Essay, Gesellschaft, Politik, Sachbuch

Mehr oder weniger gespalten

Wo stehen wir nach all den Krisen der vergangenen Jahre als Gesellschaft? Gibt es noch einen gemeinschaftlichen Konsens? Was ist überhaupt diese so umkämpfte Mitte der Gesellschaft? Wer darf in dieser Platz nehmen und welche Themen werden dort verhandelt? Und was ist eigentlich mit dieser digitalen Welt, in die alles strebt? Einige aktuelle Bücher gehen diesen Fragen auf den Grund.

Wann immer in den letzten Jahren über Hilfe für Geflüchtete oder das Gendersternchen, über Coronaimpfungen oder Klimablockaden diskutiert wurde, ging es hoch her. So hoch, dass viele Expert:innen dies als Anzeichen einer sich spaltenden Gesellschaft eingeordnet haben. Diese These basiert im Kern auf der Grundannahme von zwei Gesinnungslagern: Auf der einen Seite die »woken« Gutmenschen, die aufgeklärt, rassismuskritisch, gendersensibel und klimapolitisch aktiv sind, auf der anderen Seite die konservativ-autoritären »alten weißen Männer«, die latent bis unverhohlen fremdenfeindlich, verschwörungstheoretisch, antifeministisch und klimawandel-skeptisch unterwegs sind.

Dieses bipolare Konzept musste in den letzten Jahren als Blaupause zur Erklärung der gesellschaftlichen Spannungen herhalten. Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey machten hinter den heftigen Eruptionen in einem Teil der Bevölkerung »Gekränkte Freiheit« aus, die Extremismusexpertin Julia Ebner vermutete eine »Massenradikalisierung«, der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sprach schon vor Jahren von der »großen Gereiztheit«.

Der These der gespaltenen deutschen Gesellschaft sind die Soziologen Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser auf den Grund gegangen. Ein Jahr lang haben sie die bundesdeutsche Gefühlslandschaft erkundet, um herauszufinden, wer hierzulande eigentlich mit wem und warum so erbittert über ungleiche Verhältnisse streitet. Die »Zwei-Welten-Theorie« der gespaltenen Gesellschaft erweise sich »überaus hüftsteif, wenn man mit ihr das soziale Gelände genauer erkundet«, schreiben die drei Soziologen von der Berliner Humboldt-Universität in »Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft«. Dieses Gelände, im Volksmund meist vermint, ist ihr Metier. Für das Buch haben sie ein Jahr lang jeden Winkel erkundet und hinter jeden Strauch geschaut, um herauszufinden, wer hierzulande eigentlich eigentlich mit wem und warum so erbittert über ungleiche Verhältnisse streitet.

Dafür haben sie vier zentrale Konfliktfelder – die Autoren sprechen von Arenen – identifiziert, in denen so genannte »Wem steht was zu?«-Fragen verhandelt werden. In der »verteilungspolitischen Oben-Unten-Arena« werden sozioökonomische Ungleichheiten wie Mieten, Einkommen, Bildung und Rente verhandelt. In der »migrationspolitischen Innen-Außen-Arena« geht es um Positionen zu Flucht, Zugehörigkeit und Integration. In der »identitätspolitischen Wir-Sie-Arena« toben Konflikte um Anerkennung, Respekt und Political Correctness und in der »umweltpolitischen Heute-Morgen-Arena« finden die Auseinandersetzungen um den Klimawandel, mögliche Anpassungsmaßnahmen und die grundsätzliche Verteilung von Lebenschancen statt.

Steffen Mau, Thomas Lux, Linus Westheuser: Triggerpunkte. Suhrkamp Verlag 2023. 540 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen.

Um den Zusammenhang von Ungleichheiten, Einstellungsmustern und sozialer Lage in diesen vier Konfliktfeldern zu untersuchen, haben Mau, Lux und Westheuser eine repräsentative Befragung durchführen lassen. Zudem haben sie sechs Fokusgruppen gebildet, in denen moderiert kontroverse gesellschaftspolitische Thesen diskutiert wurden. Thesen wie »Der Staat sollte Maßnahmen ergreifen, um Einkommensunterschiede mehr als bislang zu verringern.« »Den Einheimischen kommt zu wenig zu Gute, weil zu viel für Migranten ausgegeben wird.« »Personen, die ihr Geschlecht geändert haben, sollten als normal anerkannt werden?« »Es wäre nur gerecht, wenn die, die viel haben, am meisten zur Bewältigung der Klimakrise beitragen müssten.« Die Reaktionen auf solche und andere Aussagen bilden das Gerüst der Untersuchung, um herauszufinden, wie (emotional) die Menschen in Deutschland ticken.

Und die Ergebnisse haben es in sich. Statt einer gespaltenen Gesellschaft finden die Wissenschaftler in ihren Daten eine Gesellschaft vor, die sich in allen Konfliktfeldern weitgehend einig ist. So räumt eine deutliche Mehrheit in allen sozioökonomischen Lagern ein, dass die Vermögensunterschiede im Land zu groß sind und etwas dagegen getan werden müsse. Migrationsbefürworter:innen und Zuwanderungsskeptiker sind sich einig, dass Zuwanderung grundsätzlich zu steuern, die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aber ethisch geboten sei. Auch stellt die übergroße Mehrheit der Befragten nicht infrage, ob queere Personen die gleichen Rechte genießen sollten wie nicht-queere Menschen. Und auch in der Heute-Morgen-Arena besteht im Grundsatz Einigkeit, neun von zehn Befragten blicken mit Sorgen auf Umwelt und Klima.

Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey: Gekränkte Freiheit – Aspekte des libertären Autoritarismus. Suhrkamp Verlag 2022. 480 Seiten. 28,- Euro (Broschur: 17,- Euro). Hier bestellen.

Problematisch wird es, wenn es »ans Eingemachte« geht und Menschen Dinge als unfair erleben (Sonderrechte für Minderheiten), Verhaltensweisen als moralisch unzumutbar empfinden (Dekadenz der Reichen), Kontrollverlust befürchten (Grenzöffnung) oder zu Verhaltensänderungen gezwungen würden (Tempolimit, Genderstern). Hier würden viele Menschen getriggert, weil sie Folgen für ihr eigenes Leben befürchten. Ihre grundsätzliche Zustimmung zur Handlungsnotwendigkeit schlägt um in Widerstand bei der konkreten Umsetzung. Die Autoren sprechen hier von einem »verbreiteten »Ja-Aberismus««. Armut senken ist gut, aber bitte keine Erbschaftssteuer. Kriegsflüchtlinge aufnehmen ist richtig, aber nicht diese ganzen Wirtschaftsmigranten. Gleichstellung meinetwegen, aber bitte kein Frauenquoten. Klimaschutz muss sein, aber ohne Straßenblockaden.

Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey vermuten hinter diesen Ansichten die Figur des »libertären Autoritären«, die sie in ihrem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Sachbuch umkreisen. Als Querdenker und letzte Aufrechte schließen sich die Vertreter:innen dieser Figur zu »Neogemeinschaften des Misstrauens« zusammen und gehen dem anarchischen Impuls nach, »ihr Anliegen gegen alle äußeren Widerstände« und jede Vernunft durchzusetzen.

Peter R. Neumann: Logik der Angst. Rowohlt Berlin 2023. 208 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen.

Peter R. Neumann, der als Professor für Security Studies am King’s College in London das Internationale Centre for the Study of Radicalisation leitete, sieht als Hauptantrieb für diese Irrationalitäten eine »Logik der Angst« am Werk, die rechten Parteien und Organisationen die Leute in die Arme treibe. Ob alte oder neue Rechte, Neorassisten oder Identitäre, Reichsbürger oder Verschwörungstheoretiker, AfD oder Rassemblement National – sie alle setzen zunächst weniger auf Hass, sondern zunächst auf die Angst ihrer Klientel. Wie der Rattenfänger von Hameln spielen sie auf der Flöte der Panikmache, um die Köpfe der Menschen zu erobern. Facettenreich zeigt Neumann auf, wie sie den Hass auf alle und alles schüren, was nicht diesem Denken entspricht, wenn sie mit ihrer Sinfonie der Destabilisierung fest in den Köpfen verankert sind.

Welche Rolle das Internet dabei spielt, zeigt Julia Ebner in »Massenradikalisierung« packend auf. Nachdem die in London und Oxford forschende Extremismusexpertin 2020 in »Radikalisierungsmaschinen« preiswürdig vorführte, wie Extremisten die neuen Medien und Technologien nutzen, um uns zu manipulieren, vertieft sie nun diese Analyse und warnt vor einem Jahrzehnt der Radikalisierung der Massen. Reportage-ähnlich erzählt sie nicht nur von ihren Erfahrungen und Begegnungen mit Fundamentalist:innen und rechten Zündler:innen, sondern führt deren Online-Strategien vor Augen, die längst ihre traurigen Erfolge zeitigen. Subkulturen werden etabliert, Netzwerke aufgebaut und alternative Medien gepusht, um auf dieser Basis Stellvertreterkriege zu führen, konservative Rollbacks zu organisieren und die Massen zu radikalisieren.

Julia Ebner: Massenradikalisierung. Suhrkamp Verlag 2023. 360 Seiten. 20,- Euro. Hier bestellen.

Die Gefahren dieser Doppelstrategie der Panikmache und Radikalisierung fächern Ebner und Neumann in ihren international ausgreifenden Werken eindrucksvoll auf. Sie zeigen, dass in diesen fluiden Zeiten, in denen sich Gesellschaften permanent wandeln, der Kampf gegen fundamentalistische und extremistische Bewegungen vor allem ein Kampf gegen Rechts ist. Diesen gelte es zu gewinnen, wolle man den gesellschaftlichen Zusammenhalt bewahren.

Aleida Assmann sieht im aktuellen Rechtsruck die Folgen einer »Geschichtspolitik des Stolzes«. Geschichte sei nicht einfach vorbei, schreibt sie in »Vergangenheit, die nicht vergeht«, sondern werde besonders dann zu einem Problem, wenn sie von unterschiedlichen Gruppen gegensätzlich erfahren, bewertet und erzählt wird.

Aleida Assmann: Vergangenheit, die nicht vergeht. Picus Verlag 2023. 64 Seiten. 14,- Euro. Hier bestellen.

Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, die 2018 gemeinsam mit ihrem Mann Jan Assmann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, erklärt in ihrer Wiener Vorlesung, wie historische Belastungen am gesellschaftlichen Zusammenhalt nagen, wenn sie von Interessengruppen gegensätzlich empfunden und gedeutet werden. Antagonistische Narrative würden nicht nur die Möglichkeit sozialer Anerkennung und politischer Gleichberechtigung verhindern, sondern würden viel schlimmer die Perspektive auf eine gemeinsame Zukunft verstellen.

Gerade in post-heroischen und post-migrantischen Gesellschaften stelle sich die Frage, wo Kolonialgeschichte, Sklaverei, Rassismus, Antisemitismus, Holocaust, Ausgrenzung und Diskriminierung bleiben, wenn Humanismus, römisches Recht und Aufklärung als stolze Elemente der Leitkultur etabliert sind. »Sind das Episoden einer Geschichte, die ein für alle Mal vergangen ist und mit der wir nichts mehr zu tun haben?« So einfach sei es offenbar nicht, denn die dunkle Geschichte ist eben noch präsent, und wenn die Einheimischen das nicht sehen wollen, dann fällt dies den Zugewanderten oder den einst Kolonialisierten und seither Marginalisierten auf. Die Geschichte selbst könne man nicht mehr ändern, so Assmann, aber das Verhältnis zu ihr. Man müsse ein neues Narrativ entwickeln, das die dunklen und traumatischen Ecken der Vergangenheit berücksichtigt.

Foto: Thomas Hummitzsch

Dieser Wandel prägt auch die Debatten in Deutschland. Dies schlägt sich auch in den Erkenntnissen der Berliner Soziologen nieder, die diese entlang der gesellschaftlichen Sozialstruktur abklopfen, um Denkfiguren wie die »rechte« Arbeiterklasse und die »diversitätsberauschten« Akademiker zu hinterfragen oder Zusammenhänge zwischen den Konfliktarenen zu identifizieren. Und auch hier finden sie keine Hinweise, die die These einer gespaltenen Gesellschaft stützen würden, wenngleich sie eine gewisse Lagerbildung bestätigen.

Allerdings mache es einen Unterschied, ob man sich angesichts tief greifender und zahlreicher Wandlungsprozesse »selbst als Lenker der eigenen Geschichte begreift und positive Erfahrungen der Selbstwirksamkeit macht oder ob Veränderungen ohne eigenes Zutun und auch gegen den eigenen Willen geschehen.« Die, die da nicht mehr mitkommen, sind die Veränderungserschöpften unserer Zeit, bei denen das Gefühl, abgehängt zu sein, in Wut umschlägt.

Stephan Anpalagan: Kampf & Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft. S. Fischerverlage 2023. 320 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen.

Angesichts dieser Analyse ist es eigentlich verwunderlich, dass nicht viel mehr Menschen mit dem so genannten Migrationshintergrund wütend sind. Wie der in Sri Lanka geborene Theologe Stephan Anpalagan in seinem Buch »Kampf & Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft« deutlich macht, können es Migranten der so genannten deutschen Mehrheitsgesellschaft ohnehin nicht recht machen. Ständig müssen sie den Kopf hinhalten, wenn es darum geht, gesellschaftliche Missstände zu diskutieren. Zuletzt im Zuge der Reaktionen auf die erneute Eskalation der Gewalt in Nahost, die so manchen Politiker veranlasste, eine pauschale Ausweisung von Antisemiten zu fordern. In seinem Buch bezeichnet er den exklusiven Blick auf den Antisemitismus von Zuwanderern als »Migrantisemitismus«, der davon ablenke, dass Antisemitismus vor allem ein innerdeutsches Problem sei. »Wenn wir wirklich alle Antisemiten rausschmeißen wollten, müssten wir wahrscheinlich einen Gutteil der deutschen Bevölkerung ausbürgern«, erklärte Anpalagan kürzlich gegenüber dem Berliner Tagesspiegel.

In seinem Buch schreibt er über die unzähligen Widersprüche im Umgang mit Menschen mit Migrationsgeschichte, über die Abhängigkeit der Wirtschaft von Einwanderung und das gleichzeitige Blaming der Zuwanderung als gesellschaftsgefährdend, über den nur dürftig kaschierten Fremdenhass in der Mitte der Gesellschaft und die Sehnsucht der Eingewanderten, dass dieser endlich enden möge. Anpalagans Buch ist eine wichtige subjektive Horizonterweiterung, wenn man zur nüchternen Analyse der drei Berliner Soziologen greift, wie auch der anderthalbstündige taz-Talk zeigt.

»Triggerpunkte« ist ein Buch, dass die aufgeheizten Debatten hinter sich lässt und nüchtern danach fragt, was ist. Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser erkunden die großen Konfliktlinien unserer Zeit, um herauszufinden, woran sich die Debatten eigentlich genau entzünden. Man kann sicher davon ausgehen, dass dieses Buch angesichts der kommenden Wahlen in sämtlichen Parteizentralen ganz oben liegen wird, weil es wie kein anderes die Sollbruchstellen der politischen Debatten offenlegt, an denen sich Menschen empören.

Dabei ahmen die Autoren die Figur des »ja, aber…« inhaltlich nach, indem es deutlich macht, dass es im Gegensatz zur Annahme einer gespaltenen Gesellschaft einen breiten gesellschaftlichen Konsens gibt, der aber angesichts der Gleichzeitigkeit erhöhter Mieten, ansteigender Zuwandererzahlen und finanzieller Zumutungen im Zuge ökologischer Transformationen nicht zur Beruhigung einladen sollte. Denn Parteien wie die AfD inszenieren sich schon jetzt als Bannerträger der Veränderungserschöpften, deren Vertrauen in die Mechanismen der Demokratie ohnehin schon arg strapaziert ist.

Sascha Lobo: Die große Vertrauenskrise. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2023. 336 Seiten. 25 Euro. Hier bestellen.

Wie das gekommen ist, erklärt der Medienexperte und Blogger Sascha Lobo in seinem neuen Buch »Die große Vertrauenskrise«. Ursächlich für die »Implosion des Vertrauens« seien mehrere Prozesse, die sich mit der Globalisierung und Digitalisierung der Welt vollzogen hätten. So herrschten völlig neue Anforderungen an politische Transparenz und Verwaltungshandeln. Fakten, die heute nicht veröffentlicht werden, machen morgen schon einen Skandal. Lobbyismus und das neoliberale Ausbluten der Verwaltungen hätten zudem dem Ansehen der Institutionen geschadet.

Dazu kommt das Handeln antiliberaler Eliten wie Donald Trump, Wladimir Putin oder Xi Jinping, die den Vertrauensverlust in das demokratische System mit ihren Lügen ständig befeuern. Ihr Ziel ist es, demokratische Institutionen beziehungsweise die Demokratie als solche zu schädigen, um die eigene autoritäre Agenda durchzusetzen. »Keine einzelne, lebende Person hat mehr Vertrauen in Deutschland zerstört als Wladimir Putin«, schreibt Lobo mit Blick auf die russische Propaganda.

Auf das allgemeine Misstrauen gegenüber den Medien zahlen Verschwörungserzählungen aller Art ein, die angesichts einer sich ausbreitenden Verunsicherung, was man noch glauben könne und was nicht – Lobo spricht hier von »Vertrauenspanik« –, abseits von Logik und Konsistenz »Halt in der größten Not« bieten würden. Beflügelt würden diese Verschwörungstheorien durch die (a)sozialen Medien, die jedem Affen seinen Zucker geben. Blöd nur, dass im Internet »immer Weltuntergang« herrscht und die Revolte gegen die Vernunft auf fruchtbaren Boden fällt. »Verstärkt durch die Verstörungen, die die Coronapandemie weltweit ausgelöst hat, hat die Vertrauenspanik zu einer massenhaften Flucht in die Irrationalität geführt.« Medien und Wissenschaft hätten mit ihrer recht einseitigen Parteinahme dazu beigetragen.

Bernd Stegemann: Identitätspolitik. Verlag Matthes & Seitz Berlin 2023. 110 Seiten. 10,- Euro. Hier bestellen.

Hier sei ein kurzer Exkurs zum Bändchen »Identitätspolitik« von Bernd Stegemann, Dramaturg am Berliner Ensemble und Professor an der Hochschule Ernst Busch, erlaubt. Der im politischen Diskurs links zu verortende Theatermann sieht in selbiger nämlich eine »wachsende Gefahr für die ausdifferenzierten Gesellschaften«, weil die unterschiedlichen Identitäten einander ausstechen würden. Die Gesellschaften würden demnach immer mehr unter Druck geraten, wenn sie sich vordringlich mit der Frage beschäftigen, »welchen Umgang mit verschiedenen identitären Gruppierungen« sie für angemessen halten. Statt die Missstände zu erkennen, die die Empörung über Race, Class und Gender hervorrufen, schert Stegemann alles über den Kamm des Neoliberalismus, der alle gleichermaßen zu Opfern mache. Statt gemeinsam gegen diese Ideologie vorzugehen, würde die Identitätspolitik das Kollektiv spalten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.

Über diese Position lässt sich sicherlich trefflich streiten, aber wie so oft gibt es in jedem Unsinn einen wahren Kern. Die Fokussierung auf bestimmte Aspekte der Identätspolitik im linken Spektrum hat fatale Folgen, wie auch Peter R. Neumann in seinem Buch zeigt. Die Maximalpositionen, die in den identitätspolitischen Schlachten oft vertreten würden, verhärten nur die Fronten. Für Linke müsse es darum gehen, »mehr Geduld und Verständnis für die «Verlierer» des gesellschaftlichen Wandels aufzubringen«, so Neumann. Es sei wichtig, diese nicht von oben herab zu behandeln oder ihnen beim geringsten Widerspruch vorzuwerfen, sie seien Reaktionäre oder Rassisten«, schreibt er.

Das Internet, die neuen Medien und die Demokratie

Dennoch greift man wohl nicht zu weit, wenn man feststellt, dass der intersektionale Ansatz in der Identitätspolitik seine Berechtigung hat – die junge Generation hat das bereits begriffen. Umso schlimmer sei es, wie die gegenwärtigen Verhältnisse das Vertrauen der Jugend von Anfang an untergraben hätten, so Lobo. Denn wenngleich die Digitalisierung Druck auf die Gesellschaft ausübt, entspricht sie aus Sicht der Jugend nirgendwo der Höhe der Zeit. Zudem blickt die Gen Z in eine Zukunft unter widrigen Bedingungen, die ihnen ihre Eltern und Großeltern gleichgültig eingebrockt haben. Warum sollten sie also irgendjemandem über 30 trauen? Selbst jetzt wird keine Politik gemacht, die sich an den Bedürfnissen der jungen Generation ausrichtet, Deutschland ist aus Sicht der Jugend »eine demografische Demokratur«.

All das habe das Alte Vertrauen beschädigt. Lobo stellt aber ein Neues Vertrauen in Aussicht, eines, das »fluider, sozialer, prozessualer« ist und »auffällig oft mit (sozial vernetzter) Technologie« arbeite. Richtig spannend wird es, wenn Deutschlands Digitalpapst sein Buch aus den alten Verfehlungen in die Gegenwart der Krise hebt, um einen Blick in die Zukunft zu wagen. Denn während die Digitalisierung in Deutschland nur schleichend vorangeht, verläuft die technische Entwicklung global gesehen als Dauersprint. Man müsse nur auf ChatGPT schauen, dessen Technik unseren Alltag schon jetzt revolutioniert, ohne dass die meisten etwas davon mitbekommen. »Mit ChatGPT ist menschliche Sprache zu Maschinensprache geworden«, schreibt Lobo, Maschinen hätten damit die Sphäre unseres ohnehin schon angeschlagenen Vertrauens erreicht.

Die generative KI, die eigenständig dazulernt und anhand der erlernten Muster neue Inhalte entwickelt, ist erst am Anfang, schon jetzt könne man aber in Deepfakes ihre zerstörerische Kraft in der Arena des Vertrauens erkennen. »Wir stehen nicht vor, sondern bereits mitten in einer KI-Revolution, die man als Feuerprobe für unser Vertrauen in die Gesellschaft und die Welt betrachten muss«, schreibt Lobo und sonderlich optimistisch ist er nicht. Den Wettkampf gegen die KI habe der Mensch schon verloren, bevor er überhaupt richtig angefangen habe. Da wir die Technik aber einmal haben, brauche es einen Umgang damit, ein »Maschinenvertrauen«.

Wie wir dazu kommen, weiß Lobo auch nicht so genau, aber er hat noch ein paar Tipps für die Stärkung des Gesellschaftsvertrauens. Es brauche mehr Transparenz, um Entscheidungen nachzuvollziehen, mehr Vernetzung und Dialog auf Augenhöhe und einen »Generationenvertrag des Vertrauens«, in dem sich die Alten verpflichten, den Bedürfnissen der Jungen mehr Platz einzuräumen.

Jonathan Crary: 180 °. Zu spät für den Kapitalismus. Aus dem Englischen von Max Henninger. Wagenbach Verlag 2023. 144 Seiten. 20,- Euro. Hier bestellen.

Man kann und will Lobo da an keiner Stelle widersprechen, und doch kommt in den Lösungsansätzen, die er präsentiert, eine gewisse Hilflosigkeit zum Ausdruck. Das alte Vertrauen ist hin, ein neues gibt es noch nicht. Ob wir ausgerechnet jene, die wir an Verschwörungsmythen und politische Propaganda verloren haben, durch ein neues Vertrauen in die Maschine zurückgewinnen oder nicht noch tiefer in ihre Echokammern des Wahnsinns hineintreiben, bleibt erst einmal abzuwarten.

Der Kunstkritiker Jonathan Crary hat da seine Zweifel, die vernetzte Digitalisierung und der kaputte Spätkapitalismus sind für ihn synonym, das eine ohne das andere nicht denkbar. Dieser »Internetkomplex« sei untrennbar mit den sozialen und ökologischen Krisen verflochten. Wie der Kapitalismus die Erde und ihre Ressourcen verbrennt, hat der Amerikaner in »24/7. Schlaflos im Kapitalismus« beschrieben.

Die Bücher dieses Beitrags in der Übersicht

In seinem neuen Buch »180 °. Zu spät für den Kapitalismus« weitet er den Blick und zeigt, wie das kriselnde kapitalistische System Zivilgesellschaft und Natur mit in den Abgrund reißt. Vor allem zielt er darauf, wie unsere Online-Existenz unsere Wahrnehmung verfälscht, weil Freundschaft, Liebe, Gemeinschaft und Empathie zu einer bloßen Simulation verkommen. Die biometrische Verwendung von Stimme, Gesicht und Blick würde dafür sorgen, »dass die zwischenmenschliche Grundlage einer gemeinsamen sozialen Wirklichkeit zersplittert wird.

Crary analysiert genau, wie die technische Umwidmung der Wahrnehmung durch Eye-Tracking, Gesichtserkennung und Stimmenanalyse alles beseitigt, was mehrdeutig und unscharf, um Eindeutigkeit herbeizuführen. Sascha Lobo liest diese Eindeutigkeit als vertrauensbildende Maßnahme, Jonathan Crary als Maschinenwelt, in der das Zwischenmenschliche verlorengeht. Der digitale Spätkapitalismus arbeite aus Gründen des Selbsterhalts daran, die Begegnung als Grundlage des sozialen Miteinanders überflüssig zu machen. Jeder begebe sich auf seine digitale Insel. Online winken wir uns zu, ohne uns jemals zu begegnen.

»Es ist bemerkenswert, dass in einer Zeit, in der die Zukunft des Planeten, das Überleben von Mensch und Tier so gefährdet ist wie nie zuvor, derart viele Menschen sich freiwillig in leblosen digitalen Parzellen verschanzen, die von einer Handvoll soziozidaler Konzerne erdacht worden sind«, schreibt Crary und fordert eine Besinnung auf bewährte Ressourcen und Praktiken des Miteinanders abseits des Digitalen. Oder wie es Mau, Lux und Westheuser in »Triggerpunkte« schreiben: »ohne das Wirken der Zivilgesellschaft ist Integration durch Konflikt kaum denkbar.«

Es braucht weniger Handyzeit und mehr echte Begegnung, gepaart mit dem Mut, sich für einander zu interessieren und miteinander ins Gespräch zu kommen. Damit wäre ein Anfang gemacht.