Film

Asiatisches Autorenkino und Filmklassiker im Streaming

SABU alias Hiroyuki Tanaka ist der japanische Meister des Autorenkinos. Sonst nur kurze Zeit in ausgewählten Kinos zu sehen, kann man seine drei jüngsten Filme aufgrund der Corona-Krise nun im Heimkino genießen. Das Filmlabel Rapid Eye Movies bietet sie neben vielen anderen asiatischen Filmperlen als VoD an.

Seinen Künstlernamen hat Hiroyuki Tanaka aus seiner Karriere als Schauspieler – er spielte unter anderem den im Rollstuhl sitzenden Polizisten Ren Osugi in Takeshi Kitanos Meisterwerk »Hana-Bi« – auf den Regiestuhl hinübergerettet. Der Japaner ist unter dem Pseudonym SABU ein beliebter Gast bei Filmfestspielen weltweit. Im letzten Jahr räumte er beim Filmfestival in Moskau ab, bei der Berlinale war er 2017 mit seinem Drama »Mr. Long« und 2015 mit »Chasukes Journey« im Wettbewerb vertreten.

»Mr. Long«, den man jetzt als Video on Demand (VoD) bei Rapid Eye Movies streamen kann, erzählt die Geschichte eines taiwanesischen Yakuzi, bei dessen letztem Auftrag in Japan etwas schief geht. Er überlebt knapp und muss nun das Geld für seine Rückkehr auftreiben. Er flieht in eine heruntergekommene Vorstadt, wo ihn ein kleiner Junge im wahrsten Sinne des Wortes rettet. Und er rettet den Jungen und seine von Drogen abhängige Mutter. Ein anderes Leben eröffnet sich ihm, als er beginnt, eine Straßenküche erfolgreich zu betreiben. Doch die Vergangenheit holt ihn ein.

SABU: Mr Long from Rapid Eye Movies on Vimeo.

Sabu erzählt in seinen Filmen oft von einfachen Menschen in ungewöhnlichen Situationen. Das gilt auch für die ebenso skurrile wie überraschende Erzählung »Happiness«, in dem Kanzaki mit einer selbstgebauten Glücksmaschine im Gepäck in einem verschlafenen japanischen Ort ankommt. Dort spricht sich schnell herum, dass die seltsame Konstruktion des sympathischen Fremden die schönsten Erinnerungen wachruft und die Leute erwachen aus ihrer Lethargie. Sie wollen mit seiner Hilfe längst vergangene Zeiten wach rufen und machen ihn gar zum Ehrenbürger, nicht wissend, dass die Maschine auch ein dunkles Geheimnis in sich trägt. »Happiness« ist eine Reflexion über die Flüchtigkeit des Glücks, das Sabu in vielen kleinen Anekdoten liebevoll illustriert. Allein dafür lohnt sich dieser schräge Film (hier streamen) über seltsame Menschen, an dessen Ende es zu einer überraschenden, wenn auch konsequenten Wende kommt.

SABU: Happiness from Rapid Eye Movies on Vimeo.

Zuletzt hat Sabu, von der hiesigen Kritik weitgehend unbemerkt, beim Filmfestival in Moskau den Hauptpreis mit einer schwarzen Komödie abgeräumt. »Jam« handelt von Hiroshi, Takeru and Tetsuo sind vom Schicksal gebeutelt. Der eine ist ein gescheiterter Popstar, dem anderen hängt die Mafia im Nacken, die noch eine Rechnung offen hat, und der dritte hofft mit guten Taten das Schicksal zu beeinflussen und seine Freundin aus dem Koma zu holen. Klingt crazy, ist es auch, aber dabei höchst unterhaltsam. Und dass dabei Japans bekannteste Schauspielcrew Gekidan EXILE mitwirkt, macht den Film (hier streamen) zu einem actionreichen Vergnügen.

SABU: Jam from Rapid Eye Movies on Vimeo.

Das Kölner Filmlabel Rapid Eye Movies hat sich auf asiatische Filme spezialisiert, die Filme von SABU sind daher nicht die einzigen Kinoperlen aus der Region. So kann man im neu eingerichteten VoD-Kanal auf Vimeo auch Kim Ki-duks »The Isle« (hier streamen), die restaurierte Version von Eiichi Yamamotos Animé-Klassiker »Belladonna of Sadness« (hier streamen), Takashi Miikes Horrorklassiker »Audition« (hier streamen) oder Apichatpong Weerasethakuls ungewöhnliches Drama »Cemetery of Splendour« (hier streamen) ausleihen, aber auch Christopher Doyles »Hong Kong Trilogy« (hier streamen) oder Paul Schraders Biopic »Mishima – Ein Leben in 4 Kapiteln« (hier streamen).

Dazu kommen einige Indie-Filmperlen ohne asiatischen Bezug wie Richard Billinghams autobiografisch motiviertes Sozialdrama »Ray & Liz« (hier streamen) oder die Musikdokumentationen »Chilly Gonzales – Shut Up And Play The Piano« von Philipp Jedicke (hier streamen), »Nick Cave – 20,000 Days On Earth« von Iain Forsyth und Jane Pollard (hier streamen) oder Malik Bendjellouls »Searching For Sugar Man« (hier streamen).

Die Maßnahmen anlässlich der Corona-Pandemie werden nachhaltig unseren Alltag verändern. Die Kinos sind wie alle Kultureinrichtungen besonders von der Krise betroffen. Bei ihnen ist allerdings mehr als bei Museen oder Clubs fraglich, ob das Publikum, das jetzt mit Streaming-Angeboten abseits des Mainstreams verwöhnt wird, jemals in dem Maße zurückkommen wird wie zuvor. Denn sind die Möglichkeiten der Direktvermarktung durch Streaming und Video on Demand durch die Produktionsfirmen und Verleihe erst einmal etabliert – und genau das passiert derzeit –, ist die Büchse der Pandora für die Kinos geöffnet. Zumindest wen es um das internationale Kino abseits der deutschen Filmförderung geht, die zumindest noch so etwas wie eine Kinopflicht vor der Onlinevermarktung vorsieht. Ob sich das halten lassen kann, bleibt abzuwarten. So lange bleibt nur, an die Besonderheit des Kinobesuchs zu erinnern, an das Dunkel des Raums, die gespannte Stille, mit der sich eine Welt vor dem eigenen Auge entfaltet, in die man gemeinschaftlich ganz versinkt. Der Umstand, das nun Filmperlen in die Wohnzimmer gespült werden, ist ein trügerisches Glück. Nichts spricht dagegen, es zu genießen, wenn wir danach wieder in die Kinos zurückkehren, für die diese Filme gedreht wurden.

2 Kommentare

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