Film

Jetzt kommen die Frauen

Nachdem der Beginn der Berlinale von männlichen Charakteren geprägt war, rücken zunehmend Frauen in allen Gefühlslagen in den Mittelpunkt des Festivals. Der maskuline Blick wird dabei mehr als einmal entlarvt.

An den ersten Tagen der 72. Berlinale konnte einen das Gefühl beschleichen, der künstlerische Leiter des Festivals, der Italiener Carlo Chatrian, wollte mit seiner Zusammenstellung noch einmal den alten weißen Mann ins Schaufenster stellen, bevor er endgültig in die Mottenkiste kommt. Da konnte man diese ausgediente Figur als larmoyante Diva, abgehalfterten Frauenheld und gefährlichen Incel bei seinem (v)erbitterten Kampf um seine Jagdgründe beobachten und lernen, was der Schwanz mit so manchem seiner Besitzer macht.


Robe of Gems

Nun, da das Programm fast zur Hälfte gezeigt ist, dreht sich der Wind und der weibliche Blick auf die Welt wird gestärkt. So könnte man Dario Argentos außerhalb des Wettbewerbs gezeigtem Thriller »Occhiali Neri« das Regiedebüt der Mexikanerin Natalia López Gallardo gegenüberstellen. Aus den Perspektiven von drei Frauen setzt sie in »Robe of Gems« zusammen, was es für Frauen bedeutet, auf der mexikanischen Seite der US-amerikanischen Grenze zu leben. In der Nähe der berüchtigten Ciudad Juárez, wo seit Jahrzehnten Frauen bestialisch ermordet werden, so dass offen von einem sich vollziehenden Femizid gesprochen wird, spielt ihr erster Spielfilm.

© Visit Films

Isabel (Nailea Norvind) zieht in diese Region mit ihrer Familie, um sich besser um ihre Mutter kümmern zu können. Aber nichts ist mehr wie früher, die globalen Prozesse haben den Landstrich in Armut, Elend und Kriminalität gestürzt. Das moderne Haus, in das sie mit ihrer Familie einzieht, bewohnt sie bald allein mit ihren Kindern, weil ihre Ehe zerbricht. Der großzügige Bau wird zu einem befremdlichen Ort, an dem die obskuren Schatten die Regie übernehmen. In ihrer Verzweiflung lässt sie sich auf eine Gang ein, was sie bitter bezahlen wird.

Wie auch die Polizistin Torta (Aida Roa), die zusehen muss, wie sich ihr Sohn Adán (Juan Daniel Garcia Treviño) einer kriminellen Gang anschließt. Die wiederum hat die indigene María (Antonia Olivares) engagiert, die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen. Das, was sie sieht, konfrontiert sie mit ihren schlimmsten Ängsten, denn seit Monaten wird ihre Schwester vermisst. Zwischen den Erlebnissen dieser drei Frauen springt die Handlung immer hin und her, um diese Stränge mehr und mehr miteinander zu verwickeln.

© Visit Films

Der Film besticht vor allem in seiner konsequenten Haltung, die Ereignisse aus der Perspektive der Frauen in den Blick zu nehmen. Er braucht keine schockierenden Bilder brutaler Gewalt, um die permanente Bedrohung, die hier für Frauen herrscht, sichtbar zu machen.


Call Jane

Bedrohlich ist auch das Engagement von Joy (Elizabeth Banks). Sie setzt sich in den 1960er Jahren in den USA dafür ein, dass Frauen sichere Abtreibungen erhalten können. Allerdings muss das geheim bleiben, weil Abbrüche streng verboten sind. Das muss sie auch am eigenen Leib erfahren, als ihre Schwangerschaft ihre Gesundheit gefährdet und der durchweg männlich besetzte Vorstand der Klinik ihr trotz medizinischer Indikation den Abbruch verweigert. Über Umwege findet sie die Aktivistinnen von »Call Jane«, die der verzweifelten Hausfrau und Mutter mit einem heimlichen Abbruch helfen. Joys Ehemann Will darf davon nichts wissen, als Strafrechtler weiß er nur zu gut, dass das, was seine Frau da plant, illegal ist.

© Wilson Webb

Aus Dankbarkeit hilft Joy kurz nach dem Eingriff bei den »Janes« aus, die von der resoluten Virginia (Sigourney Weaver) angeführt werden. Die Hausfrau findet Erfüllung in ihrer Tätigkeit und wird eine der Aktivistinnen der geheimen Frauenselbstorganisation. Sie eignet sich sogar die Fähigkeiten an, den Eingriff selbst vorzunehmen und beendet damit die Abhängigkeit der Organisation von dem selbsterklärten Mediziner, der bislang für sie tätig war.

Phyllis Nagys Film mag von Zeit und Thema an Audrey Diwans Drama »Das Ereignis« erinnern. Im Gegensatz zu der in Venedig ausgezeichneten Adaption von Annie Ernaux’ Roman erzählt die amerikanische Regisseurin das aber nicht als schmerzhafte Geschichte eines Abbruchs, sondern als feministisches Manifest, inszeniert in stechenden Farben und frechen Dialogen, das Selbstbestimmung, Chancengleichheit, Armut und Rassismus thematisiert.

© Wilson Webb

Der Film endet auf der Pointe des legendären »Roe vs. Wade«-Prozesses, in dem Jane Roe 1973 vor dem Supreme Court die Liberalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen erreicht hatte. Diese Errungenschaft steht knapp fünfzig Jahre später auf der Kippe, wie Eliza Hittmans Drama »Niemals Selten Manchmal Immer« vor zwei Jahren eindrucksvoll nachwies. Vor diesem Hintergrund führt »Call Jane« noch einmal vor Augen, unter welch unwürdigen Verhältnissen Frauen jeder Herkunft und sozialen Klasse vor einem halben Jahrhundert abtreiben und dabei ihr Leben riskieren mussten. Seine unterhaltsame Inszenierung mag zum Teil dem übergreifenden Thema nicht gerecht werden, sie macht ihn für ein breiteres Publikum aber auch zugänglicher als ein Melodrama.


Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

Dass man extreme Ereignisse nicht auch extrem abbilden muss und ihnen dennoch gerecht werden kann, beweist Andreas Dresen in seinem Film »Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush«. Hintergrund seines Films ist die jahrelange Inhaftierung des Bremers Murat Kurnaz im US-Gefangenenlager Guantanamo. Die Mutter des zu Unrecht des Terrorismus verdächtigten Deutsch-Türken kämpfte jahrelang gemeinsam mit dem Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke gegen dessen Inhaftierung, einer Sammelklage, die die Anwälte mehrerer Inhaftierter einreichten, unterlag die US-Regierung schließlich. Nach über fünf Jahren in einer kafkaesken Welt wurde Kurnaz wie ein Schwerverbrecher nach Deutschland überstellt.

© Andreas Hoefer / Pandora Film

Dresen erzählt Kurnaz Geschichte aus der Perspektive seiner Mutter Rabiye, die die Kabarettistin Meltem Kaptan in ansteckender Art und Weise spielt. Diese Mutter kämpft nicht nur wie eine Löwin für ihren Sohn, sondern bleibt dabei vor allem immer im eigenen Referenzrahmen. Ganz egal, ob es gegen die deutschen Behörden oder die US-Regierung geht, Rabiye Kurnaz bleibt ganz bei sich und ihrem Ziel: die große Politik ist ihr egal, sie ist einfach nur eine Mutter, die ihren Sohn nach Hause holen will. Dafür betritt sie mutig Welten, die ihr vollkommen unbekannt sind.

Die Kölnerin Meltem Kaptan präsentiert Rabiye Kurnaz als Frau, die ihr Herz auf der Zunge trägt. Journalisten, die vor ihrem Haus die Schneeglöckchen platt treten, werden schon zusammengestaucht, prominente US-Schauspieler zum Zuckerholen verdonnert und Anwalt Docke, toll verkörpert von Alexander Scheer, selbst dann zum Agieren getrieben, wenn er eigentlich keine Zeit hat. Der Optimismus, den diese Frau ausstrahlt, ist ansteckend, selbst dann, wenn eigentlich alles gegen sie spricht. Wo andere den Kopf in den Sand stecken und sich der Ohnmacht ergeben, legt diese Frau ebenso entschlossen wie empört den zweiten Gang ein. Mit türkischem Gebäck, Pragmatismus und Lebensweisheiten aus den Welten, in denen sie sich bewegt.

© Luna Zscharnt / Pandora Film

»Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush« ist ein Appell an die Vernunft und Menschlichkeit, wie alle Dresen-Filme. In dessen Mittelpunkt steht eine Frau, die sich ihre weltbedeutende Rolle nie ausgesucht hat, sie aber ausfüllt, als wäre sie dafür gemacht.


La Ligne

Während sich Männer auf dieser Berlinale an ihrer sinkenden Bedeutung abarbeiten, nehmen Frauen ihr Schicksal in die Hand, auch wenn sich die ganze Welt gegen sie verschworen hat. Davon erzählen auch das indonesische Drama »Nana« von Kamila Andini, Ursula Meiers Familiengeschichte »La Ligne« und Mikhaël Hers’ »Les Passagers De La Nuit.« In allen drei Filmen hadern Frauen mit ihrem Schicksal, um sich dann aus dem Tief, in das sie das Leben gestürzt hat, herauszugraben.

© 2022 BANDITA FILMS / LES FILMS DE PIERRE / LES FILMS DU FLEUVE / ARTE FRANCE CINEMA / RTS / RTBF (Télévision belge) / VOO et BE TV

Insbesondere der Film der Schweizer Regisseurin, eine aufwühlende Studie um Gewalt innerhalb einer Familie, ragt heraus. Er erzählt vor bewährter Alpenkulisse die Geschichte von Margaret (Stéphanie Blanchoud), die nach ein wenig Liebe ihrer Mutter Christina (Valeria Bruni Tedeschi) dürstet. Weil die aber nur an sich selbst denkt, rastet sie regelmäßig aus.

Der Film startet mit einer Zeitlupe eines solchen Gewaltausbruchs, in dessen Folge Margaret ein gerichtliches Kontaktverbot erteilt wird. Sie darf sich für drei Monate nicht dem Haus der Mutter nähern, in dem auch ihre kleine Schwester Marion (Elli Spagnolo) lebt. Die wird, um ihre große Schwester vor schlimmeren Konsequenzen zu bewahren, einen Kreidekreis um das Haus ziehen, den Margaret nicht betreten darf. Fortan werden sie sich an dieser Demarkationslinie treffen und die gemeinsamen Musikproben vor winterlicher Kulisse hinter sich bringen. Und während sich Christina ganz mit sich selbst beschäftigt und ihren Kummer mit einem jungen Liebhaber stillt, versucht Margaret, ihr Leben mit ihrer Musik auf die Reihe zu bekommen.

© 2022 BANDITA FILMS / LES FILMS DE PIERRE / LES FILMS DU FLEUVE / ARTE FRANCE CINEMA / RTS / RTBF (Télévision belge) / VOO et BE TV

Der ganze Film spielt rund um Weihnachten, die zeitlichen Dimensionen der Geschichte scheinen etwas zu schwimmen. Aber auch hier ist Weihnachten das Fest der Liebe, die zwischen der Mutter und ihren Töchtern und Enkelinnen vollkommen abwesend bleibt. Mit jeder Minute wird deutlicher, dass Margarets selbstzerstörerische Wut eine Reaktion auf die ausbleibende Liebe ihrer Mutter ist. Sie heilt sich selbst an der Musik (geschrieben von Benjamin Biolay) und wird zum Fels in der Brandung für ihre kleine Schwester. Ein aufwühlender und wahrhaftiger Film über die zerstörerische und heilende Kraft der Liebe.

Zur Halbzeit haben die Frauen bei der 72. Berlinale den Männern den Rang abgelaufen. Es bleibt abzuwarten, was die zweite Hälfte noch bereithält.

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