Die syrische Journalistin und Bürgerrechtlerin Samar Yazbek hat in Katar mit Palästinenser:innen gesprochen, die schwerst verletzt oder als Begleitung von schwerst verletzten Kindern aus Gaza ausgeflogen wurden. Deren erschütternde Überlebensberichte zeichnen ein zutiefst verstörendes Bild des Gaza-Krieges.
Mehr als zwei Jahre lang hat die israelische Armee die Opferzahlen aus dem Gazastreifen als Propaganda des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums abgestempelt. Ende Januar musste sie aufgrund der erdrückenden Datenlage die Richtigkeit dieser Zahlen einräumen. Demnach sind im Gaza-Krieg mindestens 70.000 Menschen getötet worden. Die Mehrzahl, davon ist auszugehen, sind Zivilisten. Israel sprach bislang davon, dass auf jeden der etwa 23.000 getöteten Hamas-Anhänger zwei bis drei zivile Opfer kämen. Die tatsächliche Zahl könnte also noch deutlich höher liegen. Davon gehen auch die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung aus. Sie sprechen von über 100.000 Getöteten. Dazu kämen die an Krankheiten oder Unterernährung gestorbenen Menschen. Wie viele Leichen zudem noch unter den Trümmern im Gazastreifen liegen, ist unklar.
Die westlichen Medien hätten früh über die ungeheuerlichen Opferzahlen im Gazastreifen berichten und ihre Regierungen in die Pflicht nehmen können. Die meisten zogen es aber vor, die Meldungen der israelischen Armee zu übernehmen. Dabei hatten zahlreiche internationale Hilfsorganisationen auf das Ausmaß der Gewalt hingewiesen. Die Vereinten Nationen schätzen die Zahl der Verletzten im Gazastreifen inzwischen auf 170.000 Menschen. Bei etwa 2,5 Millionen Bewohnern hat jeder Zehnte in Gaza Schaden an Leib oder Leben genommen.
Was für unfassbare Schicksale hinter diesen Zahlen stehen, veranschaulichen die Berichte von Palästinensern, mit denen die syrische Autorin, Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Samar Yazbek in Katar gesprochen hat. Dort traf sie Ende 2024 auf Menschen, die aufgrund ihrer meist lebensbedrohlichen Verletzungen zur medizinischen Versorgung in das Emirat ausgeflogen wurden. »Menschen mit abgetrennten Gliedern, mit fehlenden Organen, halbe menschliche Körper, die am Rande der Existenz lebten, als seien sie Relikte einer vergangenen Zeit«, wie Yazbek schreibt. In »Gaza. Überlebensberichte aus einem zerstörten Land« lässt sie diese Menschen über ihre Erfahrungen nach dem 7. Oktober 2023 sprechen, um die Bruchstücke der von Bomben, Raketen und Granatsplittern zersprengten Wahrheit zusammenzusuchen.

Die Splitter und Scherben dieser Wahrheit sind über insgesamt 27 Überlebensberichte verstreut, die für sich betrachtet in ihrer banalen Grausamkeit kaum zu ertragen sind. Zusammengenommen ergeben sie ein geradezu apokalyptisches Bild. »Leichen über Leichen, und Menschen um mich herum, die versuchten, ihre Kinder zu identifizieren. Die Leichen waren entstellt, alle suchten nach den Überresten ihrer Kinder, sie trösteten sich gegenseitig, alle hatten Tote zu beklagen«, erinnert sich der 54-jährige Samer an die Eindrücke nach dem Bombeneinschlag, bei dem er zwei seiner vier Kinder verloren hat. Der 21-jährige Ibrahim Qudaih, der als Pfleger im Nasser-Krankenhaus gearbeitet hat, bevor ihm die Druckwelle einer Fassbombe beide Beine, eine Hand und mehrere Finger vom Körper riss, »sah ein Kind, das in zwei Hälften geteilt war, Körper ohne Köpfe, Eingeweide überall, und dazwischen immer wieder Stücke von Körpern«. Die 28-jährige Wafaa Asaad Abu Samaan, die es schwerst verletzt aus dem Gazastreifen geschafft hat, erinnert sich an »Katzen und Hunde mit von Menschen blutverschmierten Mäulern, Menschen, deren Körper zerfetzt waren und deren Gliedmaßen um sie herumlagen.« Eindrücke, die an Darstellungen von Hieronymus Bosch oder George Grosz denken lassen.
Wer bislang dachte, dass Ghayath Almadhouns poetische Horrorbilder Fantasiegebilde sind, wird hier eines besseren belehrt. Der Titel seiner eindrucksvollen und von Larissa Bender übersetzten Prosagedichte »Ich habe dir eine abgetrennte Hand gebracht« ist durchaus wörtlich zu nehmen. Seine Prosagedichte orientieren sich nicht am lyrischen Gesang, sondern eher an der Dokumentation der Folgen des anhaltenden Krieges im Nahen Osten. Das Drastische und das Absurde wechseln sich hier ab, spiegeln sich gegenseitig in immer bedrückenderen Bildern, die sich wie in einem Spiegelkabinett aus verschiedenen Winkeln dem immer gleichen Grauen annähern. Almadhoun hält das Gefühl völliger Verzweiflung und Fassungslosigkeit mit Sarkasmus und Paradoxie fest. Er ist ein Kafka seiner Generation, nur dass seine Wirklichkeit das Surreale permanent übersteigt.

Wie sollen solche Bilder jemals aus den Köpfen der Menschen verschwinden, in deren Körper sie sich – oft im Wortsinn – eingebrannt haben? Wie kann ein Mensch mit diesem Grauen leben, ohne an der Menschheit zu zweifeln? Selbst die überaus erfahrene und mit Schilderungen von Gewalt vertraute Übersetzerin Larissa Bender, die die Berichte gemeinsam mit ihrer jüngeren Kollegin Leonie Nückell ins Deutsche gebracht hat, räumt ein, dass die in diesem Buch versammelten Schilderungen »weitaus grausamer sind als alles, was ich bisher übersetzt habe«.
Man könnte die Aufzählung von Impressionen des Grauens problemlos fortsetzen, bis die Spalten dieses Artikels gefüllt wären. Eine solch willkürliche Phänomenologie des Krieges würde jedoch den Schilderungen der Menschen nicht gerecht. Diese fügen sich nämlich zu einem Bild, dem man sonst nur in Untersuchungsberichten von Menschheits- oder Kriegsverbrechen begegnet und das Yazbek »die Systematik des Genozids« nennt. Es setzt sich aus Erlebnissen zusammen, die immer wieder in den Berichten der Überlebenden auftauchen: der Angriff von ziviler Infrastruktur mit Splitter-, Fass- und Vakuumbomben, der Einsatz von modernen Schallwaffen und ferngesteuerten Drohnen, die Taktik des systematischen Zweitschlags, um zivile Helfer zu töten sowie das willkürliche Töten von Menschen auf der Flucht – on the ground und aus der Luft.
Die Berichte werfen auch ein Schlaglicht auf die technische Entgrenzung des Krieges durch die israelische Armee. Die hat in Gaza nicht nur auf Soldaten, sondern auch auf Maschinen und Algorithmen gesetzt. Kein Erfahrungsbericht ohne Erwähnung der militärischen Drohnen, deren Surren über den Köpfen der Menschen ein ständiger Begleiter dieses Krieges ist.
Noch bedrohlicher als die einfachen Drohnen sind die sogenannten Quadkopter, »kleine ferngesteuerte Hubschrauber«, die totale Überwachung und schnelles Töten miteinander verbinden. Aus der Ferne gesteuert dringen sie in Kranken- und Wohnhäuser ein, erteilen über Lautsprecher Anweisungen, scannen Gesichter und führen Exekutionen aus. Den Zeugenberichten zufolge kommen sie oft auch nach Bomben- oder Raketenangriffen zum Einsatz, um weitere Granaten abzuwerfen oder fliehende Menschen gezielt ins Visier zu nehmen.
Ein anderes wiederkehrendes Phänomen betrifft die Verwendung unbekannter Substanzen. »Die Ärzte haben gesagt, in den Raketen sind neue tödliche Substanzen, und man kann die Verletzungen nicht mit herkömmlichen Antibiotika heilen«, berichtet etwa die 33-jährige Krankenschwester Israa Mhanna. Was gemeint sein könnte: die Verwendung der stark riechenden Chemikalie Phosphor, die schwerste Verbrennungen auslöst. Ihr Einsatz wäre ein Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht, die Berichte liefern dafür mindestens Indizien. Die 21-jährige Softwareingenieurin Schaima Nadschi spricht etwa von Raketen mit einer Substanz, »die kleine schwarze Punkte auf dem ganzen Körper hinterlässt« und der ebenfalls 21 Jahre alte BWL-Student Firas Al-Scheich Radwan erinnert sich daran, dass die Raketen seltsame Gerüche verbreiteten, »eklig und tödlich, es war unmöglich, normal zu atmen«.
Neben den unmenschlichen Grausamkeiten des Krieges vermitteln die Aussagen auch ein Bild der humanitären Katastrophe in Gaza. Die Krankenhäuser waren oft »bis zum Bersten gefüllt, Vertriebene, Verletzte, Verstorbene, Verwesungsgestank«, berichtet Lehrerin Aayasch. Immer wieder ist in den Aussagen von fehlenden Medikamenten, überfüllten Krankenhäusern, Operationen und Amputationen ohne Narkose, aufgebrochenen Körpern, großflächig verbrannter Haut und schwärenden Wunden, aus denen Maden kriechen, die Rede – nicht als zugetragene Geschichte aus zweiter Hand, sondern als erfahrenes Leid.
Fassungslos liest man diese Berichte von Menschen, die Kinder, Partner, Eltern, Geschwister verloren haben, in vielen Fällen ist von der Auslöschung ganzer Großfamilien mit Dutzenden Menschen die Rede, in anderen Fällen vermittelt das beredte Schweigen das Ausmaß des Leids. Mit jedem Detail dieses Horrors wächst der Klos im Hals und der Widerstand, weiterzulesen. Wie können Menschen so viel Grauen ertragen? Es ist eine in der Menschheitsgeschichte immer wiederkehrende Frage. Eine Antwort liefert die 40-jährige Lehrerin Wafaa Asaad Abu Samaan, die mehr als einhundert Familienmitglieder verloren hat: »Ich habe überlebt, aber mein Herz ist tot.»
Im Bericht des 25-jährigen Mohannad Fadi Saleh findet sich eine treffende Beschreibung der Situation, in der sich die Palästinenser nach nunmehr zweieinhalb Jahren Krieg befinden: »Wir hängen zwischen Leben und Tod, wir sind lebende Tote, und es gibt keine Möglichkeit zu fliehen.«
Die Menschen aus Gaza bräuchten nicht unser Mitleid, schreibt Yazbek, sondern die Anerkennung ihres drängenden Wunsches, »die Wahrheit über ihre Tragödie ans Licht zu bringen«. Die von ihr gesammelten Überlebensberichte tragen zur überfälligen Wahrheitsfindung bei. Sie dokumentieren das unermessliche Leid der Menschen in Gaza, das im Westen lange niemand sehen wollte.

