Literatur, Roman

Die Irrwege der Liebe

Das Manuskript von Ulrich Woelks »Für ein Leben« wurde 2019 mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet. Nun liegt der Roman vor, der von den Versprechungen und Gefahren der großen Freiheit erzählt. Die Handlung erstreckt sich über Jahrzehnte.

Diese Geschichte nimmt im November 1989 in Berlin Fahrt auf. An einem dieser Abende der trunkenen Glückseligkeit begegnet Niki zum ersten Mal ihrem späteren Ehemann Clemens. Zu feiern haben sie allerdings nichts. Clemens sitzt als Patient vor der jungen Ärztin und klagt über unerträgliche Schmerzen im Schritt. Niki ist von der Situation überfordert und trifft eine falsche Entscheidung, die ihren Patienten fast seine Zeugungsfähigkeit kostet. Von dieser Szene ausgehend nähert sich Woelk in seinem Familien- und Gesellschaftsroman in epischen Schleifen der Frage, was den Menschen zum Menschen macht.

Im Mittelpunkt dieses welthaltigen Textes steht Niki, die als Kind zweier Hippies in Afghanistan geboren, in einem indischen Ashram gestillt und als blonder Engel in Mexiko aufgewachsen ist, bevor sie als Ärztin Ende der 80er Jahre nach Berlin geht. Eine Vita, die in ihren geografischen Ankern an Janna Ji Wonders Familiengeschichte »Walchensee Forever« erinnert. Ulrich Woelk, der 2019 mit seinem Roman »Der Sommer meiner Mutter« für den Deutschen Buchpreis nominiert war, erzählt in seinem neuen Werk nicht die Geschichte einer Familie, sondern die einer ganzen Generation. Diese führt seine Leser:innen nicht nur in die weite Welt, sondern auch ins geteilte Berlin und hinter die Mauern in die DDR.

Lu alias Ljubina lebt in den Achtzigern allein mit ihrem Vater Herbert in einem Weddinger Mietshaus. Ihre Mutter Draga ist viel zu früh an Krebs gestorben. Dieser Verlust macht Herbert in einer Weise verrückt, die sie nicht erträgt, weshalb sie noch als Teenager erst bei dem eigenartigen Musiker Hans einzieht und später bei Überlebenskünstler Vic unterkommt. Der ist 1980 aus der DDR geflohen, nachdem er dort mit gebrochenem Herzen ins Visier der Stasi geriet. Um seiner Mutter so nah wie möglich zu sein, entschied er sich nach der Flucht für Westberlin als zukünftigen Wohnort und wird Nachbar von Lu und Herbert.

Ulrich Woelk: Für ein Leben. C.H. Beck Literaturverlage 2021. 632 Seiten. 26 Euro. Hier bestellen.

In Vics Wohnung lernt Lu später Zilla kennen, die mal als Nackedei »Das Magazin« geziert hat. Um über die Runden zu kommen, wird Lu im Kino des feministischen Egalia-Kollektivs jobben, das neben Klassiker- und Trash-Abenden auch Themenwochen für Lesben, Schwule und andere Hedonist:innen durchführt. Das Berlin der achtziger Jahre wird hier als Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten inszeniert. Konsequenterweise wird Lu nicht nur Filmrollen einlegen, sondern selbst auch auf die Bühne und vor die Kamera treten. Dennoch kommt es hinter den Kulissen eines Theaterstücks zu einer Szene, die sie ein Leben lang prägen wird.

Währenddessen sucht Lus Vater immer wieder seine geliebte Frau in den Augen anderer Frauen. Für Lu wird schnell klar, dass die krankhafte Liebe ihres Vaters zu ihrer verstorbenen Mutter »die Ursache für seine Unfähigkeit war, sich anderen Menschen wirklich zuzuwenden, und auch ihr.« Wenn sie ihn besuchte, findet sie ihn wie gelähmt vor dem Fernseher wieder. »Offensichtlich war Liebe eine Macht, die Menschen kurze Zeit glücklich und lange unglücklich machen konnte. Lu schwor sich, dass sie es in ihrem Leben so weit nicht würde kommen lassen.«

Ulrich Woelk holt in seinem Roman weit aus und dreht beständig am Rad des Lebens. Souverän führt er durch die Zeiten und Welten, verbindet die verschlungenen Pfade und Wege, die seine Figuren beschreiten. Lu und Niki etwa laufen sich mehrmals im Roman über den Weg, doch erst in der Nacht der Hochzeit von Niki und Clemens erkennen sie einander, was dieser Erzählung einen überraschenden Twist gibt. Die Ehe wird zwar geschlossen, gelebt wird sie aber nie. Stattdessen werden Lu und Niki zueinander finden, aneinander wachsen und gemeinsam nach Mexiko fahren, wo Niki eine Art Erweckungserlebnis in Bezug auf ihr Verhältnis zu ihrer Mutter hat.

Clemens reüssiert derweil als Autor und schreibt, inspiriert von der französischen Botanikerin Jeanne Baret, die als Mann verkleidet in die Südsee reist, an einem neuen Roman. Spätestens in diesen Passagen überkommt Leser:innen das Gefühl, dass das Motiv der Libido in diesem Text mehr als notwendig strapaziert wird.

Lus gespaltenes Verhältnis zur Liebe steht dem dauerhaften Glück mit Niki im Weg. Kurzentschlossen verschwindet sie aus deren Leben. Da erinnert man sich an einen ihrer Sätze vom Beginn des Romans: »Ich glaube, mich würd’s als Schauspielerin eher zu Kaputtheit und Irresein ziehen als zu Glück und Normalität.« Dem gegenüber steht Nikis Skepsis gegenüber der absoluten Freiheit: »Hieß frei zu sein nicht, nie ankommen zu können? Immer weiterzuziehen? Und war es denn nicht auch eine subtile Form von Zwang, immer frei sein zu müssen?«

Zwischen diesen beiden Polen, der Sehnsucht nach Freiheit und dem Bedürfnis, mal irgendwo anzukommen, pendelt »Für ein Leben«. Wobei sich zeigt, dass Woelks Qualitäten eher auf der kurzen als auf der langen Strecke liegen. Sein neuer Roman will viel, vielleicht auch etwas zu viel. Seine Figuren müssen sich immer wieder ihren Geschichten und seelischen Narben stellen. Für ein Leben in Glück und Normalität müssen sie sich durch ihre biografischen Prägungen kämpfen und an der Berliner Kunstszene (Notiz ans Lektorat: ein hiesiges Stadtmagazin heißt »Zitty«, nicht »City«!) abarbeiten – mit ganz unterschiedlichem Ausgang. Sie dabei zu begleiten macht den Reiz, manchmal aber auch die Mühen dieses veritablen Pageturners aus.