Literatur, Roman

Post-postkoloniales Selbstbewusstsein

Die Kunsthistorikerin und Filmemacherin Nana Oforiatta Ayim erzählt in ihrem ambitionierten Debütroman »Wir Gotteskinder« von der Rückeroberung der eigenen Geschichte.

Als Ende April die Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria bekannt gegeben wurde, vergaß der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger nicht zu betonen, »dass weiterhin Objekte dieser Kunst, die wirklich herausragend ist, in Berlin und anderen deutschen Museen gezeigt werden«. Das ist mehr Wunsch als Wirklichkeit, denn die postkolonialen Staaten haben aus der Erfahrung des ersten vergeblichen Kampfs um ihre Kunstschätze – den Bénédicte Savoy in ihrem aktuellen Buch »Afrikas Kampf um seine Kunst« eindrücklich schildert – ihre Lehren gezogen. Zumal in vielen afrikanischen Staaten längst junge und gut ausgebildete Intellektuelle, Museumsmacher:innen und Politiker:innen die Debatten beeinflussen.

Zu ihnen gehört auch Nana Oforiatta Ayim, Kunsthistorikerin, Filmemacherin und Enkelin des Königs der ghanaischen Region Abuakwa. Anfang der 80er in Deutschland geboren verbrachte sie Kindheit und Jugend in verschiedenen europäischen Ländern. Sie studierte Politikwissenschaft und arbeitete für die Vereinten Nationen, bevor sie vor zehn Jahren in London über afrikanische Sprachen und Kulturen promovierte. Danach zog sie nach Ghana, in dessen Hauptstadt Accra sie 2017 das ANO Institute of Arts and Knowledge gründete.

Oforiatta Ayim gilt als eine der bedeutendsten afrikanischen Frauen der Gegenwart. Im ANO-Institut verfolgt sie den ebenso irrwitzigen wie spannenden Plan, die Kulturgeschichte Afrikas aus afrikanischer Perspektive neu zu schreiben. Zum Beispiel mit einer 54-bändigen (!) Enzyklopädie, die die kulturellen und künstlerischen Überlieferungen jedes afrikanischen Landes dokumentieren soll. Oder mit mobilen Museen, in denen die afrikanische Gegenwartskunst eine Bühne bekommt. Diese fahrbaren Kiosk-Museen bringen die Kunst zu den Menschen und lassen sie einfach an Kunst und Kultur partizipieren. Und damit auch in Kontakt treten mit ihrem kulturellen Erbe. Dabei sammelt sie auch selbst neue Geschichten und Fotografien ein, die dann wiederum Teil von Ausstellungen werden, wie sie beim Internationalen Literaturfestival in Berlin berichtete.

Dort sprach Sie auch über das Konzept Museum. So sehr sie auch Museen und Galerien liebe, wisse sie aber, dass diese nur eine begrenzte Zahl an Menschen ansprächen. In Ghana erlebe sie, wie bestimmte Kunstgegenstände mit historischem Bezug jedes Jahr auf die Straße gebracht werden und tausende ihren Bezug damit pflegen. Was das für ihren eigenen Blick auf die Kunst bedeutet, konnte man 2019 bei der Biennale in Venedig sehen. Da gestaltete sie den ersten Pavillon Ghanas und führte Tradition und Gegenwart kunsthistorisch zusammen.

Nana Oforiatta Ayim. Wir Gotteskinder. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. Penguin Verlag 2021. 272 Seiten. 22,00 Euro. Hier bestellen.

Ebenfalls 2019 erschien ihr Debütroman »The God Child«, der nun in der glänzenden Übersetzung von Reinhild Böhnke vorliegt. In diesem Buch fließt all das zusammen, was Nana Oforiatta Ayim prägt: biografisches und kulturelles Erbe, Kindheitserinnerungen und Landesgeschichte, Aufbruch und Tradition. In »Wir Gotteskinder« erzählt Maya Mensah – eine Art Alter Ego – von ihrem Aufwachsen in Deutschland und England sowie ihrer Rückkehr in die Heimat ihrer Familie. Während ihre selbstherrliche Mutter in den Erzählungen ihrer royalen Wurzeln schwelgt, bringt ihr der intellektuelle Vater die westliche Buch- und Filmkultur nahe. Dennoch bleibt sie die Fremde, so dass sie sich bald wie E.T. und Mowgli fühlt – »weit weg von zu Hause«. Ihr Cousin Kojo, den ihre Eltern im deutschen Exil aufnehmen, wird zu ihrem Halt. Seine märchenhaften Geschichten vom Königreich Kaba, über das ihr gemeinsamer Großvater regiert, wirken wie Schlüssel zu den geheimen Kammern ihrer eigenen Identität.

In der Erzählung von Kojo und Maya steckt viel von dem, was people of color über das Leben in Europa berichten. Auch wenn »Wir Gotteskinder« keine Erzählung der materiellen Entbehrungen ist, steckt sie voller Rassismus- und Fremdheitserfahrungen. Sie handelt aber auch von der Intimität zweier Verbündeter auf der Suche nach Herkunft und Zugehörigkeit.
Als junge Frau zieht Maya nach Ghana, wo Kojo längst ein einflussreicher Strippenzieher ist.

Nun überlagert sich die Erzählung des ruhmreichen Königreichs, dem Kojo ein eigenes Museum widmen will, mit dem Erwachen einer postkolonialen Nation. Die beiden königlichen Nachkommen erhalten hier eine Brückenfunktion. Sie schultern einerseits die toxische koloniale Geschichtsschreibung sowie die Last der Ahnenreihe, tragen andererseits aber auch die Ideale des Neuanfangs auf dem Rücken. »Die Geschichte meines Königreichs war überwiegend durch seine Artefakte erzählt worden; ihre Darbietungsweise und ihre Bedeutung wurden unterwegs entstellt, vernachlässigt, gingen verloren. Jetzt war es an uns, an Kojo und mir, sie wiederherzustellen, Geschichten zu schaffen, die neben all dem Bestand hatten.«

»Wir Gotteskinder« ist eine solche Geschichte, die neben all dem Bestand hat. Die aber aller Ambitionen zum Trotz auch nicht immer literarisch glänzt. Die einzelnen Teile der Erzählung stehen eher nebeneinander, als dass sie motivisch miteinander verschränkt sind, einige Figuren sind recht grob geschnitzt. Und dennoch trägt dieser Roman viel in sich. In den europäischen Kapiteln klingen Vorläufer von Toni Morrison, Jamaica Kincaid oder Maryse Condé an. In den Ghana-Episoden ergänzt Oforiatta Ayim das Bild der komplizierten Identitäts- und Nationenbildung, das jüngere Gegenwartsautor:innen mit afrikanischen Wurzeln wie Chimamanda Ngozi Adichie, Bernardine Evaristo, Yaa Gyasi, Chinelo Okparanta, Sharon Dodua Otoo, Imbolo Mbue, Tsitsi Dangarembga, Maaza Mengiste, Kayo Mpoyi, Akwaeke Emezi, Chigozie Obioma oder Teju Cole – nicht wenige davon in aktuellen Büchern – zeichnen. Dabei unterschlägt sie nicht den Schmerz, mit dem einst Wole Soyinka, Ngũgĩ wa Thiong’o oder Kojo Laing die postkolonialen Brüche und Fehlentwicklungen kommentiert haben. Sie ergänzt ihn mit einem gesunden Zorn und dem Willen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. In diesen Momenten des Aufbruchs und der Erregung ist der Roman am stärksten.

Vor allem, weil er seinen eigenen Rhythmus mitbringt. Das liege zum einen an ihrer Vorliebe für die Lyrik und für Boris Pasternaks Roman »Doktor Schiwago«, sagte sie in Berlin. Zum anderen liegt unter dem geschriebenen Text ein kultureller Subtext, der seinen Ursprung in der ghanaischen Trommelpoesie hat. »Wenn ich ›ich‹ auf den Trommeln sage, dann bin es nicht nur ich, Kojo, sondern es ist auch mein Vater, mein Großvater, der sunsum, der Geist in uns allen. Unsere Geschichten sind nicht wie deine Büchergeschichten, die sich nicht verändern, ob sie nun wahr sind oder nicht. Unsere werden bei jedem Erzählen neu geboren, und wenn sie nicht wahr wären, dann werden sie wahr, und wenn sie wahr wären, dann könnten sie sich ändern.« Und so schreibt sich dieses Buch des Volkes, das hier immer wieder auftaucht, permanent neu.

Das Ausstellungs- und Rechercheprojekt »Digital Imaginaries« brachte Aktive aus Kunst und Wissenschaft zusammen, um digitale Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent zu untersuchen. Die Beiträge in diesem Band beschäftigen sich mit Phänomenen wie den anhaltenden Auswirkungen toxischer Geschichte, dem konfliktreichen Abbau von Mineralien, mit Videospielen, experimenteller Architektur, der Aneignung von Smart-City-Konzepten und Praktiken der Innovation. Sie handeln von der Vergemeinschaftung von Ressourcen, der Digitalisierung von Wahlen, Aufrufen zu digitalem Widerstand und dekolonialer Heilung, den Beziehungen zwischen Mensch und Technik, von Utopie und Dystopie sowie den Grenzen der Vernunft. Die Texte richten sich gegen die Dominanz von Marktinteressen, staatlicher Überwachung und postkolonialer Hegemonie.

»Es ist an der Zeit, unsere eigenen Geschichten zu erzählen«, heißt es in Nana Oforiatta Ayims Romandebüt. Ein Satz, der auch dem sehenswerten TedTalk »We deserve to be in this place« entnommen sein könnte. Darin bestärkt sie Künstler:innen mit afrikanischen Wurzeln, auf jede erdenkliche Weise die eigenen und geerbten Narrative in die Welt zu schicken, um sich dort einen eigenen Platz zu erobern. Mit Aussagen wie dieser steht die junge Künstlerin und Kuratorin, Autorin und Intellektuelle exemplarisch für die Afrikas neue kreative Generation (hier sei auf den Band »Digital Imaginaries. Afrikanische Positionen jenseits des Binären« hingewiesen), die nach der postkolonialen Erfahrung nun endlich gestalten und afrikanische Kunst in eigenen Museen zeigen will.

Der Satz, dass es an der Zeit sei, die eigenen Geschichten zu erzählen, geht übrigens noch weiter. Er endet mit »Sie sind uns lang genug erzählt worden, und nicht sehr gut.« Nana Oforiatta Ayim unternimmt in ihrem Roman den Versuch, das zu ändern. Aller Schwächen zum Trotz: es lohnt sich!

Website der Autorin, Filmemacherin und Kunsthistorikerin: https://www.nanaoforiattaayim.com/