Film

Die Freiheit des Begehrens

Sebastian Meise zeigt in seinem ausgezeichneten Film »Große Freiheit« die hässliche Geschichte des Paragrafen 175 und porträtiert einen Mann, der sich vom Unrecht nicht Beugen lässt.

Am Anfang dieses Films sieht man nur einen Ausschnitt. Aus einer verborgenen Ecke heraus werden da die Männer aufgenommen, die eine öffentliche Toilette in München aufsuchen. Einer nach dem anderen kommt herein, verzeiht sich in eine Ecke, in der Hans entweder schon wartet oder gleich hinzutritt – für einen Handjob, einen Blowjob oder einen kurzen Fick am Urinal.

Die triste, nahezu würdelose Szenerie fängt die heimliche Existenz von Homosexuellen in der BRD der sechziger Jahre ein. Wie gefährlich das Leben mit dem vermeintlich falschen Begehren ist, wird erst deutlich, als die Filmspule, deren Rattern man die ganze Zeit vernimmt, anhält und sichtbar wird, dass die Aufnahmen zur Beweisaufnahme dienen, um Hans des Verstoßes gegen den sogenannten Homosexuellenparagrafen 175 zu überführen. Stoisch nimmt Hans, grandios in sich ruhend gespielt von Franz Rogowski, sein Urteil hin, er wird nicht das erste Mal für sein Begehren in den Bau fahren, wie man im Laufe des Films erfährt.

Franz Rogowski als Hans | © Freibeuterfilm_Rohfilm

Sebastian Meises gut recherchiertes Drama feierte bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere und erhielt dort in der Reihe Un Certain Regard den Preis der Jury. »Große Freiheit« erzählt die Geschichte von Hans, einem schwulen Mann, der sich nichts zuschulden kommen lässt und dennoch ein Leben hinter Gittern verbringt. Ein ums andere Mal wird er verurteilt und immer wieder in dasselbe Gefängnis eingeliefert, wo er sich mit dem lebenslänglich verurteilten Mörder Viktor anfreundet, mit dem er auch immer wieder die Zelle teilt. Georg Friedrich spielt diesen Schrank von Mann als Trutzburg, der sich bei aller Härte einen weichen Kern bewahrt hat.

Den brauch es auch, als sich Hans und Viktor das erste Mal begegnen. Denn als er in seine Zelle zurückkommt, liest er an der Tür, dass sein neuer Zellengenosse ein »175er« ist. Die anfängliche Ablehnung weicht einer Empörung, als er sieht, dass Hans auf seinem Arm eine Nummer trägt. Ungläubig muss er feststellen, dass Hans direkt aus dem KZ in den Knast verlegt worden ist. Der Film geht nicht tiefer in diese Geschichte hinein, braucht er aber auch nicht. Auch so wird deutlich, dass der Paragraf 175, der erst in den Siebzigern reformiert und Mitte der Neunziger aus dem Strafgesetzbuch gestrichen worden ist, eine Fortsetzung der von den Nazis verschärften Rechtspolitik war. Wenn in der Knastnäherei die Reichsadler von den Uniformen der Wärter gerissen werden, um diese ihrem neuen Zweck zuzuführen, bebildert Meise alles sagend, dass sich in dieser Hinsicht das Regime, aber nicht die Ideologie geändert hat.

Hans (Franz Rogowski) und Leo (Anton von Lucke) suchen in der Sammelzelle Nähe zueinander | © Freibeuterfilm_Rohfilm

Im Kern lebt der zum Großteil hinter Gittern spielende Film von der großen Freiheit, die sich Hans aller Widerstände zum Trotz immer wieder nimmt. Die drakonischen Strafen erschüttern ihn in seinem Begehren nicht, im Gegenteil. Weder Isolationshaft noch Prügelstrafen können ihn davon abhalten, auch im Knastalltag nach Zärtlichkeiten Ausschau zu halten. Er provoziert kleine Fehltritte, um in der Sammelzelle erotische Begegnungen zu haben. Dass er dabei eine Ausnahme ist, zeigt, dass andere in dieser rauen Welt hinter Gittern und unter der Gewalt des Staates zusammenbrechen.

Es hat aber auch nicht jeder einen Viktor an seiner Seite. Der sticht ihm heimlich nicht nur eine großflächige Figur über die KZ-Nummer, sondern wird zu seinem engsten Vertrauten im Knast. Aus Ablehnung wird Interesse und später Zuneigung. Viktor erkennt in Hans die Menschlichkeit, die ihn im Knast über Wasser hält.

In den ersten Wochen, die sie gemeinsam in einer Zelle verbringen, sprechen sie über ihr jeweiliges Begehren. Er könne sich das mit Männern nicht vorstellen, sagt da Viktor und greift zu den Pin-Up-Fotos unter seinem Kissen. Hans lächelt da wissend und kommentiert lakonisch, dass ihm angesichts seiner Strafe wohl wenig anderes bleibe, als sich daran zu gewöhnen. Diese warmherzige Schelmenhaftigkeit macht die Figur des stillen Hans aus, den Franz Rogowksi in großer Anmut und Würde spielt. Dieser Hans beugt sich nicht dem Regime, das über ihn und sein Begehren urteilt. Seine Liebe lässt er sich nicht verbieten.

Viktor (Georg Friedrich) und Hans (Franz Rogowski) begegnen sich im Knast immer wieder | © Freibeuterfilm_Rohfilm

Dieser Widerstand ringt Viktor mehr als nur Respekt ab. Während er eine Schuld absitzt, die er begangen hat, sieht er in Hans einen, der sich nicht absprechen lässt, Mensch zu sein – selbst unter diesen Umständen nicht. Wann immer Hans bestraft und in Isolationshaft gesteckt wird, ist es Viktor, der ihm mit Zigaretten, Essen oder warmen Worten Signale purer Menschlichkeit zukommen lässt. Viktor ist für Hans das Licht in der Dunkelheit und umgekehrt.

Friedrich und Rogowski geben ihren Figuren eine irrsinnige Präsenz, ihr Spiel ist in jeder Hinsicht ein körperliches. Sie zeigen, dass es hier um den Menschen als solchen geht, um die Existenz in all ihren Aspekten, zu der das Begehren gehört. Eine Form des Liebens, von der Carolin Emcke einmal gesagt hat, dass sie, wenn sie darüber nachdenke, »in Augenblicke, in einzelne, kleine, unwiederbringliche Momente des Begehrens« zerfalle, »wie bei jedem anderen Menschen auch«. Sebastian Meises großartiger Film und seine beiden tollen Schauspieler zeigen, dass dieses Begehren auch von Gittern nicht aufgehalten werden kann.