Film

Es gibt keine Mauern der Vorstellungskraft

Bei den 70. Internationalen Filmfestspielen von Berlin triumphiert erneut ein iranischer Film. Mohammad Rasoulofs kafkaeskes Puzzle »There Is No Evil« gewinnt den Goldenen Bären. Damit wird das Festival einmal mehr seinem Ruf, besonders für politische Filme geeignet zu sein, gerecht. Dies bestätigt auch die Auszeichnung von Eliza Hittmans politischem Teenager-Drama »Never Rarely Sometimes Always« mit dem Großen Preis der Jury. Der längste Film des Festivals, der achtstündige Beitrag »The Works and Days (of Tayoko Shiojiri in the Shiotani Basin)« gewinnt zudem den neuen Wettbewerb Encounters.

Die Internationale Jury unter dem Vorsitz des britischen Schauspielers Jeremy Irons hat entschieden. Der Beste Film der Jubiläumsberlinale ist der iranische Film »Sheytan vojud nadarad« von Mohammad Rasoulof, der zugleich sanft und verheerend moralische Fragen von Gut und Böse aufwerfe, so Jurypräsident Jeremy Irons. Raslouof konnte selbst nicht nach Berlin reisen, seine Tochter Baran nahm den Preis stellvertretend entgegen. Der Film, der vier zutiefst menschliche Geschichten rund um das Evin-Gefängnis erzählt, ist ohne Genehmigung entstanden. Seine Auszeichnung mit dem Goldenen Bären für den Besten Film ist auch keine Solidaritätserklärung, spannt aber dennoch ein schützendes Tuch der Aufmerksamkeit über Rasoulof im Iran, dessen Verfolgung durch das Regime so zumindest erschwert wird. »Es gibt keine Mauern, die die Vorstellungskraft und die Liebe aufhalten können«, rief Produzent Farzad Pak in den Berlinale-Palast.

Der Große Preis der Jury geht, wie schon in Sundance, an Eliza Hittmans umwerfendes Teenager-Drama »Never Rarely Sometimes Always«. Der Film begleitet zwei 17-Jährige auf dem Weg zu einem Schwangerschaftsabbruch, erzählt von der inneren Einsamkeit und dem Halt, den sie aneinander finden. Hittman bedankte sich bei ihren beiden Hauptdarstellerinnen, beide Newcomerinnen. Die Auszeichnung des Films ist auch als politischer Kommentar auf die immer stärkere Einschränkung von Frauenrechten zu verstehen.

Den Silbernen Bären für die Beste Regie erhält die koreanische Regieikone Hong Sangsoo für sein minimalistisch gefilmtes Porträt einer einsamen Frau »Domangchin yeoja«. Der Koreaner war schon dreimal bei der Berlinale, zuletzt 2017 mit seinem Beitrag »On the Beach at Night Alone«, seine Hauptdarstellerin Min-He Kim wurde als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

Paula Beer erhält für die Undine in Christian Petzolds gleichnamigen Drama den Silbernen Bären für die Beste Darstellerin. Sie verkörpere eine Frau, die durch mehr geht als die irdische Liebe, hieß es in der Juryerklärung. Beer bedankte sich bei ihrem Gegenpart Franz Rogowski, weil man als Liebespaar immer nur so gut sein könne wie sein Gegenüber.

Der Italiener Elio Germano erhält den Silbernen Bären für den Besten Darsteller für seine Verkörperung des gleichermaßen wahnwitzigen wie wahnsinnigen Künstlers Antonio Ligabue in Giorgio Dirittis Künstlerporträt »Volevo Nascondermi«. Germano widmete den Preis allen, die wie seine Figur marginalisiert werden. Ligabue lehre uns, dass das, was wir im Leben tun, Bestand hat.

Der Silberne Bär für das Beste Drehbuch geht an die italienischen Brüder Fabio & Damiano D’Innocenzo, die in ihrem düsteren Sommermärchen »Favolacce« von Träumen und Hoffnungen junger Menschen erzählen, die den Erwartungen der Elterngeneration zum Opfer fallen. Das Drehbuch haben die Brüder vor über zwei Jahrzehnten im zarten Alter von 19 Jahren geschrieben. Sie bedankten sich ausdrücklich bei den Kindern, die den Film auf außergewöhnliche Weise mittragen.

Der Silberne Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung, vergeben von Jurypräsident Jeremy Irons, erhält der deutsche Kameramann Jürgen Jürges für seine Arbeit in dem umstrittenen Beitrag »DAU. Natasha«. Irons räumte ein, dass der Film die Jury gespalten habe. Jürges selbst zeigte sich überrascht und bedankte sich bei dem russischen Regisseur Ilya Khrzhanovskiy. Dessen Filmprojekt »DAU. Natasha« steht unter Missbrauchsverdacht (siehe taz-Bericht), der Film selbst will vom Totalitarismus erzählen, ist dabei aber selbst totalitär in seiner unbedingten Fixierung auf das vermeintlich Reale, dass den Missbrauch erst möglich macht.

Der Silberne Bär – 70. Berlinale geht an die herzerwärmende französisch-belgische Kömodie »Effacer L’Historique« von Benoît Delépine und Gustave Kervern, die die perversen Auswirkungen von Internet und Mobiltelefon in kluger Weise verarbeitet. Ein überaus menschlicher Film.

Den neu ins Leben gerufenen Encounters-Wettbewerb, in dem Filme mit neuen Perspektiven und Herangehensweisen gezeigt wurden, wurden drei Berlinale-Plaketten vergeben. Die Encounters-Jury Shôzô Ichiyama, Dominga Sotomayor und Eva Tropisch entschied sich, den Preis für den Besten Film im neuen Wettbewerb an den achtstündigen Marathonfilm »The Works and Days (of Tayoko Shiojiri in the Shiotani Basin)« von C.W. Winter und Anders Edström zu vergeben. Sandra Wollners faszinierende Androidengeschichte »The Trouble With Being Born« erhielt den Spezialpreis der Jury. Der Encounters-Preis für die Beste Regie ging an Christi Puiu für seinen anstrengenden Dialogfilm »Malmkrog«, der den neuen Wettbewerb eröffnete. Der Ruine inszeniert darin einen Text des 19. Jahrhunderts als zeitkritischen Gegenwartskommentar. Eine lobende Erwähnung erhielt zudem der Film »Isabella« von Matías Piñeiro.

Den Berlinale Dokumentarfilmpreis, für den 21 Filme eingereicht waren, geht wenig überraschend an Rithy Panhs eindrucksvollen Film »Irradiés«. Der Film geht den Abgründen des Menschen im 20. Jahrhundert nach und hat Lanzmann’sche Ausmaße. Zudem erhält der österreichische Beitrag »Aufzeichnungen aus der Unterwelt« von Tizza Covi und Rainer Frimmel aus der Panorama-Sektion eine lobende Erwähnung.

»Irradiés« von Rithy Panh | FRA, KHM 2020, Wettbewerb | © Rithy Panh

Den Preis für den besten Erstlingsfilm der Gesellschaft zur Wahrnehmung der Film- und Fernsehrechte erhält Camilo Restrepo für seinen eigenwilligen 16mm-Film »Los Conductos«, in dem die Betrachter ein Mitglied einer religiösen Sekte auf der Flucht durch eine südamerikanische Stadt begleiten und dabei seiner Erzählung folgen. Das Debüt der Potsdamer Filmemacherin Melanie Waelde »Nackte Tiere«, das in der neuen Sektion Encounters lief, erhielt eine lobende Erwähnung. Für den Preis waren 21 Filme eingereicht.

Den Goldenen Bären für den besten Kurzfilm erhält »T« von Keisha Rae Witherspoon, eine Mediation über Trauer und Loslassen. Den Silbernen Bären der Kurzfilmjury erhält Rafael Manuel für »Filipiñana« über die schmerzhaften Aspekte der Modernisierung in den Philippinen. Die Short-Film-Jury hat sich zudem dafür entschieden, Adrien Mérigeaus Film Animationsfilm »Genius Loci« als Kandidaten bei den European Film Awards einzureichen.

Die kleineren Preise sind bereits vergeben. Der Panorama-Publikumspreis für den besten Spielfilm geht an Srdan Golubovićs »Otac«, in dem ein Vater nach dem Tod seiner Frau gegenüber den Behörden um seine Kinder kämpft. David France’ packender Dokumentarfilm über LGBTIQ*-Aktivisten in Russland und Tschetschenien »Welcome To Chechnya«. Der Film hatte bereits zuvor den erstmals vergebenen Teddy Aktivist Award gewonnen. Den 34. Teddy Award gewann der deutsche Film »Futur Drei« von Faraz Shariat.

Bereits am Freitagabend gewann Janna Ji Wonder mit ihrem berührenden Dokumentarfilm »Walchensee Forever« den Kompass-Perspektive-Preis. Darin ergründet sie die Lebensgeschichte der Frauen ihrer Familie zwischen Provinzgasthof und Hippiekommune.

Der Gläserne Bär in der Sektion Generation 14plus ging an »Notre-Dame Du Nil« des Franzosen Atiq Rahim. Der Film erzählt vom Alltag in einer Eliteschule in Ruanda vor dem Ausbruch des Krieges zwischen Hutu und Tutsi.