Film

Tollhaus Berlin

Dominik Graf hat Erich Kästners Moralistenroman »Fabian« verfilmt. In seinem dreistündigen Kaleidoskop zeigt er, wie es mit der Menschlichkeit Anfang der 30er zugrunde ging.

Eine 16-jährige Göre hat eine Bande im Wedding gegründet, um die Männer, die ihr in ihre Decken folgen, auszunehmen. Zehn Jungs, die alle schon mit ihr das Bett geteilt haben, unterstützen sie dabei. Als ein Mann dabei ums Leben kommt, nimmt die Berliner Polizei die Weddinger Bande hops. »Und nun frage ich Sie: Hat die Welt überhaupt Talent zur Anständigkeit?« fragt der Werbetexter und Literat Jakob Fabian, nachdem er seiner Vermieterin den entsprechenden Zeitungsbericht vorgelesen hat.

Mit dieser eindrücklichen Szene beginnt Dominik Grafs grandios besetzte Literaturverfilmung »Fabian oder Der Gang vor die Hunde«. Gespielt wird Kästners Vorzeigehumanist Jakob Fabian von Tom Schilling, der die Prinzipienfestigkeit seines Charakters trotz aller Erschütterungen wunderbar vor die Kamera bringt. An seiner Seite glänzen Albrecht Schuch als Freund und Lebemann Stephan Labude, Saskia Rosendahl als verletzlich-ruhmsüchtige Pensionsgeliebte Cornelia Battenberg und Meret Becker als ebenso gerissene wie hinreißende Millionärsgattin Irene Moll.

»Fabian oder Der Gang vor die Hunde« von Dominik Graf | © Hanno Lentz / Lupa Film

Die vier Figuren schultern im Wesentlichen Kästners Erzählung, die Liebes-, Stadt- und Gesellschaftsgeschichte in einem ist. Sie handelt von einem, der auszog, den Anstand zu suchen und den Verfall zu finden. Drei Stunden lang begleiten wir Fabian auf seiner Reise durch das Berlin der letzten Tage der Weimarer Republik. Wir ziehen durch die windigen Etablissements, in denen sich die Hautevolee frivol vergnügt, streifen durch die Filmstudios in Babelsberg, wo Träume gemacht werden, und beobachten an der Universität, wie die Nazis die Leuchttürme des Wissens einreißen. Grafs Film verschafft aber auch Zutritt zu den Arbeiterpensionen und Villen der gemachten Bonzen, führt uns an die Seen im Berliner Umland bis nach Dresden, wo der Schokoladen-Laden der Fabians steht. Die Aufnahmen von Hanno Lentz gehen nah dran und dann wieder auf Distanz. Wo es nur geht, fängt Lenz die architektonischen Zeichen der Zeit ein.

Letztlich ist Kästners autobiografischer Roman, der als einer der bedeutendsten der Weimarer Republik gilt, aber ein Berlin-Roman, durch das es Fabian ständig treibt. Grafs Film verschweigt nicht den restlichen Glanz der Goldenen Zwanziger, zeigt aber vor allem den Wahnsinn, der die von Massenarbeitslosigkeit zu Boden gedrückte Stadt längst ergriffen hat. Oder wie es im Film heißt: »Hinsichtlich ihrer Bewohner ist diese Stadt aus Stein längst ein Irrenhaus.« Dieses Irrenhaus, seine Bewohner sowie Fabian und seine engsten Vertrauten werden alle auf andere Weise vor die Hunde gehen.

Der Film beginnt im heute, mit einer einfahrenden U-Bahn und Menschen, die zur Arbeit, Uni oder Kindergarten eilen. Doch schon, wenn sie die Treppe hinaufgehen, dreht Graf an der Uhr. Kaum erreicht die Kamera das Tageslicht, befinden wir uns im Jahr 1931 und nehmen Fabian in den Blick, der erst in den Abgrund des U-Bahn-Schachts und dann ins gleißende Sonnenlicht schaut. Dann taucht vor ihm eine Fratze auf, die ihm »Dieser verdammte Krieg« entgegen nuschelt. Heute, gestern, vorgestern – alles ist in diesem Film miteinander in Verbindung. Später treten die Protagonisten aus einer Haustür, am Boden Stolpersteine. Ein unmissverständlicher Hinweis, dass dieser Film nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch von der Gegenwart handelt.

»Fabian oder Der Gang vor die Hunde« von Dominik Graf | © Hanno Lentz / Lupa Film

»Fabian oder Der Gang vor die Hunde« funktioniert wie ein Kaleidoskop, an dem Graf immer wieder dreht. Historische Aufnahmen, Zeitungsausschnitte, Fotografien und nicht zuletzt Passagen aus Kästners Roman geben der inszenierten Erzählung eine zusätzliche Ebene. Dokumentarisches und Fiktives fließen zusammen und bilden eine Geschichte, die den gleichen grundsätzlichen Ansprüchen genügen soll wie Kästners avantgardistische Vorlage. Der will Graf auch insofern nachkommen, als das sein Film nicht nur so lang ist, wie die Lektüre des Romans dauert, sondern auch formal Grenzen sprengt. Schwarz-Weiß- und Farbfilm, Stumm- und Tonfilm, körnige Super-8-Bilder und gestochen scharfes HD-Format wechseln sich hier in einem atemlosen Rhythmus ab, gehen ineinander über, überschlagen sich zum Teil sogar. Das passt geradezu kongenial zur Zeit, die hier vielschichtig abgebildet wird.

Für die einen war Berlin am Ende der Weimarer Republik ein flirrendes Tollhaus, für die anderen Sodom und Gomorrah. Diese anderen haben sich nach Ordnung gesehnt, bekommen haben sie Hitlers Faschisten. Verstanden haben das nur wenige, Kästner gehörte dazu. »Das man lebt ist purer Zufall. Dass man stirbt hingegen gewiss«, hinterlässt Labude in seinem Roman dem Freund Fabian. Dann setzt er sich den Revolver an den Kopf, weil er ein »in den Fächern Liebe und Beruf durchgefallener Menschheitskandidat« sei und ihm der Weg, den diese Gesellschaft eingeschlagen hat, nicht gefällt. »Fabian oder Der Gang vor die Hunde« lässt uns besser verstehen, wie es dazu kommen konnte.