Literatur, Roman

Nigerianische Shitshow

In seinem dritten und voraussichtlich letzten Roman leuchtet Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka furchtlos die dunklen Winkel der nigerianischen Wirklichkeit aus.

Abgeschnittene Fußnägel, weibliche Schamhaare und gebrauchte Monatsbinden gehören zu den harmlosen Dingen, die die Voodoopriester und Wunderheiler in diesem Roman von ihren Kunden verlangen. Wer wirklich verzweifelt ist, muss den schwarzen Magiern mehr bieten. Das wird dem auf Amputationen spezialisierte Chirurgen Dr. Kighare Menka bewusst, als er die Räume eines dubiosen Unternehmens in Augenschein nimmt, das die Floskel »Human Ressources« im Namen trägt. Dort bietet sich ihm ein Bild des Grauens. »Die Ware lag ausgebreitet da. Regalbrett um Regalbrett voll mit abgepackten Körperteilen – Schenkel, Fußknöchel, Nacken, Brüste, Finger, Gibbusgewebe, alles bestens konserviert. Feten und Geschlechtsorgane. Ganze an Haken aufgehängte Brustkörbe…« Diese menschlichen Relikte warten auf ebenso hoffnungs- wie skrupellose Käufer, von denen es in der spiritistisch-religiösen Bevölkerung Nigerias genug gibt.

Das Geschäft mit abgetrennten Körperteilen ist in Wole Soyinkas voluminösen Roman »Die glücklichsten Menschen der Welt« eines von vielen Symbolen für die kaputte nigerianische Gesellschaft, die – die Stichworte Scharia, Boko Haram, Kindersoldaten sprechen für sich – mit abgetrennten Körperteilen vielfach Erfahrung hat. Religiöser Fundamentalismus, Autoritarismus und Korruption halten Nigeria seit Jahrzehnten fest im Griff. Soyinka hat das immer laut und unmissverständlich kritisiert. Die Folgen waren jahrelange Haft, Exil und ein Leben in ständiger Opposition.

Akinwande Oluwole Soyinka ist einer der vielseitigsten Schriftsteller Afrikas. Seit er 1986 als erster Schwarzer Schriftsteller überhaupt den Literaturnobelpreis erhielt, werden seine Bühnenstücke auf der ganzen Welt gezeigt. Seine Memoiren, Essays und Gedichte genießen höchste Anerkennung. Autor:innen mit nigerianischen Wurzeln wie Chimamanda Ngozi Adichie, Helon Habila, Taiye Selasi, Teju Cole, Ayòbámi Adébáyò, Chigozie Obioma, Sarah Ladipo Manyika, Ben Okri oder Oyinkan Braithwaite sind mit seinen Texten aufgewachsen, von ihnen geprägt. Im Alter von 87 Jahren legt er, fast fünfzig Jahre nach seinem letzten Roman, ein von leidvoller Erfahrung getränktes, wild mäanderndes und grimmiges Alterswerk vor, in dem er sich noch einmal die soziale und politische Wirklichkeit Nigerias und deren korrupte Eliten vorknöpft.

Der Titel ist weniger Ironie als bittere Satire, auch wenn eine Gallup-Umfrage Nigeria vor Jahren in die oberen Ränge des Glücksindex gespült hat. Aber schon hier beginnt die Vermischung von Wirklichkeit, staatlicher Einflussnahme und Fiktion, denn Nigeria ist natürlich nicht das glücklichste, sondern das korrupteste Land der Welt. Soyinkas Roman spielt in einem Nigeria, in dem den Menschen mit staatlich finanzierten Realityshows vorgegaukelt wird, es sei ein Land voller Gewinner. In skurrilen Shitshows werden jene zu Glücksrittern gekürt, die mit dem korrupten Staat, den brutalen Banden oder hedonistischen Scharlatanen unter einer Decke stecken. Die wenigen Heldenfiguren in seinem Roman haben das längst erkannt. »Ihr. Ich. Alle, die wir hier sind, wir quatschen uns hier in diesem Palast des Selbstbetrugs die Seelen aus dem Leib.«

Im Mittelpunkt der Handlung stehen vier Freunde, die während des Studiums in England den »Gong der Vier« gegründet haben. Kurz nach der Unabhängigkeit des Landes in den Sechzigern kehrten sie zurück, um blühende Landschaften zu schaffen: Doktor Menka wollte eine Klinik in seinem Heimatdorf eröffnen, der die Gruppe anführende Ingenieur Pitan-Payne Straßen, Schienen und Paläste bauen, der adelige Finanzexperte Badetona Nigerias Wirtschaft auf solide Füße stellen und Künstler Farodien hoffte auf ein westafrikanisches Hollywood.

Wole Soyinka: Die glücklichsten Menschen der Welt. Aus dem Englischen von Inge Uffelmann. Blessing 2022. 656 Seiten. 24 Euro. Hier bestellen.

Jahrzehnte später ist das »Quartett der Träumer« auf dem harten Boden der Realität angekommen. Der ambitionierte und wuselige Farodien gilt als verschollen. Der Zahlenexperte und Finanzier der engagierten Viererbande, Prinz Badetona, wird erst Zeuge eines brutalen Mords und dann in einen Finanzskandal verwickelt. Zeitgleich bekommt der auf Amputationen spezialisierte Chirurg Dr. Kighare Menka Konkurrenz – nicht nur von den Islamisten der Boko Harram, sondern von der eingangs erwähnten Organisation, die Organe an reiche Kunden verkauft. Als er mit seinem Freund Duyole Pitan-Payne versucht, den Hintermännern auf die Spur zu kommen, gerät der in Gefahr. Ohnehin befindet sich dessen steile Karriere an einem bitteren Wendepunkt. Als Regierungsberater soll er auf einem UN-Posten entsorgt werden, weil er sich kurz vor den Wahlen mit dem Premierminister angelegt hat.

Dieser führt als selbstherrlicher »Heger des Volkes« das Land nach einem simplen Prinzip: »Tritt in den Arsch oder Geld in den Arsch.« Davon profitieren skrupellose Alpha-Männchen wie der krude Prediger Papa Davina, der sich auf dem Gipfel eines Müllbergs in Lagos eine einträgliche Kirche gebaut hat. Er steckt mit dem Premier unter einer Decke, wenn es darum geht, das Volk zu belügen und Pitan-Payne aus dem Weg zu räumen.

Soyinkas furchtloser, grimmiger und vielschichtiger Roman handelt von entgleister politischer Gewalt und der Ohnmacht, sich ihr in den Weg zu stellen. Allerdings erschließt sich der mit Anspielungen überladene Text nur langsam, zu verschlungen sind die Pfade der von Inge Uffelmann übersetzten Erzählung. Letztendlich aber beeindruckt die energische Entschlossenheit, mit der Soyinka noch die dunkelsten Winkel der nigerianischen Wirklichkeit ausleuchtet und den (All)Mächtigen in seinem Land in geradezu revolutionärer Geste den Kampf ansagt. Sein Lamento erzählt von einer zutiefst gespaltenen und gebrochenen Gesellschaft, in der die wenigen Glücksritter den Untergang der vielen Machtlosen gleichgültig in Kauf nehmen. Hoffnung ist in diesem Land vollkommen vergebens.