Literatur, Roman

Die Gesetze des Erzählens

Der südkoreanische Schriftsteller Cheon Myeong-kwan erzählt in »Der Wal« das 20. Jahrhundert mit all seinen erfüllten und unerfüllten Träumen als feministisches Märchen. Mit fast zwanzigjähriger Verspätung erscheint sein moderner Klassiker nun erstmals in deutscher Übersetzung.

Denkt man an Kultur aus Südkorea, fällt einem zuerst das Kino ein. Regisseure wie Park Chan-wook, Bong John-ho, Hong Sang-soo und Kim Ki-duk gehören seit Jahren zur Weltspitze. Spätestens seit der Netflix-Erfolgsserie »Squid Game« kommt auch hierzulande niemand mehr an Hallyuwood vorbei. Dem Kino den Rang ablaufen könnte der K-Pop, der dank TicToc & Co. so gefragt wie nie ist. Die weltweit erfolgreichsten Boy- und Girlgroups der Gegenwart kommen aus Südkorea, sie tragen Namen wie BTS, SEVENTEEN, NCT, Blackpink oder (G)I-DLE.

Im Gegensatz zu Kino und Popkultur fristet die südkoreanische Literatur hierzulande ein Schattendasein. So lauschten der Lesung der südkoreanischen Autorin Bae Suah beim Internationalen Literaturfestival Berlin 2021 gerade einmal ein Dutzend Menschen, während Lesungen in Südkorea schon mal ganze Stadien füllen. Zwar gelten die südkoreanischen Schriftsteller Ko Un und Yi Mun-yol seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis, mit ihren Büchern verhält es sich aber wie mit denen des Preisträgers 2021 Abdulrazak Gurnah. Nur wenigen sind sie bekannt, die meisten sind vergriffen. Nur vereinzelt setzt sich zeitgenössische Literatur aus Südkorea hierzulande durch, zuletzt die Autorin Han Kang, die für »Die Vegetarierin« 2016 den International Booker Prize erhielt. Auch Min Jin Lees Familiensage »Ein einfaches Leben« oder Cho Nam-joos Selbstbehauptungsroman »Kim Jiyoung, geboren 1982« erhielten ein gewisses Echo.

Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass nun mit fast zwanzigjähriger Verspätung ein erzählerisches Meisterwerk der südkoreanischen Literatur erscheint. Es handelt sich um den Debütroman von Autor und Filmemacher Cheon Myeong-kwan, der mit dem magisch-realistischen Epos »Der Wal« 2004 auf Anhieb den wichtigsten Literaturpreis seines Landes gewann. Er erzählt darin die Geschichte zweier Frauen, die sich – jede auf ihre Weise – in der sie umgebenden männlich dominierten Gesellschaft behaupten.

Kŭmbok kommt aus ärmlichen Verhältnissen, hat allerdings zwei besondere Eigenschaften. Zum einen strömt sie einen Geruch aus, der Männer um den Verstand bringt, zum anderen hat sie die Kraft, Menschen von ihren Ideen zu überzeugen. Ihr erster Mann ist ein einfacher Fischer, der mit seiner verderblichen Ware über die Dörfer tingelt. Um ihm das Leben leichter zu machen, baut sie in kürzester Zeit ein florierendes Geschäft für Trockenfisch auf. Ihn verlässt sie für den außergewöhnlich starken Hafenarbeiter Kŏkjŏng, der bei einem tragischen Unfall ums Leben kommen wird. Ein Krieg bricht aus und Kŭmbok sich durchkämpfen, bis sich zwei Zwillingsschwestern ihrer annehmen. Ihnen wird die geschäftstüchtige Kŭmbok erst ein Café sanieren, bevor sie abseits der Stadt P’yŏngdae eine Ziegelfabrik aus dem Boden stampfen wird. In all den Jahren wird Kŭmbok das Kino für sich entdecken, zahlreichen Männern den Kopf verdrehen und zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau aufsteigen.

Cheon Myeong-kwan: Der Wal. Aus dem Koreanischen von Matthias Augustin und Kyunghee Park. Weissbooks Verlag 2022. 420 Seiten. 28,- Euro. Hier bestellen.

Daran hindert sie auch ihre Tochter Ch’unhŭi nicht, die sie Jahre nach Kŏkjŏngs Tod zur Welt bringt. Das ist erwähnenswert, weil das Mädchen eine Reinkarnation des verunglückten Hafenarbeiters ist. Kŭmbok fühlt sich verflucht, statt Liebe bringt sie ihrer Tochter nur Ablehnung entgegen. Wie diese Erfahrung ihr Leben prägt und wie sich das Mädchen ein dickes Fell um seine ohnehin schon monströse Erscheinung legt, wie sie verhärtet und zu den Ursprüngen menschlichen Seins zurückkehrt, auch davon handelt dieser fulminante Roman.

Der titelgebende Fisch taucht nur zweimal kurz zum auf. Einmal zum Luftholen, als die noch junge Kŭmbok auf das Meer vor Südkoreas Küste schaut, um dann wieder in die Tiefen des Ozeans abzutauchen, und auf der Schlachtbank, nachdem er gefangen wurde. Von diesem Moment an spukt er als Erinnerung (und kolossaler Kinosaal) durch die Geschichte. Es scheint, als werde der Roman selbst zu einem Wal, der vor Erzählwitz und Fantasie vor Geschichten sprudelt. Der immer wieder abtaucht in eine seiner Erzählungen, um plötzlich wieder an die Oberfläche zu kommen und eine neue Fontäne neuer Geschichten auszuspucken.

Die von Matthias Augustin und Kyung Hee Park mitreißend übersetzte Geschichte lebt nicht nur von ihren beiden Hauptfiguren, sondern auch von den faszinierenden Nebenfiguren, die allesamt dem (fantastischen) Kino entnommen sein könnten: der Hüne Kŏkjŏng mit seinen stahlharten Doppelknochen, ein sprechender Elefant namens Jumbo, ein kinobegeisterter Hafengangster mit Narbe, ein Knastdirektor mit Hang zur Eugenik, ein Mann mit eiserner Maske auf Rachefeldzug und eine einäugige Alte mit einmaligen Überlebensinstinkten – das sind nur einige der skurrilen Charaktere, die diese Welt bevölkern. Die im Strom der Erzählung immer wieder auf- und abtauchen. Und weil die vielen vom Schicksal gebeutelten Frauen immer wieder solidarische Bündnisse eingehen und sich gegenseitig stützen, um in dieser von männlicher Gewalt dominierten Gesellschaft zu bestehen, kann man dieses Märchen über Südkoreas Einzug in die Moderne auch als feministisches Manifest lesen.

Von der Presse wurde »Der Wal« als »epochales Meisterwerk« gepriesen und mit »Tausendundeine Nacht« verglichen. Tatsächlich erinnert der Stil an die orientalische Erzählweise. Da sind die schachtelartig verschränkten Geschichten, die ineinandergreifen und die verschiedenen Schauplätze, an denen sich die Schicksale der zentralen Figuren entscheiden. Es gibt unzählige Nebenfiguren, die unvermittelt auftauchen, verschwinden und wieder auftauchen. Der allwissende Erzähler führt in Gleichnissen beständig die unverrückbaren Gesetze des menschlichen Miteinanders vor Augen. Und er appelliert an seine Leser:innen, dass er nicht jeder ausgelegten Spur folgen kann, weil das »den Rahmen dieses Buches sprengen« würde.

Mit spielerischer Leichtigkeit erzählt Cheon Myeong-kwan diese abenteuerliche Geschichte. Sollte er beim Schreiben an Grenzen des Erzählens gestoßen sein, er hat sie alle gesprengt und in große Literatur verwandelt. Er erzählt von den sozialen Abgründen einer uns fremden Gesellschaft in unvergesslichen Bildern und bringt uns diese Welt so nah, als wären wir ein Teil von ihr. Das ist große und welthaltige Literatur.

»Das Wesen von Geschichten ist es, dass Dinge hinzugefügt oder weggelassen werden, sie ihre Form verändern können, je nach dem Standpunkt, den der Übermittelnde einnimmt, sowie der Bequemlichkeit des Zuhörers und dem Können des Erzählers. Die geneigte Leserschaft mag einfach glauben, was sie glauben will. Das ist alles.«

Der Beitrag ist im Kulturaustausch 4/2022 erschienen.