»Was nicht gesagt werden kann« ist die Geschichte eines jungen Mannes, der seine Heimat verlässt und in London neu anfängt. Der schicksalhafte Roman des ungarisch-britischen Autors David Szalay wurde am Abend mit dem renommierten Booker Prize 2025 ausgezeichnet.
2016 hatte es David Szalay mit seinem Roman »Was ein Mann ist« schon einmal auf die Shortlist für den Booker-Prize geschafft. Neun Jahre und zwei Romane später hat er den renommiertesten Literaturpreis der englischsprachigen Welt nun gewonnen. »Was nicht gesagt werden kann« sei ein »mitreißender, hypnotischer Roman über einen Mann, der durch eine Reihe von Ereignissen, die sich seiner Kontrolle entziehen, aus der Bahn geworfen wird«, so die Beschreibung der Jury.


Drei Mal habe die Jury die sechs Bücher der Shortlist – von Susan Choi, Kiran Desai, Katie Kitamura, Ben Markovits, Andrew Miller und David Szalay – gelesen. Fünf Stunden habe man am Ende über sie diskutiert, um zu einer Entscheidung zu kommen. Das Buch, zu dem sie bei der Diskussion aufgrund seiner Einzigartigkeit immer wieder zurückkehrten, sei »Was nicht gesagt werden kann« gewesen, so Jurypräsident Roddy Doyle. »Wir hatten noch nie etwas Vergleichbares gelesen. Es ist in vielerlei Hinsicht ein düsteres Buch, aber es macht Freude, es zu lesen«, lobte der irische Bestsellerautor, der mit seinem Roman »Paddy Clarke, Ha, Ha, Ha« 2013 den Booker Prize gewann.
Damit geht der mit 50.000 £ dotierte Preis erstmals an einen ungarischstämmigen Autoren. Nach der Vergabe des Literaturnobelpreises an den Ungarn László Krasznahorkai vor wenigen Wochen durchaus bemerkenswert. Literaten aus Ungarn beziehungsweise mit ungarischen Wurzeln sind so erfolgreich wie lange nicht mehr.
Shortlist für den Booker Prize 2025






David Szalay erzählt in seinem sechsten Roman die Geschichte von István, einem jungen Mann, der in den 1980ern in einem heruntergekommenen Plattenbauviertel irgendwo in Ungarn aufwächst, der jahrelang im Jugendknast sitzt, danach als Soldat in den Irak geht, um zurückzukehren und seine Heimat zu verlassen. In London fängt er von vorne an, als Türsteher ist er bei den Frauen begehrt, doch schließlich verfällt er der Frau eines reichen Mannes, an deren Seite er wie ein Phönix aus der Asche der Gewalt aufsteigt, um doch nur wieder fatal abzustürzen.
Von den psychologischen Höhenflügen oder seelischen Abgründen des Protagonisten erfährt man dabei so gut wie nichts. Für István ist alles »okay«, meist kommt und geht er wortlos und fügt sich in sein Schicksal. Die Rätselhaftigkeit seiner Motive bietet eine ideale Projektionsfläche für geradezu jedes Männlichkeitsbild, von toxisch-maskulin bis hin zu lonesome cowboy.
David Szalay in der Übersetzung von Henning Ahrens



Fragen von Männlichkeit und das Leben zwischen den Welten spielen in Szalays Romanen immer wieder eine zentrale Rolle. in »Was ein Mann ist« erkundete er tiefenpsychologisch genau die Frage, die auf dem Titel seines Romans steht, in »Turbulenzen« blättert er auf einem unruhigen Flug die Geschichten seiner Figuren auf und zeigt uns dabei die Welt. In »Was nicht gesagt werden kann« ergründet er nun die Zone der Sprachlosigkeit, in der gleichermaßen alles und nichts lauert.
»Am Ende des Romans wissen wir nicht, wie der Protagonist István aussieht, aber das empfinden wir nie als Mangel, ganz im Gegenteil. Irgendwie ist es gerade das Fehlen von Worten – oder das Fehlen von Istváans Worten –, das uns ermöglicht, István kennenzulernen«, heißt es in der Begründung der diesjährigen Booker-Jury, zu der neben Doyle auch die Autor:innen Ayọ̀bámi Adébáyọ̀, Kiley Reid und Chris Power sowie die Schauspielerin Sarah Jessica Parker (»Sex and the City«) gehörten.
»Was nicht gesagt werden kann« ist ein in kargen Worten erzählter Roman, in dem jedes Wort und jede Leerstelle bedeutsam sei, heißt es weiter. Ein Roman, der vom Leben und der seltsamen Erfahrung, am Leben zu sein, erzähle. »Und während wir lesen und die Seiten umblättern, sind wir froh, dass wir leben und diesen außergewöhnlichen, einzigartigen Roman lesen – erleben – dürfen«.

Szalay hat mehrere Jahre an dem Roman geschrieben, sie zwischendurch sogar zur Seite gelegt. Nur um einen anderen fertigen Roman zu verwerfen, um sich dieser Geschichte zuzuwenden, die in der deutschen Übersetzung von Henning Ahrens bereits im Ullstein-Verlag vorliegt und bislang mit einer gewissen Faszination positiv aufgefasst wurde. Christiane Lutz sah sich in der Süddeutschen Zeitung gar veranlasst, zu mutmaßen, dass dies der Roman sei, mit dem man lesefaule Männer für die Literatur (zurück)gewinnen könne.
Von den Buchmacher:innen und Kritiker:innen favorisiert waren kurz vor der Preisverleihung Andrew Miller und Kiran Desai. Desai hatte bereits 2006 mit ihrem Roman »The Inheritance of Loss«, der in der deutschen Übersetzung von Robin Detje unter dem Titel »Erbin des verlorenen Landes« erschienen ist, den Booker Prize gewonnen. Sie wäre nach JM Coetzee, Peter Carey, Margaret Atwood und Hilary Mantel die fünfte Autorin gewesen, die den mit 50.000 £ dotierten Preis zum zweiten Mal gewonnen hätte.
Deutsche Übersetzungen der 2025 für den Booker Prize nominierten Bücher





Die Jury hatte aus insgesamt 153 eingereichten Titeln 13 Bücher für die Longlist nominiert, darunter auch die bereits in einer deutschen Übersetzung vorliegenden Bücher von David Szalay (»Was nicht gesagt werden kann«) und Katie Kitamura (»Die Probe«), beide von Henning Ahrens übersetzt, sowie Natasha Brown (»Von allgemeiner Gültigkeit«, übersetzt von Eva Bonné) und Benjamin Wood (»Der Krabbenfischer«, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence). Szalay und Kitamura hatten es auf die Shortlist geschafft, wie auch Kiran Desais indisch-amerikanisches Epos »Die Einsamkeit von Sonia und Sunny«, das im Frühjahr 2026 in der Übertragung von Robin Detje bei S. Fischer erscheint.
Im vergangenen Jahr hat Samatha Harvey mit ihrer faszinierenden Space Opera »Orbital«, die kurz nach der Preisverleihung in der hervorragenden deutschen Übertragung von Julia Wolf unter dem Titel »Umlaufbahnen« erschien, den Booker Prize gewonnen. Der Roman erzählt von sechs Raumfahrerinnen, die in 24 Stunden 16 Mal die Erde umkreisen und dabei über sich, ihr Leben und das Chaos auf der Welt nachdenken. Es sei »ein Buch über eine verwundete Welt«, sagte Jurypräsident Edmund de Waal im vergangenen Jahr über den Roman. Harvey war die erste Frau seit 2019, die den Booker Prize gewinnen konnte. Vor ihr ging der renommierteste Buchpreis der englischsprachigen Welt an Paul Lynch, Shehan Karunatilaka, Damon Galgut und Douglas Stuart. Julia Wolfs Übersetzung war im Frühjahr für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung nominiert.
Den International Booker Prize 2025, der zu gleichen Teilen an die Autor:innen und die Übersetzer:innen eines ins Englische übersetzten internationalen Romans verliehen wird, ging in diesem Jahr an die Geschichtensammlung »Heart Lamp«. Deepa Bhasthi hatte die zwölf Erzählungen der indischen Menschenrechtsaktivistin Banu Mushtaq aus der indischen Sprache Kannada übersetzt. Im Jahr zuvor hatten Jenny Erpenbeck und ihr Übersetzer Michael Hofmann den Preis für die englischsprachige Ausgabe von »Kairos« gewonnen.

