Literatur

Im Schmerz gefunden

Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit. Das sind die Ideale der französischen Nation. Èric Vuillard erzählt in »14. Juli« davon, wie sich diese Nation an den Füßen der Bastille fand.

»Im Grunde weiß man nicht, was sich am 14. Juli ereignet hat«, schreibt Éric Vuillard in seinem gleichnamigen neuen Roman. Gewidmet ist »14. Juli« der Erstürmung der Bastille 1789, die seither Anlass für Frankreichs Nationalfeiertag bietet. Dass man nicht weiß, was sich an diesem Tag, der als Auslöser der Französischen Revolution gilt, ereignet habe, ist natürlich literarische Übertreibung. Aber der Erzähler in Vuillards fulminanter Erzählung »Die Tagesordnung«, die 2017 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, behauptete nicht umsonst, dass Literatur alles erlaubt. Auch das Nacherzählen von Geschichte, das Vuillard so meisterhaft beherrscht. Und das im vorliegenden Fall alternativlos gewesen sei, weil die existierenden historischen Berichte spröde und lückenhaft seien. »Man muss erzählen, was nicht geschrieben steht.«

Éric Vuillard: 14. Juli. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes & Seitz Berlin 2019. 136 Seiten. 18,00 Euro. Hier bestellen

Vuillard ist ein schreibender Aufklärer, ein grandioser Erzähler zudem. Ganz egal, welches seiner schmalen (von Nicola Denis behutsam ins Deutsche übertragenen) Bücher man greift; das Historische darin ist stets ein schwindelerregendes Spektakel. Nicht, weil er das Vergangene fantastisch anreichert, sondern weil er Geschichte greifbar macht. Und weil er die übersehenen Existenzen am Rand der verbrieften Ereignisse befragt und von ihren ignorierten Erlebnissen erzählt.

Das macht diesen Text, der in Frankreich vor »Die Tagesordnung« erschienen ist, zu einem quasidemokratischen Projekt. Vuillard rekapituliert die Ereignisse aus der Sicht derer, die oftmals gar nicht oder nur als Marginalie in den Fußnoten der Geschichte auftauchen. Er vergegenwärtigt die tragischen Schicksale des einfachen Volkes und erzählt, wie diese Brueghel-Figuren den letzten Kugeln eines sterbenden Regimes zum Opfer gefallen und anschließend von der Geschichte verschlungen worden sind. Dabei vergisst er nicht die Ungerechtigkeiten im absolutistischen Frankreich und die erbärmlichen Lebensverhältnisse der aus allen Nähten platzenden Stadt.

So legt er die Verzweiflung der kleinen Leute frei, die, bewaffnet mit nicht viel mehr als ihrer Wut, innerhalb weniger Monate eine Nation auf den Werten von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gründen sollten. »14. Juli« ist ein leidenschaftliches Plädoyer für diese ganz großen Ideale.

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Rolling Stone 4/2019.