Literatur, Roman

Last Exit Klimaterror

Kim Stanley Robinsons neuer Roman entfaltet eine plausibel-optimistische Vision der Welt bis 2050. »Das Ministerium für die Zukunft« zeigt aber auch, wohin der Weg führt. Wenn wir nicht handeln, wird sich der Klimaaktivismus radikalisieren. Der schwedische Aktivist Andreas Malm meint, dass das vielleicht sogar notwendig ist.

Dieses Buch kommt mit einer guten und einer schlechten Nachricht. Die gute richtet sich an die vom Weltklimagipfel enttäuschte Generation Greta: die große Veränderung, auf die ihr in der Klimapolitik händeringend wartet, tritt nicht durch politische Erkenntnis ein. Die schlechte richtet sich an uns alle: der Wandel braucht eine Katastrophe, und zwar eine, die die Pandemie in den Schatten stellt. Eine, die überall auf der Welt auftreten kann. Und die die Schalter in unseren Gehirnen und damit auch in Politik und Wirtschaft umlegt.

Nach diesem Sommer kann man berechtigt fragen, ob wir nicht schon in einer solchen Katastrophenzeit leben. Verheerende Waldbrände, Rekordtemperaturen im Jahresrhythmus, jahrelange Dürrekatastrophen – alles Nachrichten aus dem Sommer. Der Klimawandel ist längst weltweit zu spüren. Der Autor der erfolgreichen »Mars«-Trilogie Kim Stanley Robinson stellt in seinem Roman »Das Ministerium für die Zukunft« nun die Frage, wie die menschliche Zivilisation durch die nächsten Dekaden kommen kann, ohne sich selbst aller Lebensgrundlagen zu berauben.

Der Roman setzt mit einer Hitzewelle Mitte der 2020er Jahre ein, die Frank, eine der zwei Hauptfiguren im Buch, als Entwicklungshelfer in Indien miterlebt und dort über zwanzig Millionen Tote fordert. Die indische Regierung beschließt, in einer gigantischen Aktion Abgase in die Atmosphäre zu blasen, um die Sonneneinstrahlung zu verringern und die weltweiten Temperaturen zu senken. Dies ruft Mary Murphy, die zweite Hauptfigur in diesem grandiosen Pageturner, auf den Plan. Die irische Diplomatin leitet in Zürich die UN-Agentur zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens, die dem Roman den Titel gibt. Sie trommelt umgehend die Weltgemeinschaft zusammen, um das weitere Vorgehen zu beraten. Doch niemand will die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um CO2-Emissionen zu reduzieren. Es ist eben ein Unterschied, ob man die Folgen des Klimawandels am eigenen Leib erfährt oder am grünen Tisch bei kühlen Getränken darüber verhandelt.

Kim Stanley Robinson: Das Ministerium für die Zukunft. Aus dem Amerikanischen von Paul Bär. Heyne Verlag 2021. 720 Seiten. 12,00 Euro. Hier bestellen

In Robinsons Indien folgt auf die verheerende Katastrophe ein politisches Erdbeben. Das Land setzt fortan radikal auf grüne Politik und sendet der Welt eine klare Botschaft: »Ändert euch mit uns, und zwar sofort, sonst ereilt euch der Zorn Kalis.« Dieser Zorn geht von einer Gruppe radikalisierter Klimaschützer aus und wird konkret sein, wie Frank ankündigt, als er Mary mit dem Versagen ihrer Institution konfrontiert. »Diese Leute werden tun, was eigentlich Ihre Aufgabe wäre. Sie werden töten und getötet werden, sie werden Sabotageakte begehen und für den Rest ihres Lebens ins Gefängnis wandern – und das alles, weil Sie sich aus Ihrer Verantwortung stehlen.«

Hier greift Robinsons auf unzähligen Fakten und wissenschaftlichen Daten basierender Roman, den Barack Obama 2020 zu einem der »wichtigsten Bücher des Jahres« erkoren hat, eine Entwicklung auf, die alles andere als abwegig ist. Der schwedische Humanökologe und Klimaaktivist Andreas Malm hat erst vor wenigen Monaten eine Streitschrift mit dem Titel »Wie man eine Pipeline in die Luft jagt« vorgelegt, in der auf 180 Seiten erklärt, warum Klimaaktivisten vor Sabotage nicht zurückschrecken sollten. »Denn dass der Bedarf an Militanz abnimmt, ist kaum vorstellbar«, schreibt er da. Und Klimaaktivisten greifen angesichts der globalen Tatenlosigkeit zu immer extremeren Mitteln. Als im Wahlkampf mitten in Berlin einige junge Klimaaktivisten in den Hungerstreik traten und auch gesundheitliche Schäden in Kauf nahmen, sah die Republik erschrocken, ratlos und kopfschüttelnd zu. Die Frage, die man durchaus stellen kann, lautet: Was muss eigentlich noch geschehen, bis wir alle nicht mehr nur noch erschrocken sind, sondern handeln?

»Anstatt Katastrophen als zufällige Ereignisse oder »höhere Gewalt« zu betrachten, die in das alltägliche Leben einfallen, müsse man sie als die schonungsloseste Wahrheit über jenes Leben auffassen, dessen innere Struktur sie ans Licht bringen würde«, schreibt Malm in seinem Essay »Klima|x«, in dem er fragt, warum der globale Norden nicht mit gleicher Entschlossenheit den Klimawandel bekämpft wie die Corona-Pandemie.

Tatenlosigkeit und Fatalismus seien bürgerlicher Luxus, den wir uns nicht leisten können, schreibt Malm in beiden Büchern. In seiner Anleitung mit dem Untertitel »Kämpfen lernen in einer Welt in Flammen« schreibt er, dass es – analog zur Black-Panther-Bewegung im Kampf gegen Rassismus – einen militanten Arm des Klimaaktivismus brauche. Es ist ein schmaler Grad, den er da betritt, das weiß er auch selbst. Denn Gewaltlosigkeit gehört zum moralischen Kapital der Klimabewegung. Dieses Kapital sei zugleich aber auch eine Schwachstelle der Bewegung, die vorwiegend von Menschen getragen werde, die sich scheuen würden, ein paar Tage Knast zu riskieren. Deshalb bringt der Aktivist etwas ins Spiel, was er selbst in Person vereinigt: Die Diplomaten und Wissenschaftler sollen an die Verhandlungstische, während die radikalen Kräfte die fossile Infrastruktur angreifen sollen. Denn wenn nichts passiere, dann ist die Erderwärmung nicht zu stoppen. Dann sei es in jedem Fall »besser zu sterben, während man die Pipeline in die Luft jagt, als teilnahmslos zu verbrennen.«

Andreas Malm: Wie man eine Pipeline in die Luft jagt. Aus dem Englischen von David Frühauf. Matthes & Seitz Verlag Berlin 2021. 211 Seiten. 18,00 Euro. Hier bestellen

Das denken sich auch die Mitglieder der radikalisierten Klimabewegung in Robinsons Roman, die als »Gaias Stoßtruppen« weltweit mit Anschlägen und Sabotageakten den größten Klimasündern zu Leibe rücken, ganz egal, ob es sich dabei um Einzelpersonen, Gruppen oder Unternehmen handelt. Das klingt dann so: »Entweder haben alle Würde oder niemand. Und warum? Weil: Der Privatjet eines Reichen – bumm. Ein Kohlekraftwerk in China – bumm. Eine Betonfabrik in der Türkei – bumm. Eine Mine in Angola – bumm. Eine Jacht in der Ägäis – bumm. Eine Polizeiwache in Ägypten – bumm. Das Hotel Belvédère in Davos – bumm. Ein Ölmanager auf dem Gehsteig – bumm. Die Büros des Zukunftsministeriums – bumm. Die Menschen mussten begreifen, dass diese Liste von Zielen jederzeit erweitert werden konnte. Das Kapitol in Washington, verschiedene Parlamentsgebäude, die Kaaba in Mekka, die Verbotene Stadt in Peking, der Taj Mahal und so weiter. Kein Ort auf der Erde war mehr außer Gefahr.«

Das versetzt die internationale Politik und Diplomatie in Bewegung. Und auch Mary will das als »aktuelle Vertreterin aller künftigen Generationen« nicht auf auf sich sitzen lassen. Bevor die Welt in einen Klimakrieg kippt, braucht es politische Lösungen. Es geht in »Das Ministerium für die Zukunft« deshalb auch viel darum, wie eine zunächst zahnlose internationale Organisation auf dem diplomatischen Parkett vorgehen kann, um ihre Mission zu erfüllen. Robinsons Antwort ist unmissverständlich: it’s the economy stupid. Oder wie es an anderer Stelle heißt: »Es war leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.«

Andreas Malm würde spätestens hier den Roman zur Seite legen. »Eine kapitalistische Lösung für ein vom Kapitalismus geschaffenes Problem? Schön wär’s.«, schreibt er in »Klima|x«. Ich empfehle allen, dennoch am Ball zu bleiben und Robinsons Roman bis zum Ende zu lesen, denn was der Ehemann der anerkannten Umweltchemikerin Lisa Nowell in seinem Roman entwirft, ist nicht nur hinsichtlich technischer Eingriffe in natürliche Vorgänge auf der Höhe der Zeit, sondern bezüglich des Kapitalsystems visionär.

Marys Team entwickelt einen neuen Ansatz, der nicht Profit, sondern die Gesundheit der Biosphäre in den Mittelpunkt kapitalistischer Wertgewinnung stellt. Dafür bringt das Zukunftsministerium eine neue digitale Währung ins Spiel, die das Senken von Emissionen belohnt. Eine geniale Idee, die aber nicht nur das globale Finanzsystem durcheinander wirbelt, sondern auch die Diplomatin in Gefahr bringt. Denn ohne Gegenwehr wollen sich die fossilen Kapitalisten nicht von ihren grenzenlosen Gewinnen verabschieden.

Andreas Malm: Klima|x. Aus dem Englischen von David Frühauf. Matthes & Seitz Verlag Berlin 2021. 263 Seiten. 15,00 Euro. Hier bestellen

Wie man den Berichten dieses Ingenieurs auch entnehmen kann, sägt die fossile Weltwirtschaft spätestens in den 2030er Jahren an dem Ast, auf dem sie sitzt. Wir erfahren von den jahrelangen Versuchen in der Antarktis, das Schmelzwasser unter dem Eis nach oben zu pumpen, um das rapide Abrutschen der Polkappen ins Meer zu verhindern. Hier verwebt Robinson zwei Motive. So wie das Schmelzwasser das Eis an den Polen wie ein Floß vom Festland gen Meer trägt, hat der Kapitalismus die Weltwirtschaft in gefährliche Fahrwasser gebracht. Wenn nun an den Polen mit Mitteln des Geoengeneering daran gearbeitet wird, die Eisdecke wieder auf das Festland aufzusetzen, muss auch das Wirtschaftssystem vom Höhenflug des Raubtierkapitalismus gelöst und auf neue Füße gestellt werden. Ein Aspekt, dem sicher auch jemand wie Andreas Malm etwas abgewinnen kann.

Hier kommt die neue Kryptowährung ins Spiel, die auf Belohnung und Wohlstandsgewinn für jede:n Einzelne:n statt auf Bestrafung und Verzicht weniger setzt. Emissionen werden hier nicht besteuert, sondern Menschen werden mit Carboncoins belohnt, wenn sie Emissionen unterlassen. Eine geniale Idee, bei der Robinson ganz nebenbei die Blockchain-Technologie mit dem System der Zentralbanken versöhnt. Und zumindest im Roman ist es plausibel, warum selbst die Ölstaaten vollständig auf Sonnenkraft um- und die Ölförderung einstellen.

Der demokratische Sozialist Robinson baut in »Das Ministerium für die Zukunft« mit technischer Innovation, revolutionärem Esprit und Optimismus eine postkapitalistisch-gerechtere, CO2-negative Welt. Diese setzt er aus unzähligen Perspektiven zusammen, in denen er wissenschaftliche Erkenntnis, technologische Möglichkeiten, politische Theorie und psychologische Motive plausibel zusammenführt. Augenzeugenberichte weiterer Klimakatastrophen, diplomatische Protokolle, Nachrichten aus aller Welt und literarische Rätselspiele bilden die Teile dieses ebenso aufregenden wie mitreißenden multiperspektivischen Puzzles. Das ist mitunter überladen, aber auch wahnsinnig faszinierend. In einem Kapitel lässt Robinson Klimaaktivisten aus aller Welt auftreten und präsentiert die globalen Herausforderungen und kollektive Lösungsstrategien auf engstem Raum. Das ist visionär, spekulativ ist es nicht.

Cixin Liu: Die Wandernde Erde. Aus dem Chinesischen von Marc Hermann, Johannes Fiederling, Karin Betz. Heyne Verlag 2019. 688 Seiten. 14,99 Euro. Hier bestellen

Robinsons Roman ist Climate Fiction, von der nicht einmal die Generation Greta zu träumen wagt. Was so manche in der deutschen Literatur vermissen, kann die amerikanische hier bieten. Und der Chinese Cixin Liu in seinen SciFi-Werken übrigens auch. Etwa in der Erzählungssammlung »Die Wandernde Erde«, in dem er Geoengeneering, Erderwärmung und die Flucht in neue Welten auf ein bislang nicht dagewesenes Niveau hebt.

»Das Ministerium für die Zukunft« ist Pflichtlektüre für alle, die an Zukunft interessiert sind. Den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung, Lehrkräften und Eltern sei gesagt: Lest dieses Buch! Denn es ist nicht nur sensationell gut geschrieben, sondern zeigt, dass eine lebenswerte Zukunft möglich ist. Wenn man bereit ist, die Konsequenzen aus dem zu ziehen, was wir bereits jetzt wissen. Ansonsten droht Klimaterror.

In der US-Ausgabe des Rolling Stone sagte Robinson, dass sein Roman als Best-Case-Szenario für die Zukunft Mut machen soll. In seinem Roman appelliert die Erzählung selbst an jede:n Leser:in: »Ich bin die Geschichte. Und auf euch kommt es an, ob ich gut werde.«
Andreas Malm geht noch einen Schritt weiter. Er schließt sein als Manifest beworbenes Buch »Wie man eine Pipeline in die Luft jagt« mit Bezug auf die Stürmung des Kohlekraftwerks Schwarze Pumpe mit den Worten: »Es gab eine Zeit für eine gandhianische Klimabewegung; vielleicht kommt auch eine Zeit für eine fanonianische. Schließlich könnte das Einreißen von Zäunen eines Tages durchaus als bloß geringfügiges, vielleicht sogar notwendiges Vergehen angesehen werden.«

1 Kommentare

  1. […] Tatenlosigkeit jener, auf deren Tun man angewiesen ist, greifen auch die »Children of Kali« in Kim Stanley Robinsons Klimawandel-Roman »Das Ministerium für die Zukunft«. Während Robinson allerdings ein Best-Case-Szenario der vor uns liegenden Ära zeichnen will, […]

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