Film

Ist das noch Leben oder schon Fügung?

Ein Regiedebüt im Wettbewerb hat man auch nicht alle Tage. Das Drama »Past Lives« der koreanisch-amerikanischen Theaterautorin Celine Song geht Schicksalsfragen auf den Grund und erinnert zuweilen an Woody Allen.

»In welcher Beziehung stehen die zueinander«, fragt eine Stimme aus dem Off in einer Bar, während die Kamera zwei Männer und eine Frau in den Blick nimmt, die gegenüber sitzen. Ja, wer ist da eigentlich mit wem zusammen? Ist da überhaupt jemand mit jemandem zusammen? Sind die beiden Asiat:innen ein Paar oder der weiße Typ und die Asiatin? Um die Antwort auf diese Frage zu finden, nimmt sich die koreanisch-amerikanische Regisseurin in ihrem Debüt »Past Lives« fast zwei Stunden Zeit. In diesen zwei Stunden reist man mit ihren Protagonist:innen durch die Zeit und einmal um die Welt, um am Ende wieder in der Bar anzukommen, wo der Film seinen Ausgang nimmt.

Der Film springt dafür zunächst ein viertel Jahrhundert zurück. Nora (Greta Lee) und Hae Sung (Teo Yoo) besuchen in den 90er Jahren in Seoul die gleiche Schule und sind eng befreundet. Noras Eltern, ein Autor und eine Künstlerin, beschließen, auszuwandern, und reißen damit die Kinder auseinander. Als sich ihre Mütter darüber unterhalten, warum sie Korea verlassen wollen, wo sie dort doch recht erfolgreich sind, sagt Noras Mutter: »Wenn man etwas zurücklässt, entsteht Platz für Neues.«

Dieses Neue nimmt der Film zwölf Jahre später in den Blick. Nora ist von Toronto nach New York gezogen und lebt dort als Dramatikerin in einer kleinen Wohnung. Als sie erfährt, dass ihr Kindheitsfreund im Internet nach ihr sucht, nimmt sie Kontakt zu ihm auf. Sofort stellt sich eine alte Vertrautheit ein, der beide nachgehen. Täglich skypen sie miteinander, irgendwie kommen sie nicht zueinander. Als Nora spürt, dass ihr Leben in den USA auf der Stelle tritt, bittet sie Hae Sung um eine Pause.

Weitere zwölf Jahre später beschließt Hae Sung, nach New York zu fahren und Nora zu besuchen. Die ist inzwischen mit dem jüdisch-amerikanischen Schriftsteller Arthur (John Magaro) verheiratet und lebt mit ihm East Village in New York. Als sich die beiden Freunde aus Kindertagen nach 24 Jahren erstmals wiedersehen, stellt sich schnell die Frage, was in einem anderen Leben gewesen wäre.

Celine Song erzählt diese Geschichte die meiste Zeit in einer New Yorker Intellektuellenwelt (Montauk, Freiheitsstatue, East River), was auch ästhetisch immer wieder an Woody Allens Kino denken lässt. Bedenkt man, dass Song, die bislang vornehmlich als Theaterautorin in Erscheinung getreten ist, hier als Regisseurin debütiert, könnte es Schlimmeres geben.

Verwunderlich ist allerdings, dass sich das New York einer asiatischen Einwanderin so wenig von dem Nee York eines etablierten Filmemachers unterscheidet. Oder transportiert diese Parallelisierung vielleicht, wie sehr sie sich an den American Way of Life, an diese Idee der amerikanischen Erfolgsgeschichte angepasst und ihre eigenen Wurzeln unterdrückt hat? Auch diese Lesart lässt der Film zu, wenn Nora nach einem gemeinsamen Tag mit Hae Sung dem verunsicherten Arthur berichtet, wie »koreanisch-koreanisch« der alte Kindheitsfreund sei, während sie doch mindestens »amerikanisch-koreanisch« sei.

Mit dem Nachdenken darüber, wo wir herkommen und wie uns diese Herkunft in der Gegenwart prägt, ist Song im Berlinale-Wettbewerb nicht allein. Auch der Chinese Zhang Lu geht den Zusammenhängen von Vergangenheit und Gegenwart in seinem Film auf den Grund, findet dafür aber andere Mittel. Während bei ihm auch die Bilder von etwas Vergangenem erzählen, sucht Song das, was Hae Sung und Nora abhanden gekommen ist, in ratlosen Blicken und ungelenken Gesten. So hebt dieser Film nicht ab, sondern verharrt auf der gefühligen Ebene einer kindlichen Verbundenheit.

»In-Yun« ist das koreanische Wort für Fügung oder Schicksal, erklärt Nora Arthur zu Beginn ihrer Beziehung. Dahinter verbirgt sich die Idee einer Verbindung aus vergangenen Leben, die im gegenwärtigen wirksam wird und Menschen zueinander führt. Das Schwierige an diesem Konzept ist, dass man nicht mehr weiß, ob man schon in diesem schicksalhaften Leben steckt oder noch in einem, das später einmal als eines dieser vergangen gilt, um einer größeren Fügung den Weg zu bereiten.