in den Untiefen der »Afrikanischen Philologie« verzettelt .

Es ist dunkel, als Mitte der neunziger Jahre ein junger Mann in PG County angehalten und von Polizisten kontrolliert wird. Während die Cops mit ernstem Blick seine Papiere durchsehen, steigt in dem Mann Panik auf, denn er ist schwarz und die Polizisten dieses Distrikts sind bekannt für ihren freizügigen Gebrauch der Waffe. Doch die Beamten haben nichts zu beanstanden, der Mann kann unbehelligt weiterfahren. Wenige Wochen später wird sein Sohn geboren.

Ta-Nehisi Coates hat Glück gehabt, ihm ging es nicht wie dem 37-jährigen Alton Sterling, der von zwei Polizisten zu Boden gedrückt und aus nächster Nähe erschossen wurde, und auch nicht wie dem 32-jährigen Philando Castile, der im Zuge einer Verkehrskontrolle von einem Polizisten angeschossen wurde und auf dem Sitz seines Autos verblutete. Seine Freundin streamte den Vorfall live via Facebook. Man sieht auch, wie ein Polizist, statt einen Krankenwagen zu rufen, durch das offene Fenster weiter mit seiner Waffe auf Castile zielt.

Das alles ereignis sich knapp zwei Jahre, nachdem der 18-jährige Michael Brown von dem Polizisten Darren Wilson erschossen wurde. Als die Geschworenen der Jury vor anderthalb Jahren verkündeten, dass Wilson für seinen Mord an Brown unbescholten auf freiem Fuß bleibt, verfolgt Coates dies mit seinem Sohn vor dem Fernseher. »Ich muss los« ist alles, was der 15-Jährige seinem Vater sagen kann. Dann läuft er auf sein Zimmer, die Tür fällt hart ins Schloss. »Das tat mir weh, weil ich mich, so verschieden unsere Welten sein mögen, in deinem Alter genauso gefühlt habe«, erinnert sich der US-amerikanische Journalist Ta-Nehisi Coates in seinem Brief an einem bewegenden und aufrüttelnden Brief Sohn, den er nach den Ereignissen geschrieben hat. In den USA stürmte der Essay die Bestsellerlisten, wurde zum Klassiker der Moderne und von Toni Morrison zur »Pflichtlektüre« erhoben, der nun unter dem Titel Zwischen mir und der Welt vorliegt.

Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkos. Hanser Literaturverlage 2016. 234 Seiten. 19,90 Euro.
Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkos. Hanser Literaturverlage 2016. 234 Seiten. 19,90 Euro.

Der Brief ist eine gleichermaßen kraftvolle wie poetische Reflektion der Frage, »wie man in einem schwarzen Köper leben soll, in einem traumverlorenen Land«, in dem es Tradition ist, »den schwarzen Körper zu zerstören«, wie es Coates selbst formuliert. Er ist auch eine Odyssee, die gleichermaßen in die Geschichte der USA wie in die Erinnerung des Autors führt und den Weg von der Ausbeutung des schwarzen Körpers durch die Sklaverei bis in die Gefängnisse der USA nachzeichnet, wo »unsere Körper den Traum vom Weißsein refinanzieren«.

Bereits im Juni 2014 hatte er in dem US-amerikanischen Magazin The Atlantic geschrieben, dass die amerikanische Geschichte eine »Geschichte der Behandlung schwarzer Menschen als minderwertige Bürger, minderwertige Amerikaner und minderwertige Menschen« sei. In dem ebenfalls in dem Buch enthaltenen Essay The Case for Reparations forderte er staatliche Reparationszahlungen an die schwarze Bevölkerung, weil Amerika »auf der Vorzugsbehandlung von Weißen errichtet [wurde] – 395 Jahre lang.« Dies zu vergessen, während man weiterhin der Gefallenen im Unabhängigkeitskrieg gedenke, sei »Patriotismus à la Carte«, kritisierte der heute 40-Jährige und wurde schlagartig zum womöglich einflussreichsten Sprecher des schwarzen Amerikas nach Barack Obama. Nur setzt Coates nicht auf Versöhnung, sondern auf Ausgleichszahlungen, weil damit ein Anerkennen der eigenen schuldhaften Geschichte einhergeht; für ihn eine Grundvoraussetzung für die Lösung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme.