Film

»Auf‘n Sack gehen«

Am Ende der 73. Berlinale sprechen alle über ein Thema: toxische Männlichkeit. Die vierte Auflage des Filmfestivals unter der künstlerischen Leitung von Carlo Chatrian überzeugte mit einem spannenden Wettbewerb, lässt aber auch eine gewisse Willkür erkennen. Von den angekündigten Schwerpunkten zum Iran und zur Ukraine war wenig zu spüren. Eine erste Bilanz.

Wann ist ein Mann ein Mann? Herbert Grönemeyer hat schon 1984 geahnt, dass da eine Krise auf die seine Geschlechtsgenossen zukommt. Die Berlinale fand in dem Jahr zum 34. Mal statt, John Cassavete gewann damals mit »Love Streams« den Goldenen Bären. Das Drama erzählt die Geschichte zweier Geschwister, deren Ehen scheitern und die von ihrer existenziellen Krise überfordert sind.

Existenzielle Krisen spielen auch auf dieser Berlinale eine wichtige Rolle, in einigen Fällen kommt sie in der Gestalt toxischer Männlichkeit daher. Dass dieses Phänomen längst in der Filmbranche angekommen ist, weiß man nicht erst seit Harvey Weinstein und #MeToo. Schenkt man dem Presseecho auf die diesjährige Berlinale Glauben, ist sie in diesem Jahr aber besonders präsent. Der Wettbewerb bewege sich von einem Paradebeispiel toxischer Männlichkeit zum nächsten.

Jesse Eisenberg in »Manodrome« von John Trengove | © Wyatt Garfield

In den wenigsten Fällen ist dieses eilfertige Urteil so angebracht wie bei John Trengoves Wettbewerbsbeitrag »Manodrome«. Der Film geht in toxischer Männlichkeit auf, besteht aus ihr. Erzählt die Geschichte von Ralphie, der sich weder in seinem Körper noch in seiner Beziehung so richtig wohl fühlt. Seine Freundin (Odessa Young) ist schwanger und dem von Jessie Eisenberg zwischen Wut und Wahn gespielten jungen Mann bald schon zu viel. Aufmerksamkeit bekommt er in dem von Dad Dan (Adrien Brodie) geleiteten Männerbund, der dem Film seinen Namen gibt. Trengoves am Ende ziemlich freidrehender Film ist kein Incel-Porträt, aber er zeigt, wie Verzweiflung zu blinder Gewalt führen kann, wenn einem die falschen Leute Blödsinn ins Ohr flüstern.

Matt Johnsons »BlackBerry«, Giacomo Abbruzzeses »Disco Boy« und Rolf de Heers »The Survial of Kindness« erzählen mitunter von toxischer Männlichkeit. In Johnsons schwungvoller Geschichte vom Aufstieg und Fall des ersten Smartphones gibt es einen Harvard-Manager, der im Stile eines »Wolf of Wall Street« einige sympathische Nerds rund macht, um die Firma auf Erfolg zu trimmen. Die Szenen, in denen sich dieser Typ morgens rituell ins Gesicht schlägt, um sich einzustimmen, fehlen komischerweise. Bei Abbruzzeses Fremdenlegionär, gespielt von Franz Rogowski, gehört eine gewisse Bereitschaft zur Skrupellosigkeit zum emotionalen Grundgerüst. Und die mordenden Maskenmänner in de Heers rassistischem Albtraum tragen die Gewaltbereitschaft vor sich her.

Viele Filme auf der Berlinale drehten sich um Männer in der Krise

Im Wettbewerb wird auch dem zur Gemütlichkeit neigenden Max Frisch in Margarethe von Trottas »Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste« und dem mürrischen Bauern in Emily Atefs Romanverfilmung »Irgendwann werden wir uns alles erzählen« toxische Männlichkeit attestiert. Diese Einordnung ihrer Übergriffigkeit entspringt aber wohl eher dem medialen Bedürfnis nach einem reißerischen roten Faden als den angelegten kriselnden Charakteren.

Die Männlichkeit befindet sich in der Krise, das wurde auf dieser Berlinale mehr als deutlich gemacht. »Nich auf’n Sack gehen«, warnt Robert seine Fake-Ehefrau in Christoph Hochhäuslers Film Noir »Bis ans Ende der Nacht« und spricht damit wohl vielen Krisentypen aus der Seele. Während er sich in einer veritablen Identitätskrise befindet, müssen in Christian Petzolds Drama »Roter Himmel« und in Rebecca Millers Eröffnungsfilm »She Came To Me« zwei Künstler ihre Schaffenskrise überwinden. Der Restaurantkritiker in Zhang Lus Drama »Der schattenlose Turm« und der weiße Ermittler in Ivan Sens (bildlich spektakulärem) Aborigines-Krimi »Limbo« machen eine Lebenskrise durch und Angela Schanelecs Ödipusfigur sowie Robert Schwentkes »Seneca« sind von Natur aus Krisenfiguren. In den neuen Filmen von Andrea di Stefano (»Last Night of Amore«), Kazuyoshi Kumakiri (»#Manhole«) und Soi Cheang (»Ming On«) waren ebenfalls unglückliche Männerfiguren zu bestaunen.

Aber auch Frauen geraten in Krisen, wie Todd Fields »Tár«, das Porträt einer queeren Dirigentin (umwerfend gespielt von Cate Blanchett), die als Täterin über einen #MeToo-Fall stolpert, oder João Canijos »Mal Viver«, ein doppelbödiges Drama über die Beziehungsschwierigkeiten zwischen Müttern und Töchtern in einem Familienhotel, beweisen.

Reyhaneh Jabbari: Sieben Winter in Teheran von Steffi Niederzoll | © Made in Germany

Die 73. Berlinale als eine der kriselnden Männer zu beschreiben, setzt aber einen völlig falschen Fokus. Es war vor allem ein Festival der starken Frauen, die mit allem Recht der Welt den alten (weißen) Männern auf den Sack gehen. Die stärkste Frau des Festivals allerdings konnte den Roten Teppich nicht betreten. Es handelt sich um die iranische Studentin Reyhaneh Jabbari, die 2014 trotz internationaler Proteste vom iranischen Regime hingerichtet wurde. Reyhaneh wurde unter Vorwand in eine Wohnung gelockt, um dort missbraucht zu werden. Sie setzte sich zur Wehr und erstach den Mann, der Verbindungen zum iranischen Geheimdienst hatte. Sie wurde wegen Mord zum Tod nach dem Prinzip der Blutrache verurteilt. Die Familie des Täters hätte sie begnadigen können, dafür sollte Reyhaneh aber den Missbrauchsvorwurf zurückziehen. Doch die junge Frau weiß, was sie erlebt hat, und bleibt bei ihrem Vorwurf. Steffi Niederzolls eindrucksvolle Dokumentation »Sieben Winter in Teheran«, die den Kompass-Perspektive-Preis und den Friedensfilmpreis des Festivals gewann, rekonstruiert diese Geschichte mit aus dem Iran geschmuggelten Material und führt die Misogynie des Regimes vor Augen.

Im Wettbewerb brillierte Patricia López Arnais als um ihr Kind kämpfende Mutter in Estibaliz Urresola Solagurens Filmdebüt »20.000 especies de abejas«, Mwajemi Hussein beeindruckte als dem Rassismus dieser Welt die Stirn bietende BlackWoman in Rolf de Heers »The Survival of Kindness«. Paula Beer überzeugte als geheimnisvolle Femme Fatal im zweiten Teil von Christian Petzolds Liebestrilogie und Greta Lee schulterte als Vermittlerin zwischen den Kulturen Celine Songs »Past Lives«. Und auch Newcomerin Thea Ehre hinterließ als Trans*Frau in »Bis zum Ende der Nacht« einen bleibenden Eindruck. Dazu kommen die beiden weiblichen Kinderdarstellerinnen in Lila Avilés Familiendrama »Tótem« und dem baskischen Film »20.000 especies de abejas«.

Die 73. Berlinale – Ein Festival starker Frauen

Die selbstbewusste Golda Meir hat ihre männlichen Politikerkollegen gleich reihenweise zur Verzweiflung gebracht – Guy Nattivs in Venedig uraufgeführtes Porträt der israelischen Politikerin mit Hellen Mirren in der Hauptrolle wurde auch bei der Berlinale gezeigt. Die Auftragsmörderin Gil Boksoon treibt Männer in ihrem Umfeld aus ganz anderen Gründen zur Verzweiflung. In Jeon Do-yeuns ironischer Unterwelt-Satire »Kill Boksoon« begegnet man der wohl ersten Kopfgeldjägerin, die sich um Einkäufe und eine pubertierende Tochter kümmern muss.

Starke Frauen stehen auch im Mittelpunkt der Serie »The Good Mothers«, die den erstmals vergebenen Berlinale Series Award gewonnen hat. Die Serie handelt von drei Frauen aus einflussreichen Mafia-Familien (Gaia Girace, Valentina Bellè, Simona Distefano), die sich auf die Seite einer jungen Staatsanwältin (Barbara Chichiarelli) schlagen. Sie erzählt von ihrem Mut, den Teufelskreis aus Unterdrückung und Gewalt zu verlassen und gegen die eigene Familie zu kämpfen. »Die sichere Kameraführung, das Szenenbild und die sorgfältig gewählten Schauplätze tragen zum ultrarealistischen Eindruck der Serie bei«, so das Juryurteil.

Bemerkenswerte Perspektiven im kleinen Wettbewerb Encounters

Einen bleibenden Eindruck hinterließen auch die junge Khadiza Bataeva in dem feinsinnigen tschetschenischen Drama »The Cage Is Looking For A Bird« von Malika Musaeva, in dem sie ein junges Mädchen verkörpert, das mit den traditionellen Frauenbildern in ihrem Dorf konfrontiert wird, sowie die iranische Schauspielerin Zar Amir Ebrahimi – zuletzt in Ali Abbasis Thriller »Holy Spider« zu sehen –, die in Mehran Tamadons bedrückendem Experiment »Mon Pire Ennemi« ein Verhör führt und dabei über eigene Grenzen geht.

Beide Filme liefen im kleinen Wettbewerb Encounters, der tatsächlich bemerkenswerte Perspektiven versammelte. Wu Langs Porträt eines chinesischen Paares, das unter der Gentrifizierung auf der chinesischen Insel Hainan leidet und eigene Wege geht, sowie Bas Devos Studie der Situation von Arbeitsmigranten in Europa bestachen in ihrer leisen Poesie. Der »Adentro mío estoy bailando« von Leandro Koch und Paloma Schachmann bleibt aufgrund seiner ungewöhnlichen Erzählweise im Gedächtnis, die Dokumentationen »Le Mura Di Bergamo« von Stefano Savona und »Shidniy Front« von Vitaly Mansky und Yevhen Titarenko betreiben mit ihren radikalen Bildern vom Tod an ganz unterschiedlichen Fronten – Corona-Pandemie hier, Krieg in der Ukraine da – eine ganz andere Form der Erinnerungsarbeit. Der Koreaner Hong Sangsoo war in der Sektion mit seinem kürzesten, aber persönlichsten Film zu sehen, Ayse Polat erzählte von kurdischen Traumata und wie sie sich fortschreiben.

Die Zusammenstellung der Programme in den Sektionen verwischt

Nach welchem Maßstab allerdings die Programme der Sektionen zusammengestellt werden, bleibt weiterhin intransparent. Die Grenzen verwischen immer mehr, die Berlinale wird mehr und mehr zur Lotterie – für die Filmschaffenden wie für die Fachpresse. Warum etwa João Canijos sensationelles Doppelprojekt »Mal Viver« und »Viver Mal« oder Mehran Tamadons Experimentalfilme »Mon Pire Ennemie« und »Where God Is Not« auf zwei Sektionen verteilt wurden, erklärt sich nicht. Auch nicht, warum Filmperlen wie das Schwarz-Weiß-Drama »Uriwa sanggwaneopsi«, in dem der südkoreanische Regisseur Yoo Heong-jun umwerfend mit Licht und Schatten spielt, oder Dick Fontaines bemerkenswerte James-Baldwin-Dokumentation »I Heard It through the Grapevine« im Experimentierfeld Forum vergraben werden.

Ob man sich diese Verwässerung der Profile als A-Festival noch lange wird leisten können oder hier nicht programmatisch die nächsten Sparmaßnahmen vorbereitet werden – so nach dem Motto, wo Sektionen verwischen kann man sie auch zusammenlegen – bleibt abzuwarten.

Im Gegensatz dazu nimmt die Handschrift des künstlerischen Leiters Carlo Chatrian immer mehr Konturen an. Statt große Namen zu casten, setzt er auf seine Vorstellung einer avantgardistischen Filmästhetik. Das tut dem Wettbewerb, dem Herz des Festivals, insgesamt gut, auch wenn das Ausreißer nach oben kostet. Auf Filme wie »The Whale« von Darren Aranofsky, »Triangle of Sadness« von Ruben Östlund oder »Titane« von Julia Ducournau wartet man vergeblich. Während unter Dieter Kosslick der Wettbewerb stets starken Schwankungen ausgesetzt war, ist die Konkurrenz unter Chatrian auf hohem Niveau ausgewogen.

»Sonne und Beton« von David Wnendt | © Constantin Film Verleih

Nur mit dem deutschen Film ist er noch nicht so richtig warm. Das Festival hinkt dem selbst gesetzten Anspruch, dem deutschen Film eine gute Bühne zu bieten, qualitativ hinterher. Der Wettbewerb war mit fünf deutschen Beiträgen überladen, während der Mut fehlte, mit einem so mitreißenden Berlin-Film wie David Wnendts »Sonne und Beton« das Festival mit einem Knall zu eröffnen.

Die politische Schwerpunkte Iran und Ukraine

Kurz vor der Berlinale waren sowohl Jafar Panahi als auch Mohammad Rasoulof aus der Haft im Iran entlassen worden. Angesichts der seit Monaten anhaltenden Proteste wollte die Berlinale hier neben der Ukraine einen Schwerpunkt setzen. Wirklich wahrzunehmen war der weder im Programm noch am Rande der Berlinale. Am 18. Februar gab es eine Podiumsdiskussion zur Rolle des Kinos in der Iranischen Revolution und am Abend durften sich ein paar iranische Filmschaffende auf dem Roten Teppich zeigen. Das war dann aber auch schon alles an Zugeständnissen.

Während in den vergangenen Jahren das iranische Kino eine große Rolle im Wettrennen um die Bären sowie in den anderen Sektionen spielte, hielt sich das in diesem Jahr in Grenzen. Ohne Steffi Niederzolls mehrfach auf der Berlinale ausgezeichnete Doku »Sieben Winter in Teheran« müsste man diesen Schwerpunkt als Sturm im Wasserglas bezeichnen, aber allein dieser Film stetzte gleich mehrere Ausrufezeichen. Dann würde es aber schon dünn. Im Wettbewerb gab es keinen einzigen iranischen Film, in den anderen wichtigen Sektionen war mit Mehran Tamadons auf Encounters und Forum verteiltem Doppelprojekt, dem Animationsfilm »La Sirène« von Sepideh Farsi (Panorama) und der Hommage an das iranische Kino »And, Towards Happy Alleys« (Pamorama Dokumente) von Sreemoyee Singh aus Indien (in der dann zumindest Jafar Panahi mal sichtbar wird) sowie dem eindrucksvollen Porträt einer Frauenmiliz im syrischen Kurd:innengebiet (Generation) durch die kurdische Filmemacherin Negin Ahmadi je ein Film vertreten.

Ist man großzügig, könnte man auch das schwedische Flüchtlingsdrama »Opponent« (Panorama), dass von den Herausforderungen der Familie eines geflohenen iranischen Ringers handelt, ergänzen, sowie Abbas Kiarostamis Kinderfilm »Wo ist das Haus meines Freundes« und Mohammad-Ali Talebis Sozialdrama »Ein Sack Reis«, die beide in der Retrospektive gezeigt wurden. Alles schön und gut, aber von einem relevanten Schwerpunkt kann man da nicht sprechen. Warum wurden beispielsweise nicht einige ältere Filme der beiden bis kurz vor Festivalstart noch inhaftierten Regisseure Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof oder deren Bärenfilme noch einmal in der Retrospektive oder in der Special Gala gezeigt? Das hätte sicherlich noch einmal Publikum angezogen und wäre damit ein wahrnehmbares Zeichen gewesen.

Nur latent anders verhält es sich mit dem angekündigten Schwerpunkt zur Ukraine. Mit dem blau-gelben Maskottchen zum Anstecken und der Rede von Präsident Wolodymyr Selenskyj bei der Eröffnungsgala – »Die Kunst darf nicht leise sein…« – gab es zumindest eine wahrnehmbare Solidarisierung auf symbolischer Ebene. Im Programm spielte die Ukraine keine hervorgehobene Rolle, wenngleich einige Dokumentationen eindrucksvoll die aktuelle Situation veranschaulichten. Der Wirbel, der um die Weltpremiere von Sean Penns Selenskyj-Doku gemacht wurde, war viel Lärm um nichts.

Die Zukunft des Kinos

Wer am Ende den Goldenen und die Silbernen Bären abräumen wird, ist so unklar wie nie. Klare Favoriten haben sich nicht herauskristallisiert. Es würde nicht wundern, wenn am Ende ein so kleiner wie poetischer Film wie Philippe Garrels »Le Grand Chariot« gewinnt. Er erzählt die generationsübergreifende Geschichte einer Puppenspieler-Dynastie, die in die Krise gerät. Die Berufung hält die Familie lange zusammen, nach dem Tod des Vaters und der Großmutter gehen die Kinder aber bald eigene Wege.

Dieses spektakulär unspektakuläre Porträt einer vom Aussterben bedrohten Kunstform und ihrer Künstler:innen lässt keinen unmittelbaren Rückschluss auf das Kino zu. Aber es zeigt, wie schnell es mit einem Kulturgut bergab gehen kann, wenn Förderung fehlt und man zu sehr an den Traditionen hängt. Soll also keiner behaupten, niemand hätte vor einer Krise gewarnt. Der Filmbranche sollte das Mahnung genug sein, der Kulturpolitik entschlossen auf den Sack zu gehen. Dass mit dieser Berlinale das Publikum zurück in die Kinos gefunden hat, ist ein gutes Signal. Ob das nach dem Festival anhält, bleibt abzuwarten.