Film

Dokus auf der Berlinale: Die Wirklichkeit festhalten

Gut ein Fünftel der über 250 gezeigten Filme der 72. Berlinale sind Dokumentarfilme. Die besten Dokus des diesjährigen Filmfestivals halten die Welt in all ihren Ambivalenzen fest.


Cem Kaya: Aşk, Mark ve Ölüm

© filmfaust, Film Five

Dieser Film ist ein Geschenk. Er lässt eine Welt entdecken, die hierzulande weitgehend ignoriert wurde. Cem Kaya erzählt die Geschichte der türkischen Gastarbeiter anhand der Musikkultur, die sie mitbrachten. » Liebe, D-Mark und Tod« zeigt facettenreich, wie sich Heimweh, Alltag, Feste, Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen in die Musikkultur der deutsch-türkischen Community eingeschrieben haben. Von traditioneller Volksmusik über Trans-Pop und Ethno-Rock bis hin zur Rap-Kultur der Lost-Generation – diese unterhaltsame filmische Reise ist Hommage, Mahnung, Nachschlagewerk und Geschichtsunterricht in einem. Großartig!


The Myanmar Film Collective: Myanmar Diaries

© The Myanmar Film Collective

Wenn man Journalist:innen und Filmemacher:innen untersagt, aktiv zu werden, kann man sicher sein, dass sie alles daran setzen, ihren Job zu machen. Zehn Filmschaffenden aus Myanmar ist es gelungen, diesen hybriden Dokumentarfilm über die landesweiten Proteste nach dem Putsch vor einem Jahr aus der südostasiatischen Militärdiktatur herauszuschmuggeln. Verwackelte Handyaufnahmen dokumentieren, mit welcher Erbarmungslosigkeit das Militär gegen alle vorgeht, die sie des Widerstands verdächtigen. Da wird eine junge Frau etwa nur deshalb erschossen, weil sie wie die Protestler:innen ein rotes T-Shirt trägt. Der Film zeigt die Entschlossenheit der Demonstrierenden, aber auch die permanente Bedrohung. Ein cineastisches Dokument des Widerstands, dessen Macher:innen im Dunkeln bleiben müssen.


Ruth Beckermann: Mutzenbacher

© Ruth Beckermann Filmproduktion

Ein Casting für einen Film über Josephine Mutzenbacher und ihren pornografischen Roman, der Jahrzehnte verboten und indiziert war. Männer allen Alters und sozialer Herkunft setzen sich vor Ruth Beckermanns Kamera auf eine Couch, lesen verschmitzt Auszüge aus dem Buch und sprechen darüber, was nach diesen Texten in ihnen vorgeht. Der Filmemacherin aus Österreich gelingt in der schlichten Anordnung etwas Außergewöhnliches: Sie blickt in die Köpfe dieser Männer, legt ihre Fantasien und Beklemmungen frei. Dass die Beklemmungen eher der gesellschaftlichen Kontrollinstanz, dem Über-Ich, und kaum der eigenen Haltung angesichts der geschilderten sexuellen Handlungen mit einer Minderjährigen hervorgerufen werden, lässt tief blicken.


Magnus Gerten: Nelly & Nadine

© Caroline Troedsson / Auto Images

Vor zwei Jahren lief auf der Berlinale die eindrucksvolle Dokumentation »Walchensee Forever« von Janna Ji Wonders. Magnus Gertens Film erinnert in seiner Wärme und Konstruktion aus Tagebuchauszügen, Fotografien, Audio- und körnigen Videoaufnahmen ein wenig daran, auch wenn er eine völlig andere Geschichte erzählt. Sylvie Bianchi rekonstruiert aus einer kleinen Kiste heraus die Beziehung zwischen ihrer Großmutter Nelly und Nadine. Beide Frauen begegnen sich im Konzentrationslager Ravensbrück zum ersten Mal. Wie durch ein Wunder überleben sie den Holocaust und verbringen gemeinsam ihr Leben. »Nelly & Nadine« ist eine empfindsame Studie über eine tief empfundene Liebe, über Lebensentwürfe und familiäres Schweigen. Und die Pflicht unserer Generation, die Erinnerung hochzuhalten.


Christos Passalis, Syllas Tzoumerkas: I Poli ke i Poli

© Homemade Films

Das griechische Cineasten-Duo hinter diesem Film erzählt in »Die Stadt und die Stadt« in experimenteller Form die Geschichte der jüdischen Bevölkerung von Thessaloniki, deren Verfolgung in den 1920er Jahren begann, als Christen den jüdisch dominierten Niedriglohnsektor im Hafenviertel übernehmen wollten. Bald geht es nicht nur um Jobs, sondern um Ideologie. Faschismus und Antisemitismus wüten auch in Thessaloniki. Von den knapp 50.000 Juden in der Stadt überleben nur knapp 1.000. Changierend zwischen Inszenierung, Nachstellung und Dokumentation arbeitet der Film diese Geschichte (mit deutscher Beteiligung) eindrucksvoll auf.


Rithy Panh: Everything will be okay

© CDP, Anupheap Production

Der kambodschanische Regisseur beeindruckte 2020 mit seiner dokumentarischen Aufarbeitung des kambodschanischen Genozids »Irradiés« im Wettbewerb. Nun legt er eine spielerische Fabel vor, in der er in einer Mixture aus Orwells »Farm der Tiere« und Boulles »Planet der Affen« von der Übernahme der Welt durch die Tiere erzählt, nachdem der Mensch sie zerstört hat. Doch um nichts sind die Tiere besser, sie wiederholen die Gräueltaten des 20. Jahrhunderts. Panhs moralische Fabel ist ein wilder Mix der Ideologien, die alles mit sich in den Abgrund reißen. Selbst das Kino ist hier ein Monster. »Ich werde in dich eindringen mit Bildern, die dich mit dem Nichts verbinden«, verspricht die Erzählerin aus dem Off. Ein höllisches Versprechen. Verstörend. Provokant. Kontrovers.


1341 Framim Mehamatzlema Shel Micha Bar-Am

© Micha Bar-Am. Courtesy of the photographer

Der israelische Fotograf Micha Bar-Am hat als Chronist der Geschichte seines Landes viele Gräuel gesehen. Er hat den Eichmann-Prozess 1961 festgehalten, stand beim Sechs-Tage-Krieg 1967 mit seiner Kamera an der vordersten Front, dokumentierte die Ereignisse des Jom-Kippur-Kriegs 1973 und schaute auch bei den Massakern israelischer Soldaten in den Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila 1982 nicht weg. Aber auch bei Familienfesten und freudigen Anlässen griff der 1930 in Berlin geborene Fotograf zur Kamera. Ron Tal erzählt in seiner Dokumentation »1341 Framim Mehamatzlema Shel Micha Bar-Am« anhand der Arbeiten des Fotografen sein Leben. Er zeigt, wie er durch Komposition und Gespür für Situation seiner visuellen Sprache eine ganz eigene Kontur gab, die sich mehr und mehr seinem niemals zur Ruhe kommenden Land anglich.


Lutz Pehnert: Bettina

© Lutz Pehnert / solofilm

Bettina Wegner ist fast vergessen und wer sie nicht vergessen hat, der erinnert oft nur ein einziges ihrer vielen Lieder, die »kleinen Hände«. Der Berliner Dokumentarfilmer Lutz Pehnert gibt ihr nun fast zwei Stunden, um ein größeres Bild von dieser Frau, die sich in den 60ern und 70ern im Umfeld von Thomas Brasch bewegt hat und ähnlich unbequem war, zu zeichnen. Es ist die Biografie einer unbequemen Widerständigen, die in ihren Liedtexten das Politische und das Private zusammenführte. Anhand von Archivmaterial, Audiomitschnitten und Gesprächen rekonstruiert der Film das Leben einer Künstlerin, die eigentlich immer nur Liebeslieder singen wollte und von der kaum mehr als ein Kinderlied geblieben ist. Dieser Film ändert das. Stark!


Thierry Demaizière, Alban Teurlai: Allons enfants

© Alban Teurlai

Der Eröffnungsfilm des Jugend- und Kinderprogramms Generationen »Allons enfants« stellt die Geschehnisse in einer Pariser Schule in den Mittelpunkt. Dort gibt es einen Hiphop-Kurs, der schon Profitänzer hervorgebracht und sie auf dem Weg zum Abitur begleitet hat. Das zieht natürlich auch Jugendliche an, die sich auf normalen Schulen schwertun. Also keine Bürgerstöchter und -söhne, sondern junge Menschen aus den Banlieus und Brennpunkten. Die Schule ist kein Auffangbecken, sondern verfolgt Ambitionen, weshalb Selbstmotivation und Disziplin gefragt sind. Der Film begleitet einige Schüler:innen im Alltag, zeigt ihre Herausforderungen und ihren Kampf mit der Welt. Eindrucksvoll!


Olivia Rochette, Gerard-Jan Claes: Kind Hearts

© Olivia Rochette & Gerard-Jan Claes

Wie viel ist über Jugendliche und junge Erwachsene in der Pandemie gesprochen worden, ohne mit ihnen selbst zu sprechen? Was hat die Pandemie mit ihnen gemacht? Wie funktioniert Flirten und Liebe mit Maske im Gesicht? Der Film des belgischen Teams begleitet Lucas und Billie, ein junges Paar, dem die Welt offen steht. Eigentlich, denn es ist Corona. Und zugleich stellen sich die Fragen wie bei allen Schulabsolventen. Studium oder Ausbildung? Gehen oder bleiben? Neues Finden oder auf Vertrautes setzen? Festhalten oder Loslassen? »Kind Hearts« zeigt in allen Farben das emotionale Erwachen einer Generation, die gelernt hat, über alles zu reden, an Entscheidungen aber dennoch knabbern muss. Ausgezeichnet als Bester Film mit dem Großen Preis der Internationalen Jury von Generation 14plus.


Simon Brückner: Eine deutsche Partei

© Spicefilm

Zwei Jahre lang begleitete Simon Brückner die AfD bei ihrer Arbeit, um die (Schlüssel)Momente dessen festzuhalten, was gemeinhin als Rechtsruck der Partei bezeichnet wird. Mit Zustimmung der Partei hat er Protagonistinnen auf Bundes-, Landes- und Lokalebene begleitet und Gespräche, Sitzungen und Wahlveranstaltungen festgehalten. Nie mischt er sich ein, stellt keine Fragen oder sucht nach Antworten, sondern still zeichnet er auf, was geschieht. Das Handeln der Akteure spricht für sich. Dieser Film belegt, wie von unten nach oben die dezidiert rechtsextremen und vom Verfassungsschutz beobachteten Elemente die Partei übernehmen und mit völkischen, verschwörungstheoretischen und demokratiefeindlichen Ideologen national wie international vernetzen.

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