Film

Hong Sang-soo und die Verfilmung einer heimlichen Liebe

Neben Bong Joon-ho, Park Chan-wook und Kim Ki-duk gehört Hong Sang-soo zu den wichtigsten Regisseuren, die zur Renaissance des südkoreanischen Kinos beigetragen haben. Nun kann man zwei der jüngsten Filme des Pioniers der Korean New Wave im Heimkino streamen.

Es ist keine acht Wochen her, da nahm der südkoreanische Regisseur Hong Sang-soo in Berlin den Silbernen Bären für die Beste Regie entgegen. Ausgezeichnet wurde sein stilles, meditatives Drama »The Women Who Ran«, in dem Kim Min-hee die Hauptrolle spielt. Die Schauspielerin und den Regisseur verbindet eine besondere Beziehung. Ihre Zusammenarbeit begann mit dem Locarno-Gewinner 2015 »Right Now, Wrong Then«, in dem Hong erzählt, wie sich ein Regisseur in eine junge Künstlerin verliebt. Ham Chun-su reist einen Tag zu früh in die Provinz, wo einer seiner Filme gezeigt werden soll. So vertreibt er sich die Zeit und lernt die Künstlerin Yoon Hee-jung kennen. Sie verbringen einen Tag zusammen, diskutieren, essen und trinken miteinander. Die Romanze liegt in der Luft und doch muss sie scheitern. Warum, wieso, weshalb, davon erzählt der Film.

Right Now, Wrong Then from Grandfilm on Vimeo.

Mit dem Film beginnt jedoch nicht nur die Zusammenarbeit von Hong und Kim, sondern es entwickelt sich auch eine Affäre zwischen beiden, die sie wie schicksalhaft zusammenführt. Während Kim Minh-hee zuvor im Mainstream-Kino zu sehen war – unter anderem in Park Chan-wooks historischem Erotikthriller »Die Taschendiebin« –, brechen diese Aufträge nach Bekanntwerden der Affäre zwischen dem verheirateten Regisseur und der Schauspielerin weg. Seitdem ist sie nur in Hong Sang-soos Filmen zu sehen, etwa dem 2017 bei der Berlinale ausgezeichneten Drama »On The Beach At Night Alone«, in dem Hong die Geschichte einer Schauspielerin erzählt, die eine Affäre mit einem verheirateten Mann hat. Die autobiografischen Bezüge liegen auf der Hand, selten hat man wohl im Kino zusehen können, wie zwei Menschen ihre Liebe künstlerisch verarbeiten. Kim Min-hee spielt die in sich und der verlorene Schauspielerin grandios gut, man fühlt förmlich, wie sie diese Rolle natürlich ausfüllen konnte. Die Leistung brachte ihr ebenfalls einen Silbernen Bären für die beste weibliche Darstellerin ein.

On the beach at night alone from Grandfilm on Vimeo.

In diesem Jahr folgte dann mit dem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag »The Woman Who Ran« die Coda dieser wie eine Trilogie wirkenden Verfilmung einer verzweifelten Liebe. Es ist die Geschichte einer Frau, deren Mann abwesend ist. Sie schlägt seine Abwesenheit tot, indem sie drei Freundinnen besucht, die sie schon lange nicht mehr gesehen hat. Die Dialoge, die dabei entstehen, sind wirken etwas gespreizt, was kulturelle Gründe haben mag. Dennoch wird deutlich, dass der Mann der weiblichen Hauptfigur nicht einfach nur abwesend ist, sondern auch nicht mehr zurückkommen wird. Die Melancholie, von der dieser Film getragen wird, ist einem schon aus »On The Beach At Night Alone« vertraut. Die Vorgeschichte zu diesem neuerlichen Berlinale-Hit kann man nun vollständig im Heimkino streamen, der Grandfilm-Verleih stellt sie als Video On Demand (VoD) auf Vimeo zur Verfügung (hier »Right Now, Wrong Then« streamen; hier »At The Beach At Night Alone« streamen)

Überhaupt lohnt sich ein Blick auf die VoD-Seite des Verleihs, der die Hälfte der so generierten Einnahmen an die unabhängigen Kinos weiterreicht, die seine Filme regelmäßig zeigen. Knapp 30 Indie-Perlen sind dort aktuell zur Online-Leihe bereitgestellt, vom letztjährigen Berlinale-Gewinner »Synonymes« von Nadav Lapid (hier streamen) über die Bachmann-Celan-Briefwechsel-Verfilmung von Ruth Beckermann »Die Geträumten« (hier streamen) oder Lav Diaz philippinisches Sittengemälde »Norte« (hier streamen) bis hin zum 14-stündigen Acht-Akter »La Flor« von Mariano Llinás (hier streamen). Man zahlt zwischen 3,99 Euro pro Folge (oder 24,99 Euro für einen Monat als Abo) bei Llinás Hommage an das Kino bis zu 9,99 Euro pro Film in allen anderen Fällen. Besser kann man einen echten Kinobesuch kaum ausgleichen.

Die Maßnahmen anlässlich der Corona-Pandemie werden nachhaltig unseren Alltag verändern. Die Kinos sind wie alle Kultureinrichtungen besonders von der Krise betroffen. Bei ihnen ist allerdings mehr als bei Museen oder Clubs fraglich, ob das Publikum, das jetzt mit Streaming-Angeboten abseits des Mainstreams verwöhnt wird, jemals in dem Maße zurückkommen wird wie zuvor. Denn sind die Möglichkeiten der Direktvermarktung durch Streaming und Video on Demand durch die Produktionsfirmen und Verleihe erst einmal etabliert – und genau das passiert derzeit –, ist die Büchse der Pandora für die Kinos geöffnet. Zumindest wen es um das internationale Kino abseits der deutschen Filmförderung geht, die zumindest noch so etwas wie eine Kinopflicht vor der Onlinevermarktung vorsieht. Ob sich das halten lassen kann, bleibt abzuwarten. So lange bleibt nur, an die Besonderheit des Kinobesuchs zu erinnern, an das Dunkel des Raums, die gespannte Stille, mit der sich eine Welt vor dem eigenen Auge entfaltet, in die man gemeinschaftlich ganz versinkt. Der Umstand, das nun Filmperlen in die Wohnzimmer gespült werden, ist ein trügerisches Glück. Nichts spricht dagegen, es zu genießen, wenn wir danach wieder in die Kinos zurückkehren, für die diese Filme gedreht wurden.