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Der Treibstoff der schwarzen Vernunft

An dieser Stelle bietet sich ein kurzer Exkurs zu Robert Stockhammers Erkundungen der Afrikanischen Philologie an, mit denen er ausgehend von der größten Bibliothek des Altertums in Alexandrina nachzuweisen sucht, dass nicht die griechischen Argonauten die Kultur nach Afrika getragen, sondern die afrikanische Kultur mit nach Europa genommen haben. Vor allem wirft er in dem Suhrkamp Wissenschaftsband viele Fragen auf, etwa die, wann Philologie – übrigens ebenso wie Philosophie – eurozentrisch bleibt und wann sie, trotz Berufung auf Griechisch, Latein, Englisch und Französisch über den postkolonialen Bezug hinaus Eigenständigkeit erlangt. Er geht der Frage nach, wie die afrikanische Philologie im europäischen Roman aufgegriffen worden ist und fragt, was denn afrikanische Literatur sein kann, um abschließend mit den Romanen von Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee den Rand der afrikanischen Philologie zu erkunden.

Robert Stockhammer: Afrikanische Philologie. Suhrkamp Verlag 2016. 310 Seiten. 18,- Euro.
Robert Stockhammer: Afrikanische Philologie. Suhrkamp Verlag 2016. 310 Seiten. 18,- Euro.

Im Grunde reist Stockhammer durch die Praktiken im Umgang mit Schrift und Schriftgut auf dem afrikanischen Kontinent. Doch weil er zu lange in den altsprachlichen Bezügen hängenbleibt – Herodot, Erathostenes, Heliodor, Homer, Augustinus – und die afrikanischen Sprachen und Autoren nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt, bekommt er die Philologie des Kontinents doch nicht wirklich zu fassen. Wer möchte, wird auf den knapp 300 Seiten seiner Studie dennoch eine Antwort auf Saul Bellows provokante Frage finden.

Man kann aber auch ganz einfach zum neuen Roman des somalischen Schriftstellers Nuruddin Farah greifen. Jenes andere Leben (Aus dem Englischen von Susann Urban. 382 Seiten. 24,95 Euro), ist gerade im Suhrkamp-Verlag erschienen und handelt ebenso von Somalia und den Lebensverhältnissen in dem vom Bürgerkrieg zermürbten Land wie auch vom Leben in der Diaspora, den durch die Globalisierung in alle Winde verstreuten Exil-Somalis und den Auswirkungen ihrer Erfahrungen auf die somalische Gesellschaft.

Ta-Nehisi Coates schließt mit seinem kraftvollen Duktus schließt an das Werk von James Baldwin an. Es ist gleichermaßen persönlich wie grundsätzlich, voller Erinnerungen, Beobachtungen und historischer Fakten. Er zeichnet ein Panorama der amerikanischen Gegenwart, das auf schmerzvolle Weise alle Sinne für den anhaltenden Angriff auf den schwarzen Körper öffnet. Die Wirklichkeit des Rassismus sei »eine zutiefst körperliche Erfahrung, die das Hirn erschüttert, die Atemwege blockiert, Muskeln zerreißt, Organe entfernt, Knochen bricht, Zähne zerschlägt«, schreibt Coates. Dass diese Wirklichkeit immer noch zwischen der black nation und der Welt steht, stellt – ob aus Gewohnheit oder Tradition – den moralischen ground zero der amerikanischen Nation dar.

Coates hat sich bei Robert Hayden einen Satz geliehen, mit dem er seinem Sohn erklärt, warum der Traum der USA, das jedem alle Türen offen stünden und alles möglich sei, seiner schwarzen Identität zuwider laufe: You cannot stare the hatred down or chain the fear that stalks the watches. »Es tut mir leid, dass ich dich nicht retten kann – aber so sehr auch wieder nicht. Denn andererseits glaube ich, dass es gerade deine Verwundbarkeit ist, die dich dem Sinn des Lebens näherbringt, so wie das Bestreben, sich für weiß zu halten, die anderen davon entfernt.« Der Tod von Alton Sterling und Philando Castile ist ein trauriger Beleg dafür.