Literatur, Roman

»DieLücken« von Shida Bazyar ist der Roman des Jahres

© Thomas Hummitzsch

Shida Bazyar wurde am Abend im Frankfurter Römer für ihren dritten Roman »Die Lücken« mit dem Deutschen Buchpreis 2026 ausgezeichnet. Kaleidoskopisch verarbeitet Bazyar darin die verdrängte und vertuschte Geschichte ihrer Heimatstadt aus postmigrantischer Perspektive.

»Heimisch in Heimesbach, kann man das sein?«, fragt die Jury für den Deutschen Buchpreis 2026 in ihrer Begründung zur Entscheidung, »Die Lücken« als besten Roman des Jahres auszuzeichnen. Sie loben dann die »überzeugenden literarischen Strategien«, die enge Führung von fiktiven und dokumentarischen Elementen, von erfundenen und echten Figuren in dieser kaleidoskopischen Geschichte eines Ortes, dessen Bewohner sich schuldig gemacht haben und schuldig machen.

Shida Bazyar: Die Lücken. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2026. 512 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen https://www.kiwi-verlag.de/buch/shida-bazyar-die-luecken-9783462005011
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In der Frage der Jury steckt schon die Grundfrage des Romans, der zeigt, wie viele hier heimisch waren und es ihr Leben lang bleiben konnten, zum Preis, darüber zu schweigen, was hier im Dritten Reich geschehen ist. Denn als Gaumusterdorf war Heimesbach, angelehnt an Bazyars hessischen Geburtsort Hermeskeil, als einer der ersten Orte »judenfrei«. Wie leichtfertig sich Kollegen, Freunde und Nachbarn gegen ihre jüdischen Arbeitgeber, Freunde und Nachbarn entschieden, wie nonchalant sie in der Reichspogromnacht und bei den Deportationen weggeschaut und wie ohrenbetäubend sie nach dem Krieg ihre eigene Schuld beschwiegen haben, davon erzählt Shida Bazyar in ihrem monumentalen Roman.

Eine tote Erzählerin ermöglicht es ihr, zwischen Orten und Zeiten zu wechseln und einzufangen, was diesen Ort in diesem Moment der Weltzeit prägt. An die Stelle einer linearen Erzählung setzt Bazyra ein Mosaik aus Orten, Stimmen und Perspektiven. Lauschte man gerade noch den hässlichen Debatten in der Dorfkneipe in den Dreißiger Jahren, ist man ein paar Seiten später in den Nuller Jahren und damit der Gegenwart recht nah. Vom Besuch des verwilderten jüdischen Friedhofs in der Nachkriegszeit sind es nur ein paar Seiten zur Schilderung der Novemberpogrome 1938. Und von dort wieder nur wenige Kapitel zur Abiturverleihung an eine junge Frau, deren Eltern in Heimesbach Aufnahme gefunden haben.

Shortlist Deutscher Buchpreis 2026

Heimisch ist ein großes Wort in einer Zeit, in der die Heimat zum Kampfbegriff geworden ist. »Die Lücken« erzählt auch von der Befremdung mit diesem Begriff, nicht zufällig trägt Heimesbach seinen Kern im Namen. Für wen soll dieser Ort Heimat sein, aus dem so viele brutal herausgeschnitten und deportiert worden sind? Bazyars Roman gibt hier keine eindeutige Antwort, es gilt seine produktive Ambiguität auszuhalten.

Mit »Die Lücken« setzte sich das von vielen Kritiker:innen als der Roman der Stunde favorisierte Buch durch. Die diesjährige Shortlist war geprägt von sprachlichen und historischen Tiefenbohrungen, um Fragen der Gegenwart zu reflektieren. Zuletzt spitzte sich die Debatte auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Romane von Shida Bazyar und Valeria Gordeev (die vor wenigen Tagen mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet wurde) zu. Eine Konkurrenz, die unter den Nominierten so wohl nicht bestanden hat. Bazyar zumindest betonte den wohlwollend warmen Umgang miteinander.

In ihrer Dankesrede wies die 1988 als Tochter iranischer Eltern in Hermeskeil im Hunsrück geborene Autorin darauf hin, dass es heute keine Minderheit in Deutschland gibt, die keinen Grund zur Sorge hat. »Auch heute wird von Deportationen geredet, auch wenn ein anderes Wort verwendet wird«, sagte sie, bevor sie einen Satz von Hannah Arendt in den Raum stellte, der eine ähnliche Wirkung erzielt wie ihr Roman:

»Das Problem ab 1933 war doch nicht, was unsere Feinde gemacht haben, sondern was unsere Freunde gemacht haben.«

Hannah Arendt

2026 ist das Jahr von Shida Bazyar, im Frühjahr war sie gemeinsam mit ihrer Übersetzerin Ruth Martin mit der englischen Ausgabe ihres Debütromans »Nachts ist es leise in Teheran« für den International Booker Prize nominiert. Im November kommt die Verfilmung ihres zweiten Romans »Drei Kameradinnen« in die Kinos. Und nun dieser Erfolgsgeschichte mit ihrem dritten Roman. Bereits vor zwei Wochen wurde Bazyar für »Die Lücken« mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet, im November könnte sie noch den Bayerischen Buchpreis gewinnen. Damit tritt sie in die Fußstapfen von Dorothee Elmiger, die im vergangenen Jahr mit ihrem Roman »Die Holländerinnen« den Deutschen Buchpreis, den Bayerischen Buchpreis und den Schweizer Buchpreis gewonnen hatte.

Vor dem Hintergrund zahlreicher Krisenmeldungen, dass es mit dem Lesen bergab gehe, warben alle Akteure auf der Bühne im Frankfurter Römer für die Literatur und ihren eigenen Wert. »Es ist der Austausch, der uns reich macht«, sagte die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig mit Blick auf die Kraft der Literatur. Die Juryentscheidungen in Frankfurt seien immer heiß diskutiert, aber niemals infrage gestellt worden, sagte sie mit Blick auf die Geschichte des Deutschen Buchpreises. Ein unmissverständlicher Seitenhieb auf das skandalöse Agieren des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer, der dem Votum der Jury für den Deutschen Buchhandlungspreis 2025 nicht gefolgt und drei Buchhandlungen ausgeschlossen hat.

Die Buchpreisverleihung sei eine Gegenveranstaltung zu den Polarisierungen der Zeit, machte Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und Verleger des Guggolz-Verlags, gleich zu Beginn seiner Rede deutlich. »Eure Bücher sind die Begleitschiffe der Gegenwart«, dankte er den sechs nominierten Autor:innen Shida Bazyar, Franziska Gänsler, Valeria Gordeev, Elias Hirschl, Peggy Mädler und Dana Vowinckel für ihre Werke, die die emphatische Fähigkeit stärkten, sich lesend und zuhörend auf den anderen zuzubewegen. »Wir halten etwas von der Literatur und glauben daran, dass in ihr etwas eingefangen wird, dass wir mit ihr etwas verstehen von der Welt.« Guggolz lobte zudem die monatelange Arbeit und glücklichen Entscheidungen der Jury, deren Auswahl gezeigt habe, wie vielfältig, vielstimmig und ausgewogen die deutsche Gegenwartsliteratur sei.

Die Sprecherin der Jury, Cornelia Geißler, sprach der Buchbranche auch noch einmal Mut zu. Man müsse sich keine Sorgen um die Zukunft des Lesens machen, weil es so viele tolle Bücher gebe, auch abseits der Long- und Shortlist, die es zu lesen lohnt. »Es muss uns nur gelingen, dies zu vermitteln«, so Geißler. Dies wird eine der Aufgaben sein, die der 78. Frankfurter Buchmesse vom 7. bis 11. Oktober zufällt.