Film

Der Reiz des Kammerspiels

Wie kann man Kino in Zeiten der Pandemie machen? Bei der digitalen Berlinale zeigen zu Beginn gleich drei Filme, wie man trotz Corona starkes Kino machen kann.

Das Kammerspiel erlebt ein Revival, die Pandemie macht es möglich. Denn wenn Kontakte eingeschränkt werden müssen, kann man entweder nur sehr aufwendig Kino machen oder Kino mit wenigen Menschen machen. Das macht Hong Sang-soos Wettbewerbsbeitrag »Introduction« deutlich, der eine Generation porträtiert, die mit sich selbst in der vor ihr verschlossenen Welt nichts anzufangen weiß.

Der Film, zum Teil in Berlin gedreht (mutmaßlich am Rande der letzten Berlinale, bei der der Koreaner mit »The Women Who Ran« den Silbernen Bären für die beste Regie erhielt) beginnt mit Younghon, einem jungen Mann, der in der Arztpraxis seines Vaters wartet, dass sich sein Erzeuger Zeit für ihn nimmt. Der behandelt stattdessen einen erfolgreichen Schauspieler, der Younghon später dazu bringen wird, Schauspiel zu studieren.

Dann begleitet die Kamera Juwon, die in Berlin ein Modedesign-Studium aufnehmen will. Ihre Mutter begleitet sie in die Stadt, um sie bei einer Bekannten unterzubringen und ihr den Start zu erleichtern. Younghon besucht sie und erwägt, ebenfalls nach Berlin zu kommen, doch das will ihm sein vermögender Vater offenbar nicht ermöglichen. Er wird ein Schauspielstudium in Korea aufnehmen, dieses aber genauso abbrechen wie Juwon ihr Modestudium in Berlin.

»Introduction« von Hong Sangsoo | © Jeonwonsa Film Co.Production

Der junge Mann stolpert über eine Kussszene, die er aus Liebe zu Juwon nicht durchführen kann. Es habe sich falsch angefühlt – für ihn ein Zeichen, dass das Schauspiel nichts für ihn ist. Hier nun wird seine Mutter aktiv, die den Schauspieler aus der Arztpraxis des Vaters und ihn bei einem Essen zusammenführt, um darüber zu sprechen. Es kommt zu einem der stärksten Monologe, die ein Film in diesen Zeiten haben kann, der im Kern auf die Aussage hinausläuft, dass an einem Kuss nie etwas falsch sein kann.

Das Kino des Koreaners lebt von der Intimität, mit der Hong Sang-soo seine Figuren zeichnet. Das ist auch hier der Fall. Die Verlorenheit der beiden jungen Menschen in einer stillstehenden ist allgegenwärtig. Das zeigt sich auch im Set, der Film ist ein zwischen Berlin und Korea pendelndes Kammerspiel. Jede Szene ist mit maximal vier Schauspielern gedreht, Kontaktbeschränkung am Set. Die Straßen und Strände sind leer, Restaurants und Bars verlassen, die Welt hat sich in sich selbst eingesperrt. An einer Stelle heißt es, »alle haben Angst, vor die Tür zu gehen«.

Genial ist der Schnitt, der Zeitebenen verschwinden lässt und die Betrachtenden in die gleiche Haltlosigkeit stürzt, in der sich seine Figuren bewegen. Man rätselt, wie die einzelnen Teile zusammenhängen, was Traum und was Wirklichkeit ist. Am Ende springt Younghon ins Meer und verlässt gewissermaßen die Welt, die das Virus fest im Griff hat. Wirklich entkommen kann er ihr jedoch nicht.

»Taste« von Lê Bảo | © E&W Films, Le Bien Pictures, Deuxième Ligne Films, Petit Film, Senator Film Produktion

Kammerspielartig und Corona-konform ist auch der vietnamesische Beitrag »Taste« von Lê Bảo. Im Mittelpunkt steht ein nigerianischer Fußballspieler, der nach einer Verletzung aus seinem Team in Saigon fliegt. Um sich und seine Familie in Nigeria über die Runden zu bringen, arbeitet er in einem Frisör- und Massagestudio und zieht mit vier mittelalten Frauen in ein karges Haus. Der Film folgt dieser ungewöhnlichen Wohngemeinschaft, die Küche, Bad und Bett miteinander teilen. Es gibt nur wenige Dialoge in diesem Film, die Intimität entsteht in der Inszenierung des Miteinanders. Denn Bassley und seine vier Mitbewohnerinnen verbringen ihre gemeinsame Zeit nackt. Sie schlachten und kochen nackt, waschen und pflegen gegenseitig ihre Körper, verbringen die Abende und Nächte nackt miteinander. Und wenn es sein muss, schläft Bassley auch mit einer der Frauen, denn irgendwie muss er über die Runden kommen.

Der Debütfilm des Vietnamesen ist ein Lehrstück über die Ungleichheit der Welt und schafft dabei ungewöhnliche Bilder. Etwa wenn eine Schnecke langsam Bassleys Penis hochkriecht, er für seinen Sohn am Fernseher eine leuchtend grelle Melone verspeist, mit einem Schwein ein Bad nimmt oder vor einem Heißluftballon steht, der bis zur Decke eine Halle ausfüllt. Der Höhepunkt dieses Kammerspiels ist aber die Szene, in der Bassley und seine vier Frauen nackt einen riesigen Schwertfisch durch die Wohnung tragen, während ihr Hausschwein die Treppe hinabsteigt. Wenn für solche Bilder die neue Sektion Encounters geschaffen wurde, dann hat dieser Parallelwettbewerb seine Berechtigung.

»A River Runs, Turns, Erases, Replaces« von Shengze Zhu, USA 2021 | © BURN THE FILM

Nicht zuletzt zeigt die in den USA lebende Chinesin Shengze Zhu in ihrem Dokumentarfilm »A River Runs, Turns, Erases and Replaces«, was im Epizentrum zu Beginn der Pandemie vor sich gegangen ist. Der Film, der im Forum gezeigt wird, beginnt mit den leeren Straßen und Promenaden von Wuhan, die sich nur langsam wieder füllen.

Dann der Sprung zurück in die Vergangenheit mit unzähligen Aufnahmen. Zhu, die in Wuhan geboren ist, hat ein Kaleidoskop an Impressionen montiert, die das flirrende Leben in der chinesischen Metropole am Jangtsekiang vor dem Ausbruch des Coronavirus zeigen. Über die Bilderflut legt er vier Briefe, die sich an Menschen richten, die die Pandemie nicht überlebt haben. Ihre Geschichten legen sich über die Geschichten, die die Bilder erzählen. Wie ein Boot auf Wellen sind sie mal obenauf, mal im Wellental. So treten Gegenwart und Vergangenheit im geschlossenen Raum des Films miteinander in einen Dialog.

Was aber auch immer passiert, das Leben in Wuhan geht weiter, was auch immer passiert. Der Fluss, die Zeit, alles ist im Fluss, das kann auch keine Pandemie aufhalten.

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