Literatur, Roman

Leuchtende Prosa: Jenny Erpenbeck gewinnt International Booker Prize

Erstmals in der Geschichte des International Booker Prize gewinnt eine deutschsprachige Autorin den renommierten Booker Prize für internationale Literatur. Die Jury unter dem Vorsitz der kanadischen Schriftstellerin Eleanor Wachtel zeichnet die englische Übersetzung von Erpenbecks letztem Roman »Kairos« aus. Die Hälfte des mit 50.000 Euro dotierten Preises geht an den Übersetzer Michael Hofmann.

»In leuchtender Prosa legt Jenny Erpenbeck die Komplexität der Beziehung zwischen einer jungen Studentin und einem viel älteren Schriftsteller offen«, heißt es in der Begründung der Jury für den International Booker Prize, der in diesem Jahr an Jenny Erpenbeck und ihren Übersetzer Michael Hofmann geht. Damit ist der Ritterschlag offiziell, auf den die Berlinerin noch kurz vor der Bekanntgabe der Preisträger:in im Interview mit der Süddeutschen Zeitung nur träumen konnte.

In ihrem ausgezeichneten Roman erzählt sie die Geschichte der 19-jährigen Katharina, die sich auf eine Beziehung mit dem deutlich älteren Schriftsteller Hans einlässt, geht es um die Dynamiken zwischen der chaotischen jungen Frau und dem gesetzten Intellektuellen, wobei Erpenbeck Einblicke in die Schriftstellerkreise in Ost-Berlin und die letzten Tage der DDR Revue schafft.

Die Jury lobte die detaillierte Schilderung der Lebensrealität in Ost-Berlin und wie sich die Geschichte einer Beziehung zu einer universellen Erzählung über eine Gesellschaft weitet. »Am Anfang stehen Liebe und Leidenschaft, aber es geht mindestens ebenso sehr um Macht, Kunst und Kultur. Die Selbstversunkenheit der Liebenden, ihr Abstieg in einen zerstörerischen Strudel, bleibt mit der größeren Geschichte Ostdeutschlands in dieser Zeit verbunden und trifft die Geschichte oft in seltsamen Winkeln.«

»Man verschenkt so ein unheimlich viel Potential an guter Energie.« Jenny Erpenbeck hat mit »Gehen, ging, gegangen« den Roman zur Flüchtlingskrise geschrieben

Erpenbecks Roman setzte sich gegen die Anfang April für die Shortlist nominierten Titel der Argentinierin Selva Almada, der Niederländerin Jente Posthuma, des Südkoreaners Hwang Sok-yong, des Brasilianers Itamar Vieira Junior und der schwedischen Autorin Ia Genberg durch. Es war bereits ihre zweite Booker-Nominierung, 2018 stand sie bereits mit ihrer englischen Übersetzerin Susan Bernofsky und dem Roman »Go, Went, Gone«, also der englischen Fassung ihres für den Deutschen Buchpreis nominierten Romans »Gehen, ging, gegangen«, auf der Longlist des renommierten Preises. Damals gewann Olga Tokarczuk und ihre Übersetzerin Jennifer Crofts den Preis.

In der englischsprachigen Welt ist die 1967 in Ost-Berlin geborene Erpenbeck eine der bekanntesten deutschen Schriftsteller:innen. Die LA Times machte Erpenbeck zum »unangefochtenen Star der deutschen Literatur in Amerika« und der Chefkritiker im National Public Radio zeigt sich in seiner Lobeshymne sicher, dass Erpenbeck in den kommenden fünf Jahren den Literaturnobelpreis gewinnen würde.

Deutsche Medien haben diese Erfolgsgeschichte unisono verschlafen. Erst mit der Nominierung für die Shortlist und der Untersetzung mit der Kritik von John Powers wurden sie darauf aufmerksam und berichteten in großen Beiträgen (Die Zeit, Süddeutsche Zeitung. Deutschlandfunk). Einzig Andreas Platthaus von der FAZ scheint schon vor Jahren geahnt zu haben, welches Potential in der ostdeutschen Autorin steckt.

Jenny Erpenbeck und ihr Übersetzer Michael Hofmann | Foto: The Booker Prizes

Ob es wirklich so weit kommt, dass Erpenbeck den Nobelpreis erhält, bleibt abzuwarten, die Schwedische Akademie ist für ihre unerwarteten Entscheidungen ja bekannt. Die Booker-Jury, die 149 Bücher sichtete, zeigte sich von Erpenbecks Roman hellauf begeistert. »Kairos« sei eine eindrückliche Lektüre, weil es »gleichzeitig schön und unbequem, persönlich und politisch ist. Erpenbeck lädt dazu ein, die Verbindung zwischen diesen generationsbestimmenden politischen Entwicklungen und einer verheerenden, ja brutalen Liebesbeziehung herzustellen und die Frage nach dem Wesen von Schicksal und Macht zu stellen. Wie die DDR beginnt auch dieses Buch mit Optimismus und Vertrauen, um dann zu zerbrechen.«

Der International Booker Prize zeichnet seit 2015 den besten internationalen Roman aus, der in Großbritannien veröffentlicht wird. Die 50.000 Euro Preisgeld gehen – ähnlich wie der gerade viel diskutierte Internationale Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt – je zur Hälfte an die oder den Autor:in sowie den oder die Übersetzer:in. Im Fall von Kairos ist dies Michael Hofmann, dessen Die von »die Eloquenz und die Exzentrik von Erpenbecks Schreiben« sowie »den Rhythmus der aneinander gereihten Sätze, die Weite ihres emotionalen Vokabulars« einfange. Im Hintergrundinterview zur Shortlist-Nominierung sagte der Übersetzer, dass er den Sound des Romans von Anfang an im Ohr gehabt habe.

Wasser in den Wein goss der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der auf seiner Facebook-Seite anmerkte, »dass in Ihren Statements und Büchern nie jene vorkommen, die 1989/90 gewonnen haben, die befreit wurden, die endlich ankommen konnten«. Ein Aspekt, den man bei der Lektüre künftiger Romane im Auge behalten sollte.

Der International Booker Prize wird seit 2016 jährlich vergeben. Vor Erpenbeck wurden bisher Georgi Gospodinov, Geetanjali Shree, David Diop, Lucas Rijneveld, Jokha Alharthi, Olga Tokarczuk, David Grossman und Hang Kang gemeinsam mit ihren Übersetzer:innen ausgezeichnet.