Sachbuch

Die Republik der aufgeschobenen Zukunft

© Thomas Hummitzsch

Im aktuellen tiefen Tal der ökonomischen Depression Deutschlands gewinnt das Buch »Trügerischer Wohlstand« von Hartmut Berghoff eine besondere Qualität. Diese Wirtschaftsgeschichte der Berliner Republik zeichnet eine differenzierte Bilanz der ökonomischen Entwicklung Deutschlands seit der Wiedervereinigung.

Hartmut Berghoff, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Göttingen, beschreibt in seinem neuen Buch die Erfolge wie etwa die ökonomische Wiederauferstehung der fünf neuen Länder nach 1990 sowie das goldene Jahrzehnt nach der Finanz- und Eurokrise in den 2010er Jahren. Die Bilanz umfasst aber auch die Erkenntnis, dass diese Erfolge auf Kosten ungelöster Strukturprobleme und nicht gemachter Zukunftsinvestitionen erkauft wurden. Wir, die Bewohner:innen der Bundesrepublik Deutschland, haben einen Wohlstand genossen, der in gewisser Weise »trügerisch« war. Die Wellen der Corona-Pandemie ab März 2020 wie der Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 zeigen nun auf, wie brüchig und hohl die Wirtschaftspolitik der Großen Koalitionen seit 2005 war.

Hartmut Berghoff: Trügerischer Wohlstand. Eine Wirtschaftsgeschichte der Berliner Republik seit 1990. Verlag C.H. Beck 2026. 376 Seiten. 34,- Euro. Hier bestellen https://www.chbeck.de/berghoff-wirtschaftsgeschichte-berliner-republik/product/40198679
Hartmut Berghoff: Trügerischer Wohlstand. Eine Wirtschaftsgeschichte der Berliner Republik seit 1990. Verlag C.H. Beck 2026. 376 Seiten. 34,- Euro. Hier bestellen.

Auf diesem brüchigen und hohlen Fundament gilt es aber gleichzeitig für die deutsche Wirtschaft, einen neuen Business-Case zu entwickeln. Die Ursachen für die wirtschaftlichen Probleme der Gegenwart reichen zum Teil mehrere Dekaden zurück und beruhen vielfach auf einem (unausgesprochenen) Konsens großer Teile der politischen und ökonomischen Eliten. Dieses Land hat sich für einen Kurs entschieden, mit dem wir lange gut gefahren sind, der aber zugleich Ursache der aktuellen Misere ist.

Berghoff gilt als einer der wichtigsten deutschen Wirtschafts- und Sozialhistoriker und sein intellektuelles und wissenschaftliches Gewicht machen seine Studie so lesenswert. Aber spüren wir einmal den Thesen Berghoffs nach.

Deutschland war wirtschaftlich erfolgreicher als sein Ruf

Dem Düstersound einer bestimmten Partei am rechtsextremen Rand kann man kaum mehr entkommen. Wenn die AfD bisher etwas politisch geschafft hat, dann wohl dies, dass sie die wirtschaftliche Situation der Bundesrepublik Deutschland in einem Maße schlecht geredet hat, das mit der Realität kaum bis gar nichts zu tun hat. Berghoff widerspricht vehement den verbreiteten Diagnosen des Niedergangs des Landes.

Deutschland erlebte zwischen 2010 und 2019 die längste ununterbrochene Wachstumsphase seiner Geschichte außerhalb der Nachkriegsrekonstruktion. Ab 2005 herrschte ein »Beschäftigungswunder« mit einem drastischen Rückgang der Arbeitslosigkeit. Deutschland entwickelte seine außergewöhnliche Exportstärke, es war erfolgreich in den europäischen Binnenmarkt und die Globalisierung integriert, konnte sich auf seine starke industrielle Basis mit Schwerpunkt auf Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie und Elektrotechnik stützen.

Stellte die geografische Lage im Zentrum Europas Deutschland über Jahrhunderte politisch immer wieder vor große Schwierigkeiten, profitierte nach der Öffnung Osteuropas das Land nun wirtschaftlich in einem besonderen Maße davon. Kurzum: Deutschland profitierte in außergewöhnlich hohem Maße von der internationalen Arbeitsteilung. Dies gilt insbesondere seit den 1990er Jahren nach der Vollendung des europäischen Binnenmarkts, der Öffnung Osteuropas und der Vertiefung der Globalisierung. All das machte und macht Deutschland zu einer der größten Volkswirtschaften der Welt.

Die deutsche Einheit war trotz aller Probleme eine Erfolgsgeschichte

Ein zentrales Anliegen des Buches ist die Neubewertung der Wiedervereinigung. Hartmut Berghoff beschreibt die DDR als wirtschaftlich schwer geschädigtes System, das Ende der 1980er Jahre kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stand. Nach der Währungsunion kam es zwar zu einem historischen Wirtschaftseinbruch: Große Teile der ostdeutschen Industrie waren zusammengebrochen, es herrschte Massenarbeitslosigkeit, viele junge Menschen – vor allem Frauen – wanderten in die elf alten Bundesländer, es kam zu tiefgreifenden sozialen Verwerfungen.

Nichtsdestotrotz bewertet der Autor die Transformation der ostdeutschen Wirtschaft insgesamt positiv: Die Treuhand habe besser gearbeitet als ihr Ruf, die Infrastruktur Ostdeutschlands wurde umfassend modernisiert, es entstand ein neues, innovatives Unternehmertum und private wie öffentliche Investitionen schufen neue wirtschaftliche Grundlagen. Kurzum: Ostdeutschland erlebte eine bemerkenswerte Reindustrialisierung. Berghoff beschriebt den wirtschaftlichen Umbau als Erfolgsgeschichte, und dennoch erfahren wir aus diesen Monaten, dass viele Menschen in den fünf neuen Ländern die sozialen Kosten stärker wahrnehmen als die wirtschaftlichen Fortschritte.

Deutschland lebt von der Substanz

Trotz aller Erfolge in Ost- wie in Westdeutschland sieht Berghoff erhebliche Versäumnisse. Besonders kritisch bewertet er die Investitionsschwäche. Offensichtlich ist, dass Deutschland über Jahrzehnte zu wenig investierte. Während der Staat seine Investitionen drastisch reduzierte, verlagerten die Unternehmen ihre Investitionen teilweise ins Ausland. Die Ergebnisse sehen wir in vernachlässigten Infrastrukturen, einer infrastrukturell mangelhaften Digitalisierung und erheblichen Schwächen im Bildungs- und Wissenschaftssystem.

Im gleichen Maße wie die Investitionsschwäche – und vielleicht damit zusammenhängend – bemängelt Berghoff das schwache Produktivitätswachstum. Es ist feststellbar, dass sich das Wachstum der Arbeitsproduktivität seit den 1970er Jahren kontinuierlich verlangsamt. Bedingt einerseits – wie erwähnt – durch die zu geringen Investitionen, andererseits durch den demografischen Wandel, der Ausweitung des Niedriglohnsektors sowie den zu geringen Fortschritten bei Innovation und Digitalisierung. Berghoff beklagt, dass Subventionen häufig fehlgeleitet sind. Oft konservieren diese überkommene Strukturen und Interessen, statt Zukunftsbranchen zu fördern.

Krisen wurden erfolgreich bewältigt

Deutschland zeigte zugleich eine bemerkenswerte Resilienz gegenüber einer Vielzahl der Krisen der letzten Jahrzehnte. So etwa die globale Finanzkrise der Jahre 2008/09. Sie entstand vor allem durch Spekulationsblasen in den USA. Die Krise wurde Berghoff zufolge deshalb so erfolgreich gemanaged, weil die Staaten und Zentralbanken aus der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre gelernt und durch massive Interventionen einen globalen Zusammenbruch verhinderten hatten. Diese Krise offenbarte jedoch gravierende Fehlentwicklungen des deregulierten Finanzsektors.

Der globalen Finanzkrise schloss sich die Eurokrise an. Der Euro konnte 2009 auf zehn erfolgreiche Jahre zurückblicken. Er hatte sich als politisches Integrationsprojekt Europas sowie als globale Reservewährung bewährt. Nichtsdestotrotz verweist Berghoff auf einen Konstruktionsfehler, nämlich den, dass die gemeinsame Währung ohne politische und fiskalische Union aufgesetzt worden war. Dieses Manko machte sich bemerkbar in den großen Unterschieden bei der Wirtschafts- und Finanzpolitik der einzelnen Mitgliedstaaten. Letztlich konnte die Krise eingedämmt werden, indem Mario Draghi, der damalige Präsident der EZB, im Juli 2012 seine Entschlossenheit bekundete, den Euro um jeden Preis zu retten. Die strukturellen Probleme blieben jedoch bestehen – zum großen Teil bis heute.

Digitalisierung als »Neuland«

Digitalisierung, Automatisierung, Robotisierung und neue Kommunikations- und Logistiksysteme veränderten die globale Wirtschaft tiefgreifend. Das erfolgreiche Industrieland Deutschland jedoch schnitt (und schneidet) in der Digitalwirtschaft vergleichsweise schwach ab. Führende digitale Plattformunternehmen entstanden überwiegend in den USA und zunehmend auch in China. Berghoff betont deshalb, dass Deutschlands traditionelle Industrie zwar weiterhin eine Stärke des Landes ist, ihre Wettbewerbsvorteile jedoch zunehmend unter Druck geraten.

Während der Wettbewerb um die Large Language Models eindeutig an die USA gegangen ist, hegt die deutsche Industrie nun ihre Hoffnungen auf Large Industrial Models. Deutschland konzentriert sich bei künstlicher Intelligenz vor allem auf industrielle KI wie Smart Manufacturing und Prozessoptimierung. Trotz aller Schwächen, die Berghoff analysiert, herrscht dank der industriellen Substanz der deutschen Wirtschaft weiterhin großer Optimismus, wenn Digitalisierung und Künstliche Intelligenz nicht als Neuland sondern als Home Turf betrachtet werden.

Soziale Marktwirtschaft unter Druck

Die Ölkrisen der 1970er Jahre, die Stagflation und das Ende des Nachkriegsbooms führten weltweit zu Zweifeln an einer stark steuernden Wirtschaftspolitik. Die Vorstellung von John Meynard Keynes standen immer stärker unter Druck, sie wurden abgelöst von dem, was gerne mit dem Schlagwort »Neoliberalismus« bezeichnet wird.

Für Werner Plumpe etwa war die Stagflation der eigentliche »Brennstoff des Neoliberalismus«. Auch Deutschland blieb davon nicht unberührt. Die Politik liberalisierte die Märkte, privatisierte staatliche Unternehmen wie etwa die Deutsche Bundespost, aus der die Deutsche Post AG, die Deutsche Postbank AG und die Deutsche Telekom AG entstanden. Sie orientierte sich stärker am internationalen Wettbewerb, deregulierte einige Wirtschaftsbereiche und betonte stärker die individuelle Eigenverantwortung.

Der Sozialstaat wurde zwar nicht abgeschafft, aber zunehmend unter Effizienz- und Wettbewerbsaspekten betrachtet. Den stärksten neoliberalen Einfluss auf die deutsche Wirtschaftsordnung findet sich bei den Reformen der Schröder-Regierung, bekannt unter dem Namen Agenda 2010.

Hartmut Berghoff verweist dabei auf einige negative Entwicklungen, etwa die wachsende Ungleichheit. Zusammengefasst stieg die Einkommensungleichheit moderat, die Vermögensungleichheit jedoch deutlich stärker an. Besonders auffällig, so der Historiker, dass es starke Vermögenszuwächse bei den obersten zehn Prozent, eine geringe Vermögensbildung der unteren Bevölkerungshälfte zu verzeichnen waren. Stark stiegen zudem die Managergehälter: »Vorstandsmitglieder von DAX-Unternehmen verdienten 1990 im Durchschnitt 14-mal so viel wie ihre Angestellten. 2006 war diese Relation auf 54 gestiegen, 2017 auf 71.«

Berghoff sieht darin Risiken für die soziale Mobilität, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die demokratische Stabilität. Das Ausdünnen der demokratischen Mitte und das Erstarken der politischen Ränder sind mit dieser Entwicklung gekoppelt.

Dass darin verschränkte Problem ist, dass der Sozialstaat zwar weiter expandierte, ohne grundlegend reformiert zu werden. Dazu ein paar Zahlen: Unter der Kanzlerschaft Merkels stieg das Bruttoinlandsprodukt nominal um rund 56 Prozent, die Sozialausgaben jedoch um rund 75 Prozent. Der Sozialstaat wuchs somit schneller als die Wirtschaftsleistung. Der Ehrlichkeit halber muss darauf hingewiesen werden, dass ein Teil dieses Anstiegs auf die Corona-Jahre 2020/21 zurückzuführen ist.

Berghoff würdigt die wichtige Rolle des Sozialstaates bei der Bewältigung der deutschen Einheit, zugleich kritisiert er aber die wachsenden Kosten, die zunehmende Bürokratie, die mangelnde Zielgenauigkeit vieler Leistungen und die fehlende Reformbereitschaft – bei Regierenden wie Regierten. Als rühmliche Ausnahme bewertet er die Agenda 2010, die bedeutendste Reforminitiative seit 1949. Unter Angela Merkel sind diese Reformen teilweise abgeschwächt worden. Gleichzeitig habe die Politik grundsätzlich eher auf Bewahrung als auf Erneuerung gesetzt, so Berghoffs Fazit.

Der Widerspruch zwischen Wohlstand und Pessimismus

Eines der interessantesten Themen des Buches ist die sogenannte »German Angst«. Auf diesen Aspekt hatte bereits Joachim Radkau in seinem Buch »Geschichte der Zukunft« aufmerksam gemacht. Darin nennt er das Beispiel der unterschiedlichen Zukunftserwartungen nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. So herrschte während der frühen Jahre der Weimarer Republik überschwänglicher Optimismus, während die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg großen Pessimismus zeigten.

Anfang der 20er Jahre war 1933 nicht vorstellbar, genauso wenig wie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg das Wirtschaftswunder. Wir wissen, wie die Geschichte ausging, in welcher Katastrophe die Zwischenkriegszeit mündete und welch prosperierendes Leben in Frieden und Freiheit ein Großteil der Menschen in Deutschland seit 1945 führen durften.

Auch Berghoff stellt für die Zeit der Wiedervereinigung fest, dass die objektiven Lebensbedingungen sich stark verbesserten und ebenso die Zufriedenheit der Menschen in Deutschland stieg, gleichzeitig nahmen die Zukunftsängste zu. Für den Autoren hängen diese Verunsicherungen mit den schnellen gesellschaftlichen Veränderungen, dem demografischen Wandel, den vielfältigen und permanenten politische Protestbewegungen, der medialen Fokussierung auf Krisen als Geschäftsmodell sowie auf fehlende Zukunftsvisionen zusammen.

Im Artikel erwähnte Bücher

Gerade letzter Punkt ist in der aktuellen politischen Debatte von besonderer Bedeutung. Florence Gaub schreibt, dass Gesellschaften ohne eine zukunftsorientierte Bewegung nicht innovativ seien, weder in der Technologie noch bei der Bildung. »Gesellschaften, die die die Gegenwart nicht infrage stellen, entwickeln keine Optionen, wie die Zukunft aussehen könnte«, heißt es in ihrer Bedienungsanleitung für die »Zukunft«. Für Berghoff erscheint Deutschland dadurch als zugleich wohlhabende wie verunsicherte Gesellschaft – eine zutiefst ambivalente Bilanz.

Berghoffs Wirtschaftsgeschichte schildert uns die Berliner Republik als wirtschaftlich erfolgreicher, innovativer und wohlhabender, als häufig behauptet wird. Die deutsche Einheit gelang letztlich besser als ihr Ruf. Der Autor vergisst nicht darauf hinzuweisen, dass gleichzeitig zentrale Zukunftsaufgaben wie die Modernisierung der Infrastrukturen, die Digitalisierung, Fragen der Bildung und der Wissenschaft, die Fachkräftesicherung, die wirtschaftliche Produktivität sowie eine Staatsmodernisierung, was die politischen wie administrativen Institutionen und Prozesse angeht, vernachlässigt wurden.

Der »trügerische Wohlstand« besteht darin, dass die Erfolge der Gegenwart lange den Blick auf diese strukturellen Defizite verdeckten. Deutschland konnte seinen Wohlstand bis 2020 bewahren, versäumte es jedoch, die Voraussetzungen für künftiges Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit ausreichend zu stärken. Das Land ging daher mit einem erheblichen Reformstau in die 2020er Jahre.

Die Defizite traten deutlich bei der Corona-Pandemie zutage und sie zeigten sich bei den Grenzen der Leistungsfähigkeit der Verwaltung, bei der mangelnden Digitalisierung und vor allem aber bei den Problemen bei der politischen Entscheidungsfindung. Beim Überfall Russlands auf die Ukraine wurde die Abhängigkeit bei der Energieversorgung offensichtlich. Das angebliche Musterland Erneuerbarer Energien war (und ist) weiterhin vom Import fossiler Energieträger abhängig.

Berghoff hält die deutsche Wirtschaft grundsätzlich für leistungsfähig und reformfähig, aber nicht für dauerhaft zukunftssicher. Die größten Risiken liegen seiner Ansicht nach nicht in Deindustrialisierung oder Globalisierung, sondern in einer politischen Selbstzufriedenheit, die zu wenig in Digitalisierung, Infrastruktur, Bildung und Energiewende investiert hat. Deutschlands wirtschaftlicher Erfolg der letzten Jahrzehnte sei real. Doch genau dieser Erfolg habe verdeckt, dass zentrale Zukunftsaufgaben zu lange aufgeschoben wurden.

Die Zukunftsfähigkeit Deutschlands entscheidet sich weniger an der Vergangenheit seiner Industrie als an der Qualität seiner Infrastruktur- und Innovationspolitik der kommenden Jahrzehnte. Das Gute an Berghoffs Analyse ist, dass die deutsche Gesellschaft es selbst in der Hand hat, sich die eigene Zukunft zu gestalten.