Christian Petzold präsentiert auf der 70. Berlinale seine Verfilmung eines deutsche Mythos. »Undine« ist sein insgesamt fünfter Beitrag im Wettbewerb. Wie schon bei »Transit« arbeitet er mit Paula Beer und Franz Rogowski zusammen. Ob er damit ähnlich erfolgreich sein kann, bleibt abzuwarten.

Christian Petzold präsentiert auf der 70. Berlinale seine Verfilmung eines deutschen Mythos. »Undine« ist sein insgesamt fünfter Beitrag im Wettbewerb. Wie schon bei »Transit« arbeitet er mit Paula Beer und Franz Rogowski zusammen. Ob er damit ähnlich erfolgreich sein kann, bleibt abzuwarten.

Undinen sind die deutschen Sirenen, die eine ebenso magische wie gefährliche Anziehungskraft auf Männer ausüben. Jene brauchen sie doch, weil sie sonst seelenlose Geschöpfe bleiben. Wird ihnen ein Mann jedoch untreu, muss dieser durch ihre Hände sterben. Genau das stellt die promovierte Historikerin Undine Wibeau, gespielt von Paula Beer, ihrem Freund in Aussicht, als sie dieser für eine andere verlässt. Doch bevor sie ihre Ankündigung in die Tat umsetzen kann, tritt der Industrietaucher Christoph in ihr Leben.

Der Taucher und die den Berliner Mythen nachtauchende Undine, das passt natürlich zum deutschen Unterwassermythos, den Christian Petzold hier modern interpretiert. Die Liebesgeschichte zwischen Christoph und Undine verläuft auch zunächst traumhaft, selbst eine Reinszenierung der Stauffenbergischen Saga in einem westfälischen Stausee. Im Kern führt die Geschichte aber immer wieder zurück nach Berlin und zur Stadtgeschichte, die Undine »nationalen und internationalen Gästen« in der Senatsverwaltung neben dem Märkischen Museum nahebringt. Berlin, diese auf Wasser und Sümpfen gebaute Stadt, der zugleich ein eigenständiger Gründungsmythos fehlt, erhält bei Petzold eine geradezu märchenhafte Note.

Paula Beer und Franz Rogowski in »Undine« von Christian Petzold | DEU, FRA 2020, Wettbewerb | © Christian Schulz/Schramm Film

Nachdem sich die Auseinandersetzung mit der Berliner Stadtgeschichte erst auf die Architektur beschränkt, geht es bald schon um die jüngeren Politpossen und das Humboldt-Forum. Ein durchaus cleverer Schachzug, denn welcher Ort wäre besser geeignet, Mythisches zu diskutieren als das geplante Museum in der Gestalt des Preußischen Stadtschlosses, dessen Macher die deutsche Kolonialgeschichte mitunter ja auch wie ein Mythos aussehen lassen. Petzold strapaziert das aber nicht über, ganz im Gegenteil. Statt auf der Stadt ohne Mythos – bei der morgigen Premiere von Burhan Qurbanis »Berlin Alexanderplatz« mag man das schon wieder ganz anders sehen – herumzureiten, gibt das Drehbuch Paula Beer noch einige kritische Aussagen zur Idiotie des Stadtschlosses mit auf den Weg.

Dass Petzold nach seinem sehr realistischen Drama »Transit« nun ins Sagenhafte geht, mag seltsam anmuten. Auf der Pressekonferenz zum Film führte er aus, dass die Idee zum Film am Ende der Dreharbeiten zu »Transit« aufgekommen sei. Denn dort ertrinkt am Ende Marie, gespielt von Paula Beer, während Georg, den Franz Rogowski verkörpert, am Ufer auf sie wartet. So könne das nicht enden, habe er da zu seinen beiden Schauspielern gesagt und einen Film in Aussicht gestellt, in dem Paula Beer aus dem Wasser wieder ins Leben kommen und Franz Rogowski sie im Wasser suchen könne.

Franz Rogowski in »Undine« von Christian Petzold | DEU, FRA 2020, Wettbewerb | © Christian Schulz/Schramm Film

Diesem Versprechen wird der Film gerecht, insbesondere die von Petzolds Kameramann Hans Fromm in einem großen Wasserbecken gedrehten Unterwasserszenen kommen klassischen Malerei sehr nahe. In diesen Szenen erlebt man mit Paula Beer und Franz Rogowski – die ebenso wie Petzold inzwischen ziemlich erfolgreiche Dauergäste der Berlinale sind (Paula Beer: »Bad Banks«, »Frantz«, Franz Rogowski: »Victoria«, »Transit«, »Zwischen den Gängen«) – auch zwei der besten deutschen Schauspieler ihrer Generation in Reinkultur.

Ob Petzold mit seiner deutschen Sage bei der Berlinale ähnlich überzeugen kann wie mit seiner welthaltigen Seghers-Adaption, bleibt abzuwarten. Die ersten direkten Reaktionen der internationalen Pressevertreter waren verhalten bis kritisch. Das Abtauchen in die germanische Mythenwelt und das kulturhistorische Mimikry der Hauptstadt mag dem Jubiläum der Berlinale gerecht werden. Aber auf dem traditionell politischsten der großen Filmfestivals könnte Petzolds Film angesichts einer Welt, in der dringende Probleme zu diskutieren sind, doch zu hasenfüßig sein.

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