Film

Letzte Rettung

In seinem Dokumentarfilm »Welcome to Chechnya« begleitet der amerikanische Dokumentarfilmer David France LGBTIQ*-Aktivisten in Russland, die ihr Leben riskieren, um queere Menschen zu retten.

Im Dunkeln verlieren sich die Wege, die von der Kreuzung abgehen, an deren Seite ein helles Auto steht. Durch eine Überwachungskamera sieht man, wie ein Mann eine Frau brutal an den Haaren aus dem Auto auf die Straße zieht. Sie rollt sich zusammen, um ihren Körper vor seinen Tritten zu schützen. Doch was jetzt folgt, lässt einem den Atem stocken. Der Mann läuft an den Straßenrand, schleppt von dort einen Felsblock in der Größe eines Hohlblocksteins heran, hebt diesen über den Kopf der immer noch auf der Straße liegenden Frau und… das Bild bricht ab.

Diese Szene hat sich irgendwo in Tschetschenien abgespielt. Die Frau, deren Ermordung man hier ganz sicher gesehen hat, ist Opfer eines Ehrenmords. Denn die Tatsache, dass sie Frauen liebt, ist in der muslimischen Gesellschaft der russischen Kaukasusrepublik eine Schande, die nur durch ein Blutopfer beseitigt werden kann.

Homosexuelle und Transmenschen sind in Tschetschenien dem Tod geweiht, ihre sexuelle Identität können sie nur heimlich und unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen leben. Offiziell gibt es queere Menschen in der russischen Teilrepublik gar nicht. Bis bei einer Drogenrazzia 2017 plötzlich Bild- und Videomaterial auftaucht, dass darauf schließen lässt, dass sich die LGBTIQ-Community im Untergrund organisiert hat. Dies löst eine Verhaftungswelle aus, die in Vorgehen und Zielrichtung an stalinistische Säuberungsaktionen erinnert. Homo-, Bi- und Transsexuelle verschwinden wochenlang oder für immer in illegalen Gefängnissen. Nur langsam sickern Informationen aus der autoritär geführten Teilrepublik, denen zufolge Inhaftierte von den Behörden grausam gefoltert und umgebracht werden. Und die, die aus der Haft entlassen werden, müssen fürchten, von der eigenen Familie umgebracht zu werden.

LGBTIQ- und Menschenrechtsaktivist:innen waren sofort alarmiert, als erste Gerüchte aus Tschetschenien drangen. Der russische LGBTIQ-Lobbyverband baute umgehend ein internationales Hilfsnetzwerk auf, um queere Menschen in konzertierten Aktionen aus Tschetschenien herauszuholen und in sichere Aufnahmestaaten zu bringen. Der amerikanische Filmemacher David France, dessen Aids-Dokumentation »How to Survive a Plague« 2012 für einen Oscar nominiert war, begleitet in »Welcome to Chechnya« Menschen, die in diesem Netzwerk aktiv sind. So bekommt man einmalige Einblicke in den »Bunker«, der an einem heimlichen Ort irgendwo in Moskau als Erstanlaufstelle und Notunterkunft für erfolgreich aus Tschetschenien herausgeholte Menschen dient.

Dort lebt auch Grischa alias Maxim Lapunow, der als Veranstaltungsmanager Hochzeiten und Familienfeiern in Tschetschenien organisiert hatte, bevor er über Nacht ins Visier der Behörden geriet. Lapunow wurde in den Geheimverließen von Diktator Ramsan Kadyrow mit Stromschlägen und Holzknüppeln gefoltert. Versehentlich entließen ihn die Behörden, er schaffte es bis Moskau. Doch auch dort ist er nicht sicher, weil Kadyrow ein treuer Vasall von Russlands Präsident Wladimir Putin ist, der ihn schalten und walten lässt, wie er will. Und weil sich Grischas Familie nicht von ihm distanzieren will, ist sie ebenso in Gefahr wie Grischas Freund. Sie alle müssen heimlich außer Landes geschafft werden, ein riskanter Kraftakt für alle Beteiligten, wie diese erschütternde Dokumentation zeigt.

David France ist ein Filmemacher mit viel Empathie, er bildet neben der großen gesellschaftlichen Geschichte auch die menschlichen Dramen ab, die mit ihr einhergehen. Etwa wenn sich Maxims Freund versucht, die Pulsadern aufzuschneiden, weil er mit dem Druck nicht umgehen kann. Oder wenn Anya, die erfolgreich evakuierte Tochter eines tschetschenischen Regierungsmitglieds, in der Isolation ihres Geheimverstecks die Nerven verliert und in die Ungewissheit flieht. Denn die Betroffenen verlieren nicht nur ihr gewohntes Leben, sie müssen selbst die eigene Sprache hinter sich lassen.

Der politische Skandal aber ist, dass in Russland und seinen Teilrepubliken niemand Strafverfolgung fürchten muss, wer queere Menschen angreift. Putin und Kadyrow gehen Hand in Hand gegen die Aktivitäten von LGBTIQ-Gruppen oder -Organisationen vor und können sich der breiten Unterstützung aus ihren konservativen Gesellschaften sicher sein. Sie streiten auch bis heute ab, dass es 2017 in Tschetschenien überhaupt eine homophobe Aktion gegeben hat. Maxim Lapunow wollte das nicht auf sich sitzen lassen, er kehrte aus der Sicherheit seines Asyls zurück nach Moskau und reichte Klage ein. Er ist bis heute der Einzige, der die Folter und Misshandlungen in tschetschenischer Haft gerichtlich bezeugt hat. Vergeblich, wie Frances in seinem Film zeigt, seine Klage wird kühl abgelehnt. Inzwischen hat der Aktivist Beschwerde beim Europäischen Menschenrechtsgerichtshof eingelegt – aus dem Exil heraus.

Seit 2017 hat der Moskauer LGBTIQ*-Verband mithilfe seines internationalen Netzwerks 151 Menschen aus Russland herausgebracht. Auch wenn das nicht nach viel klingt, so ist das zumindest 151 Mal die Chance, ein Leben zu führen, ohne sich verstecken zu müssen.

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