Film, Kino

Ein Ort für Kings, Queens und Suchende

Elisa lebt ihre Pansexualität in KitKat aus | © Avanti Media Fiction

Philipp Fussenegger und Susanne Heuer haben einen Film über den legendären KitKatClub im Herzen Berlins gedreht. Darin begleiten sie einige Stammgäste und zeigen das hedonistische Treiben im Club. Die Schattenseiten des hedonistischen Tempels beleuchtet der Film nur halbherzig.

Wenn sich Tim alias Raven van Krueger für das KitKat fertig macht, dauert das schon ein paar Stunden. In den Club geht er nur in Drag, er strebt dem Rampenlicht entgegen. Doch je höher er fliegt, desto tiefer ist der Fall am Morgen danach. Auch Oli und Foxi brauchen etwas Zeit zur Vorbereitung. Oli ist Herrchen und Partner des kleinen Fuchses an seiner Seite. DogPlay ist eine Form des Rollenspiels, die in der schwulen Community stark vertreten ist und auch im KitKat ihren Platz hat. Die Bezüge zum BDSM sind offensichtlich, es geht um die Balance zwischen Unterwerfung und Hingabe, Auslieferung und Zärtlichkeit.

Philipp Fussenegger: Kinks of Berlin. Farbfilm Verleih 2026. 101 Minuten. FSK 18.

Das wird auch bei Vici und Marvin deutlich, die im Club ausleben, was im Alltag keinen Platz hat. Da ist Vici entschlossene Businessfrau und Marvin stärkt ihr den Rücken. Doch sobald sie ihr Lederhalsband anlegt, dreht sich ihr Verhältnis. Die selbstsichere Elisa lebt im KitKat nicht einfach nur ihre pansexuellen Neigungen aus. Für sie ist die Szene ein Hort der Freiheit, der Selbstentfaltung, des Lebens. Das gilt auch für die Performance-Künstlerin Hottie, die mit ihrer erotischen Kunst für Selbstbestimmung und Bodypositivity eintritt.

Hottie mit ihrer Freundin Jorieke | © Avanti Media Fiction
Hottie mit ihrer Freundin Jorieke | © Avanti Media Fiction

Philipp Fusseneggers »KitKatClub – Kinks of Berlin« schaut hinter die Kulissen des verruchtesten Berliner Clubs und ins Leben seiner illustren Gäste. Wenngleich die in all ihrer Vielfalt einzufangen gar nicht mehr so einfach ist, seit nicht nur Menschen aus der Szene den Club besuchen, sondern sexpositives Feiern zum Trend geworden ist. Seit Sam Taylor-Johnson 2015 mit seiner Verfilmung von E.L. James »Fifty Shades of Grey« den Sado-Masochismus in alle Wohnzimmer geholt hat, steigen auch die Besucherzahlen des KitKat. Im Sommer bildet sich schon mal eine mehrere hundert Meter lange Schlange mit leicht bekleideten Menschen vor der Tür des Clubs.

Kinks seien Menschen, »die sich im sexuellen Kontext fernab der Norm bewegen«, sagte Filmemacher Philipp Fussenegger im Interview mit der Berliner Zeitung. Das mag helfen, um von außen diejenigen, die ein Lederhalsband mit Nieten als modisches Accessoire tragen, von jenen zu unterscheiden, die damit ein identitätsstiftendes Statement setzen.

Ollie mit seinem Partner Foxi | © Avanti Media Fiction
Ollie mit seinem Partner Foxi | © Avanti Media Fiction

Im Club selbst scheint das nicht nötig, zumindest nicht bei jenen, die Fussenegger mit seiner Kamera begleitet. Zugleich sind sie auch in ihren jeweils eigenen Cliquen unterwegs, die große Offenheit, für die der Club so oft im Gespräch ist, wird nur selten sichtbar. Etwa wenn man die individuelle Ebene verlässt und die Kamera von Dino Osmanović aus größerer Distanz das Treiben im Club einfängt. Dennoch kann man sagen, dass der Schwarz-Weiß-Film exklusive Einblicke in einen Club bietet, aus dem eigentlich nichts nach außen dringen soll.

Wer darin einen Skandal sieht, kennt die Anfänge des KitKat nicht. Gründer Simon Thaur hat unzählige Gonzo-Pornos in seinem Club gedreht, Besucher:innen wurde vorab immer empfohlen, entsprechend maskiert oder gar nicht zu kommen, wenn sie nicht als Zaungast oder Objekt der Begierde erkannt werden wollten. Lange Zeit haben diese Filme das KitKat finanziert.

Die wechselhafte Geschichte des Clubs, seine zahlreichen Umzüge – vom legendären Metropol-Theater in Schöneberg ging es in das historische Industriegebiet an der Grenze zwischen Neukölln und Tempelhof und von dort in den Sage-Club in Berlins Mitte – spielt in der Dokumentation keine Rolle. Dabei ist das KitKat seit mehr als dreißig Jahren Anlaufpunkt der hedonistischen Gemeinde.

Elisa beim Fotoshooting mit einem Freund | © Avanti Media Fiction
Elisa beim Fotoshooting mit einem Freund | © Avanti Media Fiction

Der Film nähert sich über seine Gäste dem Phänomen des kinken Lifestyles. Es sind im weitesten Sinne Freigeister, die mal mehr, mal weniger in sich ruhen. Die Bilder sind explizit, reichen von nackter Haut bis zur Gruppenorgie, ohne vulgär oder voyeuristisch zu sein. Die Schwarz-Weiß-Optik stellt hier eine künstlerische Distanz bei allzu großer Nähe her, der Effekt erinnert an klassische Aktfotografie. Der Sound ist oft drängend, greift die Hitze und das Tempo im Club auf, kippt aber auch schon mal ins explizit Schmerzhafte, wenn wir auf der Tonspur Zeuge eines Intimpiercings werden.

Bis heute umgibt den Club eine exklusive und schwer zu greifende Atmosphäre. Einmal drin ist man Teil einer schwer definierbaren Gemeinschaft, die sich im Geschlossenen offen gibt, die exklusive Nicht-Exklusivität als Lifestyle zelebriert und die Normalität des Alltags mit außergewöhnlichen Nächten aufbricht.

Vici und Marvin machen sich fertig | © Avanti Media Fiction
Vici und Marvin machen sich fertig | © Avanti Media Fiction

Dieses Konzept gerät jedoch ins Wanken, sobald der Rausch das Steuer übernimmt. Das Thema Drogen und ChemSex bildet »Kinks of Berlin« ab, ohne es zu hinterfragen. Möge sich jeder selbst eine Meinung bilden. Fussenegger, der zuletzt mit seiner Dokumentation »Teaches of Peaches« weltweit auf sich aufmerksam gemacht hat, will seine Protagonisten nicht verraten. Man kann das verstehen.

Die Abhängigkeit des Filmemachers von seinen Protagonisten wird an anderer Stelle aber zum Problem. Im vergangenen Jahr erhob eine junge Frau den Vorwurf, bei einer Party im KitKat vergewaltigt worden zu sein. Als sie sich an das Personal wandte, passierte ihrer Aussage nach nichts. »Consent«, also Zustimmung, ist das A und O in der sexpositiven Szene. Dass man sich in einem sexpositiven Club nicht darauf verlassen kann, dass sich alle daran halten, ist kein kleines Problem. Im Film wird der Fall nicht einmal offen ausgesprochen.

Drag Raven van Krueger im KitKatClub | © Avanti Media Fiction
Drag Raven van Krueger im KitKatClub | © Avanti Media Fiction

Stattdessen zeigt er einige Besucherinnen, die sich über ihre Erfahrungen mit Consent und Grenzüberschreitungen im Club unterhalten. Man muss die Vorwürfe kennen, um diese Gespräche einordnen zu können. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Vorwürfen oder gar Konfrontation des Betreibers findet nicht statt.

Der darf sich hingegen als Macho alter Schule selbst inszenieren. Hier zeigt sich, dass im KitKat nicht nur die sexpositive und queerfeministische Bewegung zuhause ist, sondern auch der toxische Maskulinismus. Er reicht von Rammstein-Sänger Till Lindemann als regelmäßiger Party-Gast über queerfeindliche Vorfälle bis hin zu den Türstehern aus dem rechtsextremen Milieu. In Fusseneggers Film findet all das nicht statt. »Kinks of Berlin« wirft das Licht auf das Publikum des KitKat, für die dunklen Ecken des Clubs interessiert sich der Film nicht.

Thaur – ein Macho alter Schule | © Avanti Media Fiction
Thaur – ein Macho alter Schule | © Avanti Media Fiction

Kink zu leben erfordert eine Klarheit über das eigene Begehren, aber auch über die eigenen Limits. Über Zustände schlussendlich, die offen für Übergänge sind und mitunter dem Moment obliegen. Wer meint, dass das zu unumstößlichen Positionen führt, wird hier eines Besseren belehrt. Kink zu leben ist ein ständiger Prozess, eine Zumutung, für sich und andere, in der das Wort Mut besondere Betonung findet. Mut sich auf das Neue und Unbekannte einzulassen, wenn man Lust darauf verspürt. Die »Kinks of Berlin« sind deshalb nicht nur Kings und Queens ihrer eigenen Lust, sondern auch permanent Suchende in einer Welt der unendlichen Möglichkeiten.