Film

Land der streunenden Hunde

Heute vor einem Jahr begann Russland seinen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine. Die aktuelle Situation im Land und die lange Geschichte dieses Konflikts werden in allen Sektionen auf der 73. Berlinale aufgegriffen. Sie reichen vom Selenskyj-Porträt bis zu den Eindrücken aus einem befremdlichen Sommer inmitten einer Kriegslandschaft.

Die Berlinale hatte angekündigt, sich vor dem Hintergrund der weltpolitischen Lage der Ukraine besonders zuzuwenden. Und sie hält ihr Wort, in nahezu allen Sektionen sind Filme mit Bezug zur Ukraine zu finden.

Aber wo fängt man an, will man von dem sinnlosen Sterben in der Ukraine erzählen? Steigt man direkt mit Kampfhandlungen von der Front in der Ostukraine ein, wie der Film »Shidniy Front« (Encounters) von Vitaly Mansky und Yevhen Titarenko? Oder mit dem ersten Sommer nach Kriegsausbruch, in dem Piotr Pawlus und Tomasz Wolski für ihren Film »W Ukrainie« (Forum) das Land bereisten und eine seltsame Normalität wahrnahmen? Oder wendet man sich dem Alltag von Kindern und Jugendlichen in diesem Krieg zu, wie es Alisa Kovalenko in »My ne zgasnemo« (Generation) tut? Beschäftigt man sich wie Sean Penn und Aaron Kaufmann in »Superpower« (Berlinale Special Gala) mit der Rolle von Präsident Wolodymyr Selenskyj in den Tagen des Kriegsausbruchs oder beginnt man wie Roman Liubyi in »Iron Butterflies« (Panorama) doch viel früher, mit dem Ausbruch der Kämpfe im Donbass und dem Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 von Malaysian Airlines?

All diese Filme verbinden Bilder, die durch zerstörte Infrastrukturen streunende Hunde zeigen. Sie sind das Markenzeichen des Krieges, das die Filme der diesjährigen Berlinale vor Augen führen. Kunst und Kultur haben eine besondere Bedeutung im Krieg, machte Wolodymyr Selenskyj zur Eröffnung der Berlinale deutlich. Welche Bedeutung genau, veranschaulichen die hier versammelten Filme, die den angekündigen Ukraine-Schwerpunkt programmatisch abbilden, aber auch die Dokumentation »Kiss the Future« (Berlinale Special Gala).

»Kiss the Future« von Nenad Cicin-Sain | © Bill S. Carter / Not Us Ltd

Der Film von Nenad Cicin-Sain beschäftigt sich mit der Situation im belagerten Sarajevo, dem politischen Engagement einer kulturellen Underground-Community und der Rolle der Rockband U2. Der Film enthält meines Erachtens den wichtigsten Kommentar zum Krieg – nicht nur in der Ukraine, sondern überhaupt. Ein Bewohner, der sich trotz permanentem Beschuss durch die bosnische Hauptstadt bewegt, wird da vor der Kamera gefragt, ob er denn keine Angst hätte, von einem der serbischen Scharfschützen getroffen zu werden. Darauf antwortet der Mann:

»Wir haben keine Angst zu sterben. Wir haben Angst davor, wie wir mit dieser Erfahrung leben sollen.«

»Kiss the Future« von Nenad Cicin-Sain

Hier geht es zu den Kritiken von

4 Kommentare

  1. […] Erzählweise im Gedächtnis, die Dokumentationen »Le Mura Di Bergamo« von Stefano Savona und »Shidniy Front« von Vitaly Mansky und Yevhen Titarenko betreiben mit ihren radikalen Bildern vom Tod an ganz unterschiedlichen Fronten – Corona-Pandemie […]

Kommentare sind geschlossen.