Die zentralen Probleme moderner Gesellschaften sind nicht primär Verteilungsprobleme, sondern Angebotsprobleme, sind sich der Politikexperte Ezra Klein und Wirtschaftsjournalist Derek Thompson sicher. In »Der neue Wohlstand« erklären sie, warum es für eine bessere Zukunft weniger korrekte Verfahren und mehr konkrete Ergebnisse braucht.
Was für ein Buch. Keine Jammerschrift. Kein Buch mit der Botschaft, die besten Jahre seien längst vorbei – Vorwärts in die Vergangenheit. Nein, Ezra Klein und Derek Thompson schreiben das Buch der Stunde. Wir haben alles, wir haben so viel, lasst uns endlich daraus etwas machen! So viel Optimismus wirkt ansteckend und deshalb greift man die Kritik, die die beiden Autoren anführen, bereitwillig auf. Na, klaro haben wir einiges zu verbessern, natürlich gibt es etliche Probleme, aber sie sind lösbar. Das Beste ist: Wir können sie lösen.
Schon der englische Titel steckt das Programm des Buches ab: Abundance. Kein Mangel, keine Umverteilung von wenig zu nichts – oder von wenig zu viel. Sondern Überfluss. Oder wie es der deutsche Titel benennt: Der neue Wohlstand.

So mutig haben politische Intellektuelle der linken Mitte schon lange nicht mehr gedacht. Die zentralen Probleme moderner – westlicher – Gesellschaften sind nicht primär Verteilungsprobleme, sondern Angebotsprobleme. Es fehlt nicht an Geld oder politischen Absichten, sondern an Wohnungen, Energie, Infrastruktur, Innovationen und – vor allem – staatlicher Umsetzungskraft.
Verfasst haben dieses atemraubende Buch Ezra Klein und Derek Thompson, zwei renommierte Journalisten, die man guten Gewissens auf der linksliberalen Seite der Macht verorten kann. Ezra Klein ist einer der bekanntesten US-amerikanischen politischen Journalisten und Kommentatoren. Er arbeitet als Kolumnist bei der New York Times und betreibt seinen eigenen, sehr einflussreichen Podcast, der seinen Namen trägt. Derek Thompson ist Wirtschaftsjournalist und langjähriger Autor des US-Magazins The Atlantic. Er beschäftigt sich vor allem mit Fragen des Wirtschaftswachstums, technologischen Wandels, der Innovation und Produktivität.
Mit »Der neue Wohlstand« haben die beiden Autoren einen Gegenentwurf zur heutigen Politik der Knappheit vorgelegt. Ihr Ideal ist ein »Liberalismus, der schafft«. Der Staat soll nicht lediglich umverteilen und regulieren, sondern die Fähigkeit zurückgewinnen, Wohlstand aktiv hervorzubringen. Die Anleihen an Mariana Mazzucato und ihrem Konzept eines entrepreneurial state ist dabei unübersehbar.
Klein und Thompson sind keine linken Idealisten, die sich auf ein Wolkenkuckucksheim vorbereiten. Nein, die Autoren kritisieren hart. Ihre Kritik gilt Konservativen, die den Staat über Jahrzehnte geschwächt haben, genauso wie Progressiven, die dem Staat mit Verfahren, Kontrollmechanismen und Regulierungen Fesseln angelegt haben.
Ob es nun Verachtung gegenüber dem Staat ist oder tiefes Misstrauen, Rechte wie Linke haben eine Situation geschaffen, in der zwar viele politische Ziele formuliert, aber immer weniger umgesetzt werden. Bezahlbarer Wohnraum wird ebenso angekündigt wie saubere Energie, eine funktionierende Infrastruktur wie die Transformation der Wirtschaft mit guten Jobs und fairen Gehältern. Die Frustration der Wähler:innen speist sich aus den Ankündigungen und Versprechungen, aus denen nichts wird. Politik als Deklamationsmaschine, aber nicht als Problemlöserin. In den Jahren seit der Corona-Krise und dem Angriff Russlands auf die Ukraine liegen die Dysfunktionalitäten auch in der deutschen Politik wie Administration offen auf dem Tisch.
Statt in den Chor der Miesepetrigen einzustimmen, stellen Klein und Thompson die entscheidende Frage, wie wir mehr von dem schaffen, was gesellschaftlich knapp geworden ist. Und neben der harten Kritik, zu der die beiden Autoren fähig sind, stellen sie immer wieder die Fähigkeiten, die Talente, die Expertise, die Kreativität, den Mut und die Freude, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, in den Mittelpunkt. Und davon gibt es jede Menge.
Städte als Wohlstandsmaschinen
Ein wesentlicher Teil des Buches beschäftigt sich mit der Rolle von Städten. Zurecht. In seinem spektakulären Buch »Metropolen« schreibt Ben Wilson, dass die Geschichte der Menschheit im Kern die Geschichte der Städte ist. Sie sind, so Wilson, die wichtigste Erfindung der Menschheit, weil sie Menschen, Ideen, Kapital und Kultur verdichten und dadurch Innovation, Wohlstand und gesellschaftlichen Fortschritt hervorbringen. Anfang der 2000er Jahre hatte Richard Florida in seinen Büchern »The Rise of the Creative Class« und »Cities and the Creative Class« die Themen Innovation und städtische Verdichtung zusammengeführt und sie in die drei T’s gebündelt: Talent, Technololgy and Tolerance.





Klar ist auch für Klein und Thompson, dass Städte die zentralen Lösungsräume für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bleiben. Dafür greifen die Autoren auf die Arbeiten von Ed Glaeser zurück. Glaeser zufolge schafft räumliche Nähe Innovation. Städte sind demzufolge Motoren von Kreativität und Produktivität. Und große Metropolregionen erzeugen deutlich höhere Wertschöpfung. Kurzum: Die wirtschaftliche Stärke moderner Volkswirtschaften entsteht daher vor allem in Städten.
In allen großen Städten der Welt gibt es jedoch eine große Wachstumsbremse und sie heißt Wohnungsmangel. Insbesondere in attraktiven Städten steigen die Wohnkosten stark an, werden Zuziehende verdrängt und sinkt die soziale Mobilität. Das Fatale daran: Es wird ein historischer Mechanismus des Aufstiegs zerstört: Menschen können nicht mehr dorthin ziehen, wo die besten Chancen entstehen und wo für sie die größten Chancen wären. Wohnungsnot ist für Klein und Thompson deshalb in erster Linie ein Angebotsproblem, nicht ein Einkommensproblem.
Nun hatten aufstrebende Städte und Metropolen immer wieder das Problem, genügend Wohnraum anbieten zu können. Die Autoren fragen sich aber, warum moderne Gesellschaften verlernt haben zu bauen. Ihre Erkenntnis und ein zentrales Motiv des Buches lauten, dass westliche Gesellschaften früher Wohnraum, Staudämme, Autobahnen, Stromnetze und Universitäten bauten. Heute bauen sie vor allem Verfahren. Diese Entwicklung benennen sie mit dem Paradox des modernen Liberalismus.
Dabei ist diese Entwicklung auf eigentlich begrüßenswerte Entwicklungen zurückzuführen, nämliche auf die Umwelt- und Beteiligungsgesetze der 1970er-Jahre. In dem sie den Schutz der Natur, den Schutz von Bürgerrechten und Kontrolle staatlicher Macht im Blick hatten, verfolgten sie legitime und unterstützenswerte Ziele. Nach einem Jahrhundert Praxis erkennen wir jedoch heute, dass dieselben Instrumente heute notwendige Modernisierungsvorhaben blockieren. Weder werden genügen Windparks noch Stromtrassen gebaut, weder werden Eisenbahnprojekte realisiert noch entstehen neue Wohnungen.
Wir leben aktuell in einer politischen Kultur der permanenten Verzögerung, wir sind in einer Verfahrensfalle gefangen. Eine Verfahrensfalle, dominiert von einem juristischen Denken, das den Erfolg am korrekten Verfahren misst und nicht an konkreten Ergebnissen. Da Zeit kein Faktor ist in diesem Spiel, ist es inhärent angelegt, dass Bauzeiten explodieren, Kosten steigen und öffentliche Großprojekte häufiger scheitern.
Klein und Thompson begreifen dies auch als die Krise staatlicher Handlungsfähigkeit. Aufgrund dieser Handlungsunfähigkeit muss der Staat dringend die einstmals vorhandene Fähigkeit wieder aufbauen, Entscheidungen zu treffen, Projekte umzusetzen und öffentliche Güter bereitzustellen. Dies verstehen die Autoren unter state capacity. Damit ist nicht die Frage berührt, ob man mehr Staat oder weniger Staat benötige, sondern ob der Staat liefern kann. Nicht seine Größe ist entscheidend, sondern die Wirksamkeit seines Handelns.
Seine Wirksamkeit zeigt sich auch in der technologischen Innovationsfähigkeit der Wirtschaft und Gesellschaft eines Staates. Klein und Thompson sind moderne Linke, die sich gegen eine Politik wenden, die sich fast ausschließlich auf Verteilung konzentriert. Ihre Argumente lauten, dass ohne technologischen Fortschritt der Wohlstand einer Gesellschaft stagniert und dass Innovationen die Möglichkeiten gerechter Politik erweitern.
Dem Staat ist damit die Rolle als Innovator eingeschrieben. Und wenn man nur ein wenig in die jüngste Geschichte zurückschaut, wird man die Erfolge staatlicher Forschung rasch erkennen. Ohne staatliche Programme gäbe es heute kein Internet, keine Halbleiter, keine Raumfahrt, keine Biotechnologie, keine mRNA-Impfstoffe. Der Gegensatz »Markt gegen Staat« ist historisch falsch und längst widerlegt. Technologische Durchbrüche entstehen häufig durch die Verbindung von staatlicher Risikofinanzierung und privatem Unternehmertum. Weder ein Staat noch Steve Jobs allein hätten das iPhone geschaffen.
Klar ist aber auch: Innovationen allein reichen nicht. Eine der am stärksten betonten Einsichten des Buches lautet, dass Fortschritt nicht nur durch Erfindungen entsteht, sondern durch deren Umsetzung. Zwar ist »Abundance« aus einer US-Perspektive geschrieben, die Analyse ist aber eins zu eins auf Deutschland und Europa zu übertragen. So klagen die Autoren, dass die USA zwar weiterhin exzellent bei wissenschaftlichen Durchbrüchen seien, sie seien aber schlechter geworden, diese Durchbrüche in der Industrie und in der Produktion einzusetzen oder sie zur Skalierung zu nutzen.
Da dieses Problem offensichtlich eines aller westlichen Gesellschaften ist, ist ein neues Konzept gefragt. Klein und Thompson plädieren für einen Engstellen-Ermittler und identifizieren für diese Aufgabe den Staat. Er soll als bottleneck finder Engpässe identifizieren, Hindernisse beseitigen und somit Innovationen beschleunigen. Als Beispiele nennen die Autoren verbindliche Zusagen, Produkte abzunehmen (sog. advance market commitments), staatliche Beschaffung, gezielte Infrastrukturpolitik und die Förderung neuer Energietechnologien.
Als anschauliches Beispiel nennen die Autoren die Klimapolitik. Das Klima sei nicht allein durch Verbote, durch Verzicht oder durch Umverteilung zu retten. Benötigt werde ein rasanter Ausbau und Aufbau massiver Mengen sauberer Energie, von Stromnetzen, von Speichersystemen wie Batterien, für neue und innovative Technologien und vor allem durch schnellere Genehmigungsprozesse. Klimapolitik wird aus dieser Perspektive zu einer Frage des Bauens und Produzierens.
Dass der US-amerikanische Staat seine state capacity und Handlungsfähigkeit wiedergewinnt, sei eine Konsequenz der strategischen Herausforderung Chinas. China erscheint dem Westen häufig als handlungsfähiger bei Fragen der Infrastruktur, der Energie und der Industriepolitik. Die USA, Europa, Deutschland, der Westen erschienen vor der chinesischen Folie zwar meist weiterhin als innovationsstark, hätten aber zunehmend Schwierigkeiten, ihre Innovationen umzusetzen und technologische Fortschritte zu implementieren.
Der politische Wettbewerb der Systeme zwischen freiheitlicher Demokratie und autoritären Oligarchien werde in Zukunft vor allem ein Wettbewerb um staatliche und gesellschaftliche Umsetzungskraft sein, sind sich Klein und Thompson sicher. Die Input-Legitimation von Demokratien werde unterminiert, wenn sie an ihrer Output-Legitimation scheitert. Die Legitimität, die Anerkennung und die Unterstützung einer Regierung hänge eben auch davon ab, ob sie Sicherheit, Wohlstand, Infrastruktur oder andere öffentliche Güter erfolgreich bereitstellen kann. Die Legitimation durch Verfahren allein wird zukünftig nicht mehr ausreichen.
In »Der neue Wohlstand« plädieren Klein und Thompson für einen Paradigmenwechsel. Sie fordern eine Politik, die sich nicht nur mit der Verteilung knapper Güter beschäftigt, sondern eine, die aktiv Wohlstand schafft. Dieser neue Wohlstand beruht auf vier Säulen:
- Mehr bauen und das umfasst Wohnungen, Infrastruktur und Energieanlagen.
- Mehr erfinden, indem Forschung und Technologie stärker gefördert werden.
- Mehr umsetzen, um staatliche Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.
- Mehr produzieren, statt sich damit zufrieden zu geben, Knappheit zu verwalten.
Für Klein und Thompson lautet die zentrale politische Frage des 21. Jahrhunderts, wie wir Überfluss an den richtigen Dingen schaffen. Es geht um die gesellschaftliche Fähigkeit, Zukunft praktisch zu bauen. Er geht um einen Liberalismus, der schafft.

