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Feuermann – ohne wehr

»Fahrenheit 451« sei die Temperatur, bei der Buchpapier Feuer fängt, war sich Ray Bradbury sicher. Nach ihr benannte er seine Dystopie, die in einer Reihe mit den Werken von George Orwell und Aldous Huxley steht. Peter Torberg hat die Geschichte von Guy Montags Kampf für das freie Wort neu ins Deutsche übertragen und sich mit mir darüber ausgetauscht.

In der Gesellschaft, in der Guy Montag lebt, herrscht die totale Dauerberieselung. Entertainment ist alles, eigens Denken nichts. Entsprechend sind Bücher verboten, für ihre Vernichtung sind Feuermänner wie Montag zuständig. Als der aber kurz hintereinander Zeuge des Selbstmordversuchs seiner Frau Mildred und der Selbstverbrennung einer alten Frau inmitten ihrer Bücher wird, beginnt er an seiner Mission zu zweifeln. Über Umwege treibt es ihn in den Untergrund, wo einige Engagierte am Sturz des Regimes und dem Schutz der geistigen Errungenschaften der Menschheit arbeiten. Ray Bradburys viel adaptierte Anti-Utopie gehört zu den literarischen Klassikern des 20. Jahrhunderts. Peter Torberg hat ihn anlässlich des 100. Geburtstags das Amerikaners neu übersetzt. Warum dieses Abstauben notwendig war und wieso Montag nun kein Feuerwehrmann ist, darüber habe ich mich mit ihm ausgetauscht.


Warum lohnt sich die Lektüre von Ray Bradburys »Fahrenheit 541« heute noch? Was macht das Werk einerseits so zeitlos und zugleich so zeitgemäß – auch sprachlich?
Die Lektüre von »Fahrenheit 451« lohnt sich heute noch wegen der Weitsichtigkeit des Autors auch in kleinen Details. Vieles davon findet sich so oder sehr ähnlich in der Gegenwart (und sicher auch in der Zukunft. Und wegen des Fingerzeigs auf die Geschichtsvergessenheit ganzer Gesellschaften und der Verantwortung eines jeden einzelnen darin. Sprachlich neutral angelegt, zeigt sich die Kluft zwischen den Klassikern und einer Tagessprache, die sich um nichts kümmert. Dauerberieselung als Kulturlosigkeit.

Was hat die Aktualität des Romans für Folgen für eine Neuübersetzung?
Die Erstübersetzung hat ihre Zeit gehabt. Heute versteht man manchmal mehr vom Original und manches anders. Worte haben ihre Begrifflichkeit geändert, Beschreibungen fallen kürzer aus. Das so genannte »Abstauben« ist einfach nach einer Weile nötig und schmälert den Verdienst der Erstübersetzung in keinem Fall. Siehe dazu das Nachwort im Buch.

Ray Bradbury: Fahrenheit 451. Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg. Diogenes Verlag 2020. 272 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen.

Gab es bestimmte sprachliche Wendungen oder Begriffe, die sie abwandeln mussten oder für die sie neue, aktuellere Entsprechungen finden mussten?
Nein, die sprachlichen Wendungen haben sich im Allgemeinen noch nicht derart gewandelt, dass ich derart tief eingreifen musste. Es ging mir um eine gute Lesbarkeit bei strenger Beachtung des Originals: So Englisch wie nötig, so Deutsch wie möglich. Auch dazu das Nachwort mit der Erklärung des »Feuermanns«, der genuin eine Neuschöpfung ist, die im Original nicht nötig war. Ein Beispiel dafür, dass man sich manchmal von einem Wort entfernen muss, um dem Sinn näher zu kommen!

Sie haben aus dem »Feuerwehrmann« Guy Montag nun getreu des Originals einen »Feuermann« gemacht. Warum war diese Anpassung nur folgerichtig?
Das englische fireman auf Deutsch als »Feuermann« statt Feuerwehrmann zu übersetzen erschien mir essentiell. Im Englischen besteht die Zweideutigkeit des Wortes nicht, doch im Deutschen ist sie ein wesentliches Detail. In der Welt, die Ray Bradbury für seine Leserinnen erschaffen hat, in der Lesen geächtet und Wissen nicht erwünscht ist, in der auf Buchbesitz Strafe steht und die Menschen mit Entertainment und Dauerberieselung unmündig gehalten werden, dort ist die Bedeutung einer Feuerwehr durch das Umschreiben der Menschheitsgeschichte schlicht unbekannt. In einer absurden Umkehr ihres Auftrags sind die Feuermänner für die Einhaltung der staatlichen Restriktionen verantwortlich. Sie löschen und bewahren nicht, sie sind dazu da, Brände zu legen, zu vernichten, zu strafen. Sie verbrennen Bücher und ganze Häuser, notfalls auch zusammen mit ihren Hausbewohnern.

Welche Passage hat Sie beim Übersetzen mit Blick auf die Gegenwart besonders bewegt?
Es gibt immer wieder Stellen, die ins Poetische gehen, z.B., an der Stelle, wo Montag um die Ecke biegt und schon spürt, ohne es zu wissen, dass er gleich ein wichtiges Treffen (hier mit dem Mädchen) hat. Die Szene des Autodafé des ganzen Hauses voller Bücher. Immer wieder solche Einsprengsel, dann wieder Sachtext. Die Parallelität der Sprache zur Person: Feuermänner »sachlich«, andere Personen eher den klassischen Büchern zugewandt, und Montag dazwischen oszillierend.