Film

Ein letzter Sommer im Paradies

Die Spanierin Carla Simón erzählt in »Alcarràs« vom Ende einer Pfirsichplantage, die einem Solarpark weichen muss. Sie hat mit ihren kindlichen Laiendarstellern die wohl bezauberndsten Bilder des Festivals eingefangen.

Von der ersten Sekunde an liegt über diesem rührenden Film die warme Farbe der Melancholie. Da sieht man die freche Iris mit ihren beiden Cousins Pere und Pau in einem alten Auto sitzen und spielen. Sie brauchen Benzin, sind auf der Flucht, müssen sich verstecken, es geht um Leben und Tod – wie das Kinder halt so machen, wenn sie ganz in der Fantasie ihres Spiels versunken sind.

Sie besuchen wie jedes Jahre ihren Großvater auf seiner Pfirsichplantage in Alcarràs, einem Dorf in Katalonien. Die ganze Familie ist da und hilft bei der Ernte. Es könnte die letzte sein, denn Roger, der Sohn der Nachbarsfamilie, will dort, wo jetzt noch Pfirsichbäume tragen, einen Solarpark errichten. Das Land gehört seiner Familie, die hatte es Iris’ Großvater zur Verfügung gestellt, weil sie dessen Familie während des Krieges versteckt hat. Doch es gibt keinen Pachtvertrag, so dass die Plantage vor dem Aus steht.

Carla Simón war bereits vor Jahren mit »Fridas Sommer« auf der Berlinale, damals in der Sektion Generationen. Ihr Film wurde als Entdeckung gefeiert. Ihr neuer Film knüpft an diesen Erfolg an, schon allein wegen der wunderbaren Aufnahmen der sich ganz im Hier und Jetzt befindenden Kinder. Sie sind der heimliche Mittelpunkt dieses Films. Was auch immer im nächsten Jahr kommen mag, es interessiert sie nicht. Sie flitzen durch die Baumreihen, bewerfen sich mit dem Salat und den Tomaten aus dem Nachbargarten und bestatten die toten Hasen, nicht ohne sich die Rituale der Saisonarbeiter abzuschauen.

Um sie herum tobt aber ein Konflikt, den sie nicht begreifen können. Gegen die Pläne des Nachbarn kann die Familie nichts ausrichten, sie müssen sich in ihr Schicksal ergeben. Iris Vater Quimet steckt all seine Wut in die Ernte, die Familie zieht er erbarmungslos mit heran. Seine Frau Dolors versucht den Haushalt zu schmeißen, in seinen älteren Kindern wühlt die Pubertät und auf die Schultern der Großeltern drückt die Last des Abschieds.

Quimets Schwager Cisco hat hingegen die Nase voll von dessen Regime, zumal sich mit Solarpanelen mehr Geld verdienen lässt. So geht ein Riss durch die Familie, der sich immer mehr zuspitzen wird. Zugleich protestieren die lokalen Bauern gegen die Preise, die ihnen für ihre Ernte gezahlt werden.

Gedreht ist der Film, wie schon Michael Kochs »Drii Winter«, mit Laiendarstellern. Sie wollte, »dass dieser Film von Landwirten gespielt wird, die diesen Boden bewirtschaften, eine echte Bindung zu ihm haben und die wissen, was es heißt, ihn zu verlieren«, erklärt Simòn. Dazu das natürliche Spiel der Kinder, die agieren, als gäbe es keine Kamera.

Thematisch ist »Alcarràs« etwas überladen, alles Drama der Welt scheint hier zusammenzufallen. Globalisierung trifft auf Familienkonflikt, Kindheit auf Lebensabend, nachhaltige Energiegewinnung auf Ökolandwirtschaft. Es hätte nicht all das gebraucht.

Dennoch gehört dieser Film zu den bewegendsten des Wettbewerbs. Es ist keine heile Welt, der man hier begegnet. Mit dem unbeschwerten Blick der Kinder betrachtet ist es dennoch ein Paradies, dessen Ende dieser Film unaufhaltsam entgegenläuft. Carla Simóns Film ist eine Hommage an eine untergehende Welt. Das ist das eigentliche Drama, das sich in Orten wie Alcarràs vollzieht.

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