Die amerikanische Filmemacherin Eliza Hittman ist mit ihrem in Sundance gefeierten Teenage-Abtreibungsfilm »Never Rarely Sometimes Always« im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Eindrucksvoll erzählt sie darin davon, was es heißt, eine junge Frau zu sein.

Die amerikanische Filmemacherin Eliza Hittman ist mit ihrem in Sundance gefeierten Teenage-Abtreibungsfilm »Never Rarely Sometimes Always« im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Eindrucksvoll erzählt sie darin davon, was es heißt, eine junge Frau zu sein. 

Als die persönlichen Fragen kommen, wird es hart. »Hat dein Sexpartner in der Vergangenheit Druck auf dich ausgeübt?« »Hat dich dein Sexpartner zu Praktiken gezwungen, die du nicht wolltest?« »Hat dich dein Sexpartner physisch bedroht oder geschlagen?« Diese Fragen gehören in der New Yorker Abtreibungsklinik, in der Autumn Hilfe sucht, zu den Standardfragen. Man will sichergehen, dass die Frauen, die hier behandelt werden, auch noch nach dem Eingriff in Sicherheit sind. Es geht nicht darum, sich großartig zu erklären. Man muss nur mit einer der vier Möglichkeiten antworten: nie, selten, manchmal oder immer. Sie geben Eliza Hittmans Film seinen Titel.

»Never Rarely Sometimes Always« wurde bereits vor wenigen Wochen in Sundance gefeiert. Auch weil der Film in den USA zu einer Zeit aufschlägt, in der die sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen immer stärker in Bedrängnis geraten. Die religiösen Abtreibungsgegner wissen Präsident Trump und sein rechtskonservatives Lager hinter sich und hoffen, dass der mehrheitlich konservativ besetzte Supreme Court noch in diesem Jahr ein allgemeines Abtreibungsverbot erlässt. Zuletzt wurden in verschiedenen Bundesstaaten die Abtreibungsregeln massiv verschärft.

Vor diesem Hintergrund erhält der Film, der die Geschichte einer Abtreibung, aber auch die einer innigen Verbundenheit zweier Frauen erzählt, eine bedrückende Aktualität. Denn er zeigt, was Frauen in dem Industriestaat USA alles durchmachen und von sich preisgeben müssen, um von ihrem Recht auf körperliche Selbstbestimmung Gebrauch zu machen. Da in dem Film aber auch deutlich wird, dass es auf dem Weg zu einer Abtreibung Menschen gibt, die Frauen mit Empathie zur Seite stehen, hoffen die beiden Schauspielerinnen der Hauptfiguren Sidney Flanigan (Autumn) und Talia Ryder (Skylar), dass der Film »anderen jungen Frauen Mut gibt und dem Thema das Stigma nimmt.«

Sidney Flanigan in »Never Rarely Sometimes Always« von Eliza Hittman | USA 2020, Wettbewerb | © 2019 Courtesy of Focus Features

Eliza Hittmans Auseinandersetzung mit dem Thema begann, als Savita Halappanavar 2012 in Irland an den Folgen einer Fehlgeburt starb, nachdem ihr Ärzte mit Verweis auf das damals herrschende und inzwischen aufgelöste Abtreibungsverbot einen Abbruch verweigerten. Daraufhin begann sie zu recherchieren und wollte herausfinden, was Frauen, die ihre reproduktiven Rechte in den USA wahrnehmen wollen, auf sich nehmen müssen. Sie sprach mit Ärzten, Sozialarbeitern und betroffenen Frauen, besuchte Anlaufstellen und Kliniken und setzte sich mit den rechtlichen Rahmenbedingungen auseinander. Die Ergebnisse ihrer Recherchen sind in ihren oft stillen Film eingeflossen, etwa durch die Aufnahme der anfangs formulierten Fragen. 

Bei der 17-jährigen Autumn, stark gespielt von Newcomerin Sidney Flanigan, führen sie dazu, dass sie ihre Fassade, die sie so tapfer aufrecht zu halten versucht, zusammenbricht. Dabei hat sie es da auf dem Weg zu einem regulären Schwangerschaftsabbruch schon aus der Enge ihrer Kleinstadt in Pennsylvania bis nach New York geschafft und zahlreiche erniedrigende Momente überstanden. Dennoch steigen ihr jetzt erstmals Tränen in die Augen und ihre Stimme bricht. Es ist der Moment, der Eliza Hittmans »Never Rarely Sometimes Always« nicht nur seinen Titel gibt, sondern der einen zusätzlichen Abgrund aufmacht; den der Erfahrung sexueller Gewalt.

Der Film läuft keineswegs darauf zu, und doch ist es konsequent, an diesem Punkt anzukommen. Denn letztlich sind all die kleinen Demütigungen, die die 17-jährige Autumn und ihre gleichaltrige Cousine Skylar, die sie aus ihrer Kleinstadt in Pennsylvania nach New York begleitet, bis zu diesem Moment erlebt haben, Formen dieser Gewalt. Wenn sie als Frauen zu Objekten ihrer männlichen Umwelt gemacht werden: mit eindeutigen Gesten im Restaurant, mit übergriffigen Handlungen ihres Chefs im Supermarkt, dem demonstrativen Griff in die Hose eines Mannes in der U-Bahn oder dem schlichten Ignorieren einer Abweisung im Bus nach New York. All diese Erlebnisse stehen am Anfang fortschreitender Grenzüberschreitungen. Und der Grat zwischen solchen Grenzüberschreitungen und sexueller Gewalt ist bestenfalls ein schmaler. 

Talia Ryder in »Never Rarely Sometimes Always« von Eliza Hittman | USA 2020, Wettbewerb | © 2019 Courtesy of Focus Features

Es sind solche Erfahrungen, die junge Frauen ständig machen. Sie sind der sprichwörtliche Elefant im Raum, den alle sehen, über den aber niemand sprechen wolle. Deshalb habe sie das in ihrem Film auch zeigen wollen, erklärte Hittman auf der Pressekonferenz zum Film. »Junge Frauen, die erwachsen werden, müssen permanent Abwehrmechanismen gegenüber solchen Übergriffen aufbauen.« Ihren beiden Hauptfiguren ist das mehr als bewusst. Sie bilden nahezu wortlos eine Schicksalsgemeinschaft gegen die ständigen Bedrohungen, die auf sie eindringen. In den Blicken erkennen sie sich und das, was die jeweils andere gerade durchmacht. In dieser emotionalen Komplizenschaft und dem gemeinsamen Weg, den sie beschreiten, lässt sich der Film daher auch als Roadmovie und Coming-of-Age-Drama lesen. »Never Rarely Sometimes Always« ist ein in weiten Teilen leiser Film, in dem in Blicken, Gesten und stillen Handlungen erzählt wird, was es im 21. Jahrhundert heißt, eine junge Frau zu sein. 

Das scheint vor allem den männlichen Vertretern dieser Welt kaum bekannt zu sein, anders sind die hanebüchenen Fragen der Medienvertreter auf der Pressekonferenz nicht zu erklären, die in der These gipfelten, ob die aggressiven Annäherungsversuche eines jungen Mannes nicht auch anders interpretiert werden könnten. Könnten sie natürlich, wenn man die Wirklichkeit ignoriert, in der dieser Film spielt, wie die beiden Schauspielerinnen deutlich machten. Ihre Figur sei mit der Welt konfrontiert, die sie umgibt, kommentierte Talia Ryder, und in dieser Welt tue sie nicht mehr, als das Spiel mitspielen. Sidney Flanigan wird noch deutlicher. Ein Typ, der sämtliche Alarmsignale ignoriert, sei nicht naiv, sondern »ein Freak«. 

Ein Freak ist er aber auch nur in der Welt, in der die von Frauen aufgezeigten Grenzen respektiert werden. Ansonsten gehört er zu den männlichen Exemplaren, die ihr eigenes grenzüberschreitendes Verhalten nicht einmal mehr registrieren. Weil sie nicht verstehen, dass eine Frau abends nicht allein ohne Beklemmungen auf einer Straße unterwegs sein kann. Weil es für sie unvorstellbar ist, dass zweideutige Kommentare im Büro nicht witzig sind. Oder weil sie sich durch Gleichberechtigungsbemühungen in ihrem Selbstverständnis bedroht fühlen. Da es von diesen Exemplaren noch viel zu viele gibt, wünscht man diesem Film nicht nur möglichst viele Zuschauerinnen, sondern auch viele Mütter, die ihn mit ihren Söhnen besuchen und im Anschluss diskutieren.

Und weil Hittmans Film so viel von der #MeToo-Realität erzählt, kommt die Regisseurin auch nicht um einen Kommentar zur Weinstein-Verurteilung herum. Und auch hier blieb die Amerikanerin unmissverständlich. Angesichts einer möglichen Freiheitsstrafe von 25 Jahren sei die Verurteilung zu fünf Jahren Haft »eine geringe Strafe«.

Categories: Film

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Der Elefant im Raum

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