Literatur, Roman

Booker Prize geht an Paul Lynch

Der irische Schriftsteller gewinnt mit seinem Roman »A Prophet Song« den wichtigsten britischen Buchpreis. Paul Lynch folgt auf Shehan Karunatilaka, dessen Roman »Die sieben Monde des Maali Almeida« morgen in der deutschen Übersetzung erscheint.

In einem zukünftigen Irland übernehmen rechte Kräfte die Regierung und installieren in Windeseile ein totalitäres Regime. Oppositionelle wie der Gewerkschafter Larry Stack geraten schnell ins Kreuzfeuer des autoritären Sicherheitsapparates, der erbarmungslos durchgreift und Proteste gewaltsam niederschlägt. Ein Bürgerkrieg bricht aus und Larrys Frau Eilish, Wissenschaftlerin und Mutter von vier Kindern, muss im Kampf um das Überleben ihrer Familie schwierige Entscheidungen treffen.

Paul Lynch: A Prophet Song. Oneworld Publications. 320 Seiten. 21,30 Euro. Hier bestellen.

Die Jury unter dem Vorsitz der kanadisch-ghanaischen Schriftstellerin Esi Edugyan bezeichnete den Roman als einen »Triumph des emotionalen Erzählens, mutig und beherzt«. »A Prophet Song« fange »mit großer Lebendigkeit die sozialen und politischen Ängste unserer heutigen Zeit ein«, so dass Lynchs Leser:innen seine Warnungen nicht so schnell vergessen würden, heißt es in der Begründung zur Auszeichnung.

Die Auszeichnung von irischen Schriftstellern hat beim Booker Prize eine gewisse Tradition. Vor Lynch wurden mit Anna Enright, John Banville, Roddy Doyle, Iris Murdoch und James Gordon Farrell fünf andere irisch(stämmig)e Autor:innen mit dem Booker Prize ausgezeichnet, Anna Burns aus Nordirland nicht mitgerechnet.

Die sechs Romane auf der Shortlist | Foto: The Booker Prizes

Die Chancen, dass einer der drei nominierten Paul’s den Preis gewinnt – neben Paul Lynch waren auch Paul Harding mit »This Other Eden« und Paul Murray mit »The Bee Sting« sowie Sarah Bernstein mit »Study for Obedience«, Jonathan Escoffery mit »If I Survice You« (liegt bereits in der deutschen Übersetzung von Henning Ahrens bei Piper vor) und Chetna Maroo’s Roman »Western Lane« auf der Shortlist –, waren von Anfang an relativ hoch, entsprechend begleiteten scherzhafte Wetten den Abend der Preisvergabe.

»A Prophet Song« ist der fünfte Roman des irischen Schriftstellers Paul Lynch – nicht verwandt oder verschwägert mit dem amerikanischen Filmemacher David Lynch –, der in Deutschland noch weitgehend unbekannt ist. Bislang liegt einzig eine Übersetzung seines historischen Romans »Grace« vor, den Christa Schuenke für den Verlag Urachhaus übersetzt hat. Lynch hat für sein Werk einige Preise erhalten, vor allem auf dem französischen Markt ist er erfolgreich.

Das Werk von Paul Lynch

Bei der Preisverleihung bedauerte der sichtlich überwältigte irische Autor, dass es nun mit seiner »hart erkämpften Anonymität« vorbei sei. Es sei nicht leicht gewesen, dieses Buch zu schreiben, er habe sogar geglaubt, mit diesem Roman seine Karriere zu gefährde. »Aber ich musste das Buch trotzdem schreiben. Wir haben in solchen Dingen keine Wahl.«

In einem Interview auf der Seite des Booker Prize erzählt Lynch, dass er vier Jahre an dem Roman geschrieben hat, nachdem er erst an einer anderen Geschichte gearbeitet, diese aber intuitiv verworfen hat. Eines Morgens setzte er sich an seinen Schreibtisch und die ersten Zeilen flossen aus ihm. Bei der Preisverleihung zitierte er deshalb aus den Evangelien:

»If you use, what is within you, what is within you, will save you. If you do not use, what is within you, what is within you, will destroy you. My writing has saved me!«

Paul Lynch, The Booker Prizes

Literatur, so Lynch weiter, sollte ein Weg sein, um herauszufinden, wie die Welt entsteht und sich entfaltet. »Sätze sollten in die unbekannten Momenten vordringen, in die verborgensten Aspekte des Lebens, in das, was kaum bekannt ist, aber darauf wartet, enthüllt zu werden.«

Den Preis nahm der Ire von Shehan Karunatilaka entgegen, der mit »Die sieben Monde des Maali Almeida«, einer Geistergeschichte aus dem Bürgerkrieg in Sri Lanka, im vergangenen Jahr den Preis gewann. Der von Hannes Meyer übersetzte Booker-Prize-Roman 2022 erscheint morgen in Deutschland.

Nachtrag: Wie der Stuttgarter Verlag Klett-Cotta mitteilte, wird die Übersetzung von Paul Lynchs Roman im Herbst 2024 erscheinen. Eike Schönfeld gehört zu Deutschlands renommiertesten Übersetzer:innen, 2009 erhielt er für seine Übertragung von Saul Bellows »Humboldts Vermächtnis« den Preis der Leipziger Buchmesse.