Anja Kampmann entfaltet in ihrem sprachgewaltigen und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman «Die Wut ist ein heller Stern» in kurzen Szenen die Geschichte einer Artistin, die im roten Hamburg den Aufstieg der Nazis erlebt. Lyrisch verdichtet und rhythmisch versiert führt Kampmann das Abrutschen einer Gesellschaft in den Faschismus vor Augen.
Hedda Möller hat es aus einfachsten Verhältnissen über den Turnverein bis auf die Bühne des berüchtigten Varietés Alkazar auf der Reeperbahn geschafft. Dort hängt sie in einer der ersten Szenen an einem Seil von der Decke, während unter ihr zwei Kaimane nach ihrem Schatten schnappen.
Was für ein vielsagendes Bild für das Hamburg der dreissiger Jahre. Die Weltwirtschaftskrise hat weite Teile der Bevölkerung in die absolute Armut gestossen und die braunen Horden greifen nach der Macht. Dieses Seil, an dem Heddas Leben hängt, wird zwischen 1933 und 1937 immer mehr zum seidenen Faden.

Hedda, die Ich-Erzählerin in diesem Roman, kommt aus der Arbeiterschicht von Hamburg-Altona. Die elterliche Wohnung ist ein feuchtes Loch, in dem sich der Metallstaub der Schmiede, in der ihr Bruder Jaan malocht, bis in die hinterste Ecke gefressen hat. Der Vater ist ein Lump, der als «brauner Wind» durch die Erzählung weht, ihre Mutter oft krank und mit Heddas kleinem Bruder überfordert. Die Grubemüller von nebenan passt gegen ein paar Groschen ab und an auf Pauli auf, was nicht ewig gut geht.
Das Alkazar ist ein »Ort des Lasters und der Ekstase«, an dem Kunst und Prostitution Hand in Hand gehen. Geführt wird dieses Etablissement der schönen und schmutzigen Fantasien von Arthur Wittkowski, einem Halbgott der Kleinkriminellen, der das Herz am richtigen Fleck hat. Der einen tausendjährigen Cognac dem tausendjährigen Reich vorzieht. Und der im Hamburger Hafen noch «weiß, auf wen man noch zählen kann«. Der Gründer des Alkazar ist eine rote Eminenz; er weiß, wer noch da ist und wen die braunen Schergen schon geholt haben.
Die Nazis gehen seit der Machtergreifung hemmungslos gegen das rote Hamburg vor. Heddas Schwarm, den Boxer Kuddel, haben sie schon geschnappt, er wird im Gefängnis in Fuhlsbüttel ermordet. Kuddel wird nicht der letzte sein, der seine Zeit im ersten Konzentrationslager Hamburgs mit dem Leben bezahlt. Hunderte Männer und Frauen sind im realen Fuhlsbüttel ums Leben gekommen.
Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 in der Kategorie Belletristik





Die Dokumentation der Haftanstalt hat Kampmann als Grundlage für ihre Recherche gedient, die in ihren mit Leben gesättigten Roman geflossen ist. Im Oral History Archive in Hamburg habe sie sich »tagelang Stimmen von Überlebenden angehört«, was die stimmige Akustik des Romans erklärt. Sie selbst spricht von einer »Faszination für Stimmen«, für Oral History, der sie schon mal wochenlang im European Archive of Voices nachgeht. Das Zusammenspiel von Klang und Sprache ist zudem elementar für Kampmanns Literatur. All das fließt im großartigen Arrangement zusammen. Zwischen Zetteln und Boxsack, Flipchart und Espressokanne hat Kampmann in ihrem Schreibbüro monatelang Notizen sortiert, Szenen arrangiert und die Sprache auf sich wirken lassen.
»Erzählen ist wahnsinnig komplex und schön. Es hat viel mit Wärme zu tun. Für mich haben Texte eine Temperatur, und einen Rhythmus. Das alles ist nicht abstrakt, sondern sehr lebendig. Ich versuche so zu schreiben, dass ich hinter den Text treten kann. Dass die Sprache übernimmt, die Stimme. Schreiben heißt Entscheidungen treffen, permanent. Aber wenn ich lese, und für alle, die diesen Texten begegnen, wünsche ich mir, dass sie sich in die Texte fallen lassen können. In diese Welten. All das soll keine Rolle mehr spielen. Ich glaube, das nennt man Vertrauen.«
Anja Kampmann
Anja Kampmann ist eine der einflussreichsten Stimmen ihrer generation. Mit ihrem Roman war sie neben Norbert Gstrein, Helene Bukowski, Elli Unruh und Katerina Poladjan für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Keine neue Situation für die in Leipzig lebende Hamburgerin. Schon mit ihrem Debütroman »Wie hoch die Wasser steigen« war Kampmann sowohl für den Preis der Leipziger Buchmesse als auch für den Deutschen Buchpreis nominiert. In langen geschwungenen Sätzen führte diese Geschichte auf eine einsame Bohrinsel und von dort in die Welt.
Die Romane


»Die Wut ist ein heller Stern« ist eine Art stilistisches Gegenstück, bei dem die Freiheit zwischen den Absätzen und Punkten deutlich kürzer ist. Die fünf Kapitel, die den Ereignissen in den Jahren 1933 bis 1937 folgen, bestehen aus unzähligen Blitzlichtern. Sprunghaft wechselt die Erzählerin zwischen Erinnerungen, Beobachtungen und Empfindungen. Die Sätze selbst sind kurz und atemlos, voller Dringlichkeit und Schmerz. Kampmanns »Babylon Hamburg«-Roman ist ein großes Kunstwerk der Pastiche, das bei aller historischen Akkuratesse magisch-realistisch aus der historischen Eindeutigkeit ausbricht.
Ein Teil der Erzählung spielt in der Antarktis auf dem deutschen Walfangschiff Jan Wellem. Dort schmiedet Heddas Bruder Jaan die Harpunen, mit denen die Wale an Deck gezogen werden. Die allwissende Ich-Erzählerin wird hier zu einer all-imaginierenden Erzählinstanz. Sie beschreibt eindringlich Dinge und Ereignisse abseits ihrer Wahrnehmung. Das blutige Gemetzel an den Walen wird dabei zum seherischen Sinnbild des Wahnsinns, der auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs noch folgen wird.
Das Alkazar wird im Laufe des Romans zum Spiegel der faschistischen Doppelmoral. Denn Wittkowski wird von den Nazis aus dem Haus getrieben. Ein NSDAPler übernimmt den Laden und hofiert dort fortan die braunen Eliten. »Sie wollen völkisch unterhalten werden, nicht zu bunt, nicht zu viel Flitter«, stellt Hedda fest. Die Körper, die sich den Faschisten dort darbieten, beanspruchen sie für sich. Hedda bleibt verschont, weil ein Stammgast, der im Roman nur »der Graue« genannt wird, für ein paar exklusive Liebesdienste seine schützende Hand über sie hält.
Es gibt in dieser kraftvollen Erzählung eine Verbindung zwischen den Zeiten und den Körpern, was nicht nur mit der Geschichte, sondern auch mit der Perspektive zu tun hat, aus der sie erzählt wird. Die Ich-Erzählerin Hedda erlebt, wie die Körper im faschistischen Deutschland auf einen ideologischen Volkskörper aus- und zugerichtet werden. Erst gerät ihr auf Hilfe angewiesener kleiner Bruder in den Fokus der Behörden, dann sie selbst und die Frauen in ihrem Umfeld. In bedrückenden Szenen beschreibt Hedda, wie sie gynäkologische Zwangsuntersuchungen erdulden muss, bei denen zahlungsfähige Gäste mit der entsprechenden politischen Gesinnung geifernd zusehen dürfen. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch Käthe Petersen, die im Namen der Hamburger Sozialbehörde Frauen entmündigt und zwangssterilisiert hat. Die Wut im Romantitel ist die Wut der gepeinigten und ihrer Würde beraubten Frauen, für die sich lange Zeit niemand interessiert hat.
Die Lyrik




Die Welt, die Hedda umgibt, wird immer enger und verlangt einen genauen Blick. Anja Kampmann, die auch Lyrikerin und Übersetzerin ist, lässt ihre Hauptfigur in ebenso präzisen wie poetischen Sätzen sprechen. Sie gibt ihrer Stimme einen eigenen Klang und spezifischen Rhythmus, der zum erzählerischen Element des Widerstands wird: »damit ich ihr Stapfen nicht höre, ihre Sprechchöre, ihr Marschieren«. Plattdeutsche Einsprengsel der Nebenfiguren dienen dabei nicht nur als Markierung des sozialen Milieus, sondern unterlaufen in ihrer Leichtigkeit auch die drückende Schwere des faschistischen Imperativs.
Das sarkastische Lachen und die brennende Wut, die im Erzählton immer wieder aufkommen, sind als souveräne Geste einer Frau zu lesen, die erkennt, dass die selbstherrlichen Herrenmenschen lächerliche Charaktere sind. Paradigmatisch dafür steht Propagandaminister Göring, der dem Lied von Claire Waldoff folgend – »Rechts Lametta, links Lametta, und der Bauch wird immer fetta…« – hier nur als Herr Lametta auftaucht.
Anja Kampmann lässt Hedda Möller stellvertretend für viele andere Frauen von der Machtergreifung aus weiblicher Sicht erzählen. Ihr sprachgewaltiger Bericht zeigt, wie Armut und Gewalt Frauen in vorgesehene Rollen zwingen, ob sie wollen oder nicht. Dabei wechselt die Erzählung kontinuierlich zwischen Ich- und Sie-Perspektive, manchmal wechselt sie auch in ein kollektives Wir. In diesen gemeinschaftlichen Momenten spaltet sich Hedda als eine der vielen Ritas – so nennt sie die Frauen, an denen sich Männer in diesem Roman bedienen – von der Wirklichkeit ab. Zudem taucht immer wieder das Motiv eines durch die Nacht wandernden Keilers auf. Er repräsentiert die permanente Bedrohung, die Patriarchat und Faschismus – insbesondere für Frauen – darstellen.
»Draussen die Nacht, in der der Keiler nicht schläft. Er zieht uns in sein Vergessen. Manchmal bin ich selbst kaum mehr als ein Flüstern. Aber dann bäumt sich etwas in mir auf, groß, größer als sein dunkles Rauschen, eine Wut, die stark und hell ist. Schsch. Nicht wie ihre Wut. Etwas, was aus der Liebe kommt. Klar und hell, ohne Tränen. Tränen sind wie Schweiss und Blut, fängt es einmal an, dann wollen sie mehr davon.«
Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern
Angesichts der permanenten Angst um Leib und Leben fällt sich die Erzählerin immer wieder selbst ins Wort. Wie ein Kind be- schsch -wichtigt sie sich und ihre Nerven. Als wollte sie nicht wahrhaben wollen, was sie sieht, erlebt und erzählt. In diesem »schschsch« klingt aber auch die übergriffige männliche Geste an, Frauen zum Schweigen bringen zu wollen. Diese assoziative Offenheit der Sprache zeichnet diesen hochpoetischen und bildstarken Roman aus.
»Was werden wir verloren haben?« Diese Frage habe sie sich stellvertretend für Hedda beim Schreiben oft gestellt, sagt Kampmann im Gespräch zum Roman. »Mein Gefühl ist leider auch, dass diese Frage wieder auf uns zukommt. Es steht viel auf dem Spiel, auch heute.« »Die Wut ist ein heller Stern« ist ein überwältigender historischer Roman und eine bestechende Mahnung für die Gegenwart.

