Film

»Bad Luck Banging Or Loony Porn« gewinnt Goldenen Bären

Neben Radu Judes grandioser Satire auf den Zeitgeist wurden auch Maren Eggert für die beste darstellerische Leistung in einer Hauptrolle sowie Maria Speths vierstündige Dokumentation »Herr Bachmann und seine Klasse« ausgezeichnet. Regie-Ikone Hong Sangsoo wurde nach seinem Erfolg im letzten Jahr mit einem weiteren Bären ausgezeichnet.

Kein Film hat die Bigotterie von Moral und Hedonismus der Gegenwart so eindrucksvoll abgebildet wie Radu Judes »Bad Luck Banging Or Loony Porn«. Das hat auch die Jury der Berlinale, bestehend aus den Regisseuren der Gewinner der letzten sechs Jahre, überzeugt, weshalb sie dem rumänischen Regisseur und seinem Team den Goldenen Bären der 71. Berlinale zusprach. Der Film erzählt, wie die Lehrerin einer Eliteschule in Verruf gerät, weil ihr Mann einen selbstgedrehten Porno ins Internet gestellt hat. Vor diesem Hintergrund erzählt Radu Jude anhand unzähliger Miniaturen auch, wie Anspruch und Wirklichkeit in Rumänien schon immer auseinanderdriften. Der kunstvoll ausgearbeitete Film ohrfeige den Zeitgeist und sei zugleich »ausgelassen, intelligent und kindisch, geometrisch und lebendig, auf beste Art ungenau«, erklärte die Jury. »Er greift die Zuschauerinnen an, ruft Widerspruch hervor, und erlaubt doch niemandem, Sicherheitsabstand zu halten.«

»Wheel of Fortune and Fantasy« von Ryusuke Hamaguchi | © 2021 Neopa/Fictive

Der Japaner Ryusuke Hamaguchi, dessen Weg von Locarno über Cannes nach Berlin führte, erhält für sein Kurzgeschichten-Triptychon »Wheel Of Fortune And Fantasy« den Großen Preis der Jury. In dem Film werden in den drei Kurzgeschichten immer wieder Dreierkonstellationen durchgespielt. Zwei Frauen begehren den gleichen Mann, eine ehemalige Studentin versucht auf Drängen ihres Geliebten einen Uniprofessor zu verführen, zwei Frauen begegnen einander und verkennen in der anderen eine Freundin vergangener Zeiten. Die Jury war davon begeistert, wie der Japaner von der unbedeutenden Momentaufnahme zu den Grundfragen des Daseins vordringt. »Dort, wo Dialoge und Wörter für gewöhnlich aufhören, fangen die Dialoge dieses Films erst an. Hier gehen sie in die Tiefe, so tief, dass wir uns erstaunt und besorgt fragen: Wieviel tiefer geht es noch?«

»Ich bin Dein Mensch« von Maria Schrader | © Christine Fenzl

Maren Eggert, die zuletzt in dem viel diskutierten Kunstfilm »Ich war zuhause, aber« von Angela Schanelec zu sehen war, erhält für ihre Verkörperung der Wissenschaftlerin Alma in Maria Schraders Satire »Ich bin Dein Mensch« einen Silbernen Bären. Mit ihrem Spiel erschaffe sie »eine unvergessliche Figur, mit der wir uns identifizieren können – was uns dazu bringt, über unsere Gegenwart und unsere Zukunft nachzudenken, über unsere Beziehungen und darüber, was wir wirklich im Leben wollen«, so die Jury. Der Film kommt im Juni in die deutschen Kinos. Der Bär für die beste darstellerische Leistung in einer Hauptrolle wurde zum ersten Mal vergeben, nachdem die Leitung unter Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeck die Darstellerpreise reformiert hat, um queeren, non-binären Figuren den Weg in die Preisverleihung zu ermöglichen. Bislang wurden die Silbernen Darstellerbären für die beste weibliche und die beste männliche Hauptrolle vergeben. Im vergangenen Jahr hatte Paula Beer den Preis für die beste weibliche Hauptrolle gewonnen.

»Herr Bachmann und seine Klasse« von Maria Speth | © Madonnen Film

Den Silbernen Bären Preis der Jury erhält der deutsche Dokumentarfilm »Herr Bachmann und seine Klasse« von Maria Speth. Der Film porträtiert einen, der sich »gut und emotional« an vorderster Front dafür einsetzt, dass seine Schüler:innen die besten Voraussetzungen haben, um ins Leben zu starten. In langen Einstellungen beobachtet der Film den Schulalltag, nimmt aber auch den Alltag der Schüler:innen in den Blick. Er lässt seine Protagonist:innen für sich sprechen, verzichtet auf erklärende oder kommentierende Anmerkungen aus dem Off. »Der Film zeigt, wie weit man es allein mit echtem Respekt, offenem Austausch und dem Zaubertrick bringen kann, den alle großartigen Lehrerinnen beherrschen: sie entfachen das Feuer der Leidenschaft in ihren Schüler*innen, indem sie ihre Fantasie anregen«, lobt die Jury zurecht diese meisterhafte Dokumentation.

»Natural Light« von Dénes Nagy | © Tamás Dobos

Für die beste darstellerische Leistung in der Nebenrolle wurde Lilla Kizlinger ausgezeichnet, die in Bence Fliegaufs Kurzerzählungssammlung »Forest – I See You Everywhere« eine Tochter spielt, die ihrem Vater den Vorwurf macht, am Tod der Mutter schuld zu sein. Damit wird erstmals bei einer Berlinale kein männlicher Darsteller ausgezeichnet, was am Rande bemerkt gar nichts mit Cancel Culture zu tun hat. Fliegauf ist ein gern gesehener Gast in Berlin, 2012 gewann er mit seinem Roma-Drama »Nur der Wind« den Großen Preis der Jury.

Den Silbernen Bären für die Beste Regie erhält der Ungar Dénes Nagy für sein Spielfilmdebüt »Natural Lights«. In diesem folgt er einem Angehörigen der faschistischen Pfeilkreuzler, die nach sowjetischen Partisanen suchen. In all der kriegerischen Tristess versucht Semetka, noch ein Rest Menschlichkeit walten zu lassen, wird damit aber scheitern. Der Film lebt von der allgegenwärtigen Bedrohung, die von den hypnotischen Aufnahmen von Tamás Dobos ausgehen.

»Introduction« von Hong Sangsoo | © Jeonwonsa Film Co.Production

Den Silbernen Bären für das Beste Drehbuch erhält die koreanische Ikone Hong Sangsoo für seinen Film »Introduction«, einem Porträt der in einer vor ihr versperrten Welt verlorenen Generation. Der Koreaner gewinnt damit im zweiten Jahr hintereinander einen der begehrten Bären. Im vergangenen Jahr hatte er für sein Drama »The Woman Who Ran« den Bären für die Beste Regieleistung erhalten.

Der Silberne Bär für eine herausragende künstlerische Leistung »geht an das meisterhafte Montagekonzept eines gewagten, innovativen Kinowerks, das die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen lässt.« Gemeint ist die Netflix-Doku »Una pélicula de policia« von Alonso Ruizpalacios, dessen Serie »Narcos: Mexico« ein großer Erfolg war. Darin schlüpfen zwei Schauspieler in die Rollen von Polizisten und porträtieren mit ihren Erzählungen die umstrittene mexikanische Polizei.

Durchaus überraschend ist, dass der verspielte Film des Georgiers Alexandre Koberidze »Was sehen wir, wenn wir in den Himmel schauen?« und der starke iranische Film »Ballad Of A White Cow« leer ausgingen. Auch Dominik Grafs atemlose Literaturverfilmung »Fabian oder Der Gang vor die Hunde« hätte einen Bären verdient gehabt.

»We« von Alice Diop | © Sarah Blum

Im zweiten Jahr des neuen Encounter-Wettbewerbs, der neue Stimmen des Kinos unterstützen und zusätzlichen Raum für die verschiedenen narrativen und dokumentarischen Formen schaffen soll, wurde das Gesellschaftspanorama »Nous« der Französin Alice Diop mit dem Preis für den Besten Film ausgezeichnet. Diops Film ist ein Puzzle, das deutlich macht, wie gespalten die französische Gesellschaft ist. Die Jury lobte »Nous« als eine Arbeit, »die echte Feinfühligkeit und Sensibilität erkennen lässt in der Gestaltung eines gemeinschaftlichen, vielstimmigen Porträts, das tiefsinnig, nuanciert und vor allem reich an gelebter Erfahrung ist.«

Der Regiepreis ging an zwei Filme, und zwar an »Das Mädchen und die Spinne« an die Schweizer Zwillingsbrüder Ramon und Silvan Zürcher und an »Social Hygiene« von Denis Côté. Der Spezialpreis ging an »Taste«, das außergewöhnliche Debüt des Vietnamesen Lê Bảo.

Bereits gestern wurden die Kurzfilm-Preise und die Generations-Preise vergeben. Der rumänische Film »My Oncle Tudor« hat den Goldenen Bären gewonnen. Regisseurin Olga Lucovnicova geht darin einem schrecklichen Kindheitstrauma auf den Grund. Bedrückend und mutig zugleich. Der Preis der Jury ging an den chinesischen Kurzfilm »Day is Done« von Zhang Dalei, in dem ein Enkel Abschied von seinem Großvater nimmt. Bei den European Film Awards wird Nicolas Keppens Animationsfilm »Easter Eggs« antreten.

»La Mif« von Fred Baillif | © Stéphane Gros / Lumière Noire

Als Bester Jugendfilm wurde Fred Baillifs »La Mif« ausgezeichnet, in dem sieben Mädchen ehrlich und schonungslos porträtiert werden, die unter einem Dach wohnen. Sie stammen aus schwierigen Verhältnissen und sollen hier nun die Chance bekommen, neu anzufangen.

Als Bester Kinderfilm wurde Han Shuais »Sommerflirren« ausgezeichnet, ein Kinderdrama, das im Arbeitermilieu am Stadtrand von Wuhan spielt und in dem die Hauptfigur nicht nur schwere Verluste erleiden, sondern auch emotionale Bedrohungen erdulden muss.