500 Tage in der Höhle oder: dem Holocaust entkommen

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Der Höhlenforscher Christopher Nicola stieß vor 20 Jahren in einer ukrainischen Höhle auf ein paar Knöpfe, alte Schuhe und Medizinflaschen. Über zehn Jahre suchte er nach den ehemaligen Besitzern. Der Dokumentarfilm »NO PLACE ON EARTH« erzählt von der jahrzehntelangen Suche nach einer unglaublichen Geschichte des Überlebenskampfes von einigen jüdischen Familien während des Zweiten Weltkriegs. Ich konnte mit Christopher Nicola in Berlin über seine Suche sprechen.

Jede Höhle hat ein Geheimnis. Doch was Höhlenforscher Christopher Nicola 1993 auf seiner Expedition in das weitverzweigte Höhlensystem der Ukraine entdeckt, ist eine unglaubliche, eine erschütternde, aber vor allem eine wahre Geschichte. Sie führt tief ins Herz der europäischen Vergangenheit. Unter der Erde, fern vom Nachwende-Taumel, in den Europa versunken war, stößt der Höhlenforscher auf Spuren und Objekte, die einmal ein Leben waren. Stück für Stück setzt er ihre ungeheuerliche Geschichte zusammen – es ist die Geschichte von Esther Stermer und ihrer jüdischen Familie. In die Enge getrieben vom heraufziehenden Faschismus, verkauft Esther Stermer 1939 Haus und Hof. Doch kurz bevor die Flucht ins rettende Ausland gelingt, bricht der Krieg aus und lässt die Stermers ausweglos zurück. Esther Stermer trifft eine unglaubliche Entscheidung: Im Oktober 1942 führt sie ihren Ehemann, ihre Töchter, Söhne und Enkelkinder unter die Erde in eine Höhle. Von hier aus gibt es kein Weiterkommen. Anderthalb Jahre verbringen sie in der Finsternis am Ende der Welt – der längste Aufenthalt unter der Erde in der Geschichte der Menschheit – bis sie von den Nazis aufgespürt werden… Die Emmy-preisgekrönte Regisseurin Janet Tobias („Life 360“) erzählt in NO PLACE ON EARTH von einem Rückzug in die Wildnis, die zur letzten Rettung wird und von der Aufsehen erregenden Suche nach den Überlebenden der Höhle des Christopher Nicola. 

 

Herr Nicola, der Dokumentarfilm «NO PLACE ON EARTH. Kein Platz zum Leben« erzählt die Geschichte von Überlebenden des Holocaust. Es gibt unzählige solcher Überlebendengeschichten. Warum müssen wir diese dennoch sehen, was macht sie so einzigartig?

Christopher Nicola: Seit 20 Jahren arbeite ich inzwischen an diesem Projekt. Als ich das erste Mal mit den beiden Überlebenden Sam und Saul Stermer zusammensaß, musste ich sie etwas fragen, dass mich alle, aber wirklich alle –  von Peter Lane Taylor vom National Geographic über den Verleger unseres Buches bis hin zu Janet Tobias vor der Umsetzung des Filmprojekts – in den letzten Jahren gefragt hatten. Die Frage lautete: »Wenn diese Geschichte stimmt, warum habe ich davon noch nie etwas gehört?« Saul Stermer fragte zurück: »Und? Was hast Du geantwortet?« Ich sagte, dass ich denke, dass diese Geschichte unter den tausenden Geschichten der Holocaustüberlebenden untergegangen sei, weil niemand den dünnen Faden gefunden habe, an dem man diese Geschichte aus den vielen anderen hätte herausziehen können. Saul sagte, dass das schon die Hälfte der Wahrheit sei.
Dann bat er seine 16-jährige Nichte, mir zu erzählen, wie das war, als er in ihre Schule gegangen sei, um diese Geschichte zu erzählen. Sie berichtete, wie sie als achtjährige in der Schule gehänselt wurde, weil ihr niemand die Geschichte ihres Großvaters glaubte. Schließlich bat sie ihren Großvater, in ihre Schule zu kommen und seine Geschichte selbst zu erzählen, was er auch tat. Aber am nächsten Tag wurde sie noch mehr gehänselt als vorher – für ihren verrückten Großvater mit seiner lebhaften Fantasie. Als die Nichte fertig war, sahen mich Saul und Sam an und sagten, dass sie begriffen hätten, dass nicht einmal die Juden, die noch die Nummern aus den Lagern auf ihren Armen hatten, diese Geschichte glauben würden. Sie hörten also irgendwann auf, sie zu erzählen. Metaphorisch gesprochen lag diese Geschichte über 60 Jahre vergraben, bis ihre Protagonisten in Peter Jane Taylor, Janet Tobias und mich genug Vertrauen setzten, um darüber zu sprechen.

Als Sie 1993 in die Gipshöhlen von Bilche Zlota stiegen und einige Meter unter der Erdoberfläche ein paar Knöpfe, Schuhe und Medizinfläschchen, was haben Sie da gedacht. Hatten Sie sofort gedacht, dass Sie auf eine Geschichte aus dem Weltkrieg gestoßen sind?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe schon erkannt, dass diese Hinterlassenschaften nicht hunderte von Jahren alt sind, aber sie hätten genauso gut erst 20 Jahre alt sein können. Die ukrainischen Höhlenforscher, die mich begleiteten, interessierte das alles gar nicht, so dass wir relativ schnell weiter in die Höhle gestiegen sind. Als ich sie Jahre später fragte, warum wir dort nicht länger geblieben waren, sagten sie zu mir: »Bei allem Respekt Mr. Nichola, aber junge Höhlenforscher suchen nach neuen Wegen und nicht nach alten Schuhen.«
Außerdem sollen sich in den Höhlen auch sowjetische Widerstandskämpfer aufgehalten haben, die alle möglichen Leute umgebracht hatten, auch einige Juden. Bis 1946 versteckten sich diese Banditen in den Höhlen, so dass wohl auch einige der jungen Höhlenforscher dachten, das könnten Überreste dieser Kämpfer sein. Und weil niemand diese Banditen mochte, hatte auch niemand Interesse daran, daraus eine Geschichte zu machen.

Chris Nicola and Sergey Yepiphanov:

Chris Nicola and Sergey Yepiphanov:

Sie verlassen also diese Höhle, finden aber weder den umliegenden Dörfern noch in den USA Hinweise auf die ehemaligen Besitzer dieser Sachen. Zehn Jahre lang bleiben sie an der Sache. Wie sucht man den Erzähler einer Geschichte, von der man nicht viel mehr hat, als ein paar Requisiten?

Alles, was wir hatten, waren Gerüchte und Legenden. Ich bekam wenig Hilfe von meinen ukrainischen Freunden. Jahre später erklärten mir einige der jungen Höhlenforscher, dass sie selbst jüdisch seien, mir aber nicht hätten helfen können, weil sie auch nur Gerüchte kannten. Außerdem hatten sie in der Sowjetunion nie über ihre eigene Geschichte geredet. Ich bat sie also, in der Gegend nach alten Menschen zu suchen, die vielleicht ein paar Kindheitserinnerungen hatten, aber das war wiederum ziemlich naiv. Zwar gab es alte Menschen, aber aufgrund der Umsiedlungspolitik in der Sowjetunion bedeutete das nicht zwangsweise, dass diese dort ihre Kindheit verbracht hatten. Ich bekam von dort also wenige Informationen.
Ich begann als, in Buchhandlungen, Bibliotheken und Museen nach Anhaltspunkten für meine Geschichte zu suchen, nach Stichworten wie jüdische Überlebende, Höhle, Holocaust, aber ich fand nichts. Ende der 1990er Jahre, ich dachte frustriert schon darüber nach, dass alles einfach zu vergessen, fand ich eine Seite zur Ahnenforschung, wo man die Namen und Städte derjenigen eingeben konnte, die man suchte. Jeden Tag gingen tausende von Juden aus der ganzen Welt auf diese Seite und ich dachte, wenn irgendetwas an meiner Geschichte dran ist, wenn irgendjemand aus dieser Höhle überlebt hat, wenn irgendjemand der Nachkommen eines Tages zu suchen anfängt und ich die richtigen Schlüsselwörter hier hinterlasse, dann finde wir hier vielleicht zusammen. Und im Dezember 2002 bekam ich dann eine E-Mail von dem Schwiegersohn von Saul Wexler, der den Holocaust mit 37 Verwandten und Freunden überlebt hatte, weil sie sich über 500 Tage in eine Höhle geflohen hatten. Und Saul Wexler wohnte sieben Meilen von mir entfernt.

Aber es gab einen Moment, als sie das ganze Projekt aufgeben wollten?

Ja klar, aber man ist dann auch an einem Moment angelangt, wo man schon so viel Zeit und Energie in das Projekt gesteckt hat. Wenn man es dann aufgibt, muss man sich fragen, warum man all die Jahre zuvor seine Zeit verschwendet hat.

Mit dieser E-Mail begann die zweite Phase des Projekts, die des Fragenstellens, Redens, Zuhörens. Was hat sie in dieser Zeit am meisten überrascht?

Wissen Sie, als Peter Taylor und ich begannen, die Interviews mit den Überlebenden zu führen, sagte ich zu ihm, dass ich nicht wirklich eine Idee davon hätte, wie man solche Gespräche führt, aber dass ich Eines ganz genau wisse. Es war völlig unmöglich, dass wir uns diese Geschichten anhören würden und dann immer sagen würden »Ja, ich weiß« oder »Ja, ich verstehe«. Das war völlig unmöglich. Wir konnten also nicht einfach drauflos reden. Ich schlug Peter vor, dass ich die Überlebenden möglichst neutral vor der Kamera befragen würde, während er im Hintergrund Notizen zu den Emotionen machen würde, die dabei aufkamen. Ich musste mich mental oft weit weg von diesen Situationen denken, um neutral zu bleiben und nicht in Tränen auszubrechen. Man muss sich das vorstellen. Da erzählt dir dein Gegenüber, wie es ist, wenn dich deine Mutter in ein Loch schiebt und etwas darüber deckt und dir sagt, dass sie dich liebt, bevor sie im Dunkeln für immer verschwindet. Und du spürst, wie das deinen Gegenüber schüttelt und aufwühlt. Saul Wexler erzählte mir so, wie er seine Mutter und seinen älteren Bruder verlor und bis heute Schuld dafür empfindet, dass er den Nazis entkommen ist. Das auszuhalten und den Blickkontakt dabei nicht zu verlieren, das ergreift mich bis heute.
Die größte Überraschung für mich als Höhlenforscherprofi ist natürlich, dass diese Amateure ohne all die Ausrüstung, die ich habe und die mich vor all den Gefahren bewahrt, die da unten drohen. Es ist für mich ein Wunder, wie unter diesen außerordentlichen Umständen normale Menschen auf solch ungewöhnliche Weise überlebt haben, was sie dann wiederum zu überaus besonderen Menschen macht. Das war die allergrößte Überraschung, die mich diese Geschichte auch als eine Geschichte über den menschlichen Geist und seinen Überlebenswillen lesen lässt. Sie macht einen stolz, ein Mensch zu sein.

 

Sam Stermer, Gustav Stibranyi, Saul Stermer und Norbert Danko außerhalb der Priester-Grotte in der Ukraine

Sam Stermer, Gustav Stibranyi, Saul Stermer und Norbert Danko außerhalb der Priester-Grotte in der Ukraine

Was mich am stärksten beeindruckt hat, war die Tatsache, dass die Überlebenden, die im Film über ihre Geschichte reden, nur ganz selten traurig, deprimiert oder pessimistisch wirken. Selbst wenn sie sagen, »die Höhle ist ein Teil von uns«, geht es eher um das Glück überlebt zu haben, als um die Dunkelheit, die sie umgab. Der Film ist eine Ode an das Leben.

Das ist eine interessante Feststellung. Ich sage Ihnen, es hängt vom Alter derjenigen ab, mit denen sie sprechen. Es gibt hier einen Unterschied zwischen den älteren, die immer wieder die Höhlen verließen, um Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände für die Familie zu besorgen, und den jüngeren, die in der Höhle bleiben mussten und nie wussten, ob diejenigen, die sie versorgen, überhaupt wiederkommen würden.
Ein gutes Beispiel sind die Brüder Saul und Sam Stermer. Saul war einer der Versorger und sein jüngerer Bruder Sam war all die 511 Tage unter der Erde. Ich wollte sie fragen, ob sie in der Zeit an Gott geglaubt hätten, fragten dann aber etwas weniger direkt, ob sie jemals gedacht haben, dass irgendetwas oder irgendjemand über ihnen gewacht hätte. Sam sagte, das Gott definitiv nicht bei ihm gewesen sei, während Saul sagte: »Wenn ich Gott eines Tages treffe, und das werde ich, dann habe ich eine lange Liste an Beschwerden mit ihm zu klären.«
Die Älteren scheinen eher positiv gestimmt, während die Jüngeren kaum positiv denken. Diese jüngeren Männer, die zwischen elf und dreizehn Jahre alt waren, als sie die Höhle verlassen haben, brachten die größten mentalen Schäden mit. Im Laufe der Jahre habe ich auch herausgefunden, warum das so war. Die jungen Geschwister fühlen sich bis heute schuldig, dass die älteren jeden Tag ihr Leben für sie riskieren mussten. Niemand kam ohne psychische Schäden aus der Höhle, aber die größten Schäden hatten diese Elf- bis Dreizehnjährigen, die in der Zeit nicht zu Männern werden konnten. Sie durften sich draußen nicht bewähren. Und selbst der symbolische Abschied der Kindheit mit der Bar Mitzwa fand in der Höhle nicht statt.

Haben die Stermers und Wexlers und Dodyks darüber gesprochen, was es für sie bedeutete, 511 Tage unter der Erde gefangen zu sein?

Nun ja, es war ja auch ein enormer Stress, dort zu leben. Der Biorhythmus stellt sich nach spätestens zwei Wochen absoluter Dunkelheit um. Man schläft die meiste Zeit, 18 bis 19 Stunden am Tag, um Energie zu sparen. Es gab nur ein paarmal am Tag kurze Perioden mit Kerzenlicht. In diesen kurzen Wachphasen haben sie viel gesungen und sich religiöse Geschichten erzählt. Aber wie sie schon sagten, sie wirken meist positiv, obwohl sie so viele schreckliche Sachen durchgemacht haben. Aber alle haben eine Eigenheit mitgebracht. Dorothy Kopf kann geschlossene Räume nicht mehr ertragen, all die Türen in ihrem Haus, außer die Eingangstür, stehen offen. Sima Dodyk, die in der Höhle vier Jahre alt war, hat immer etwas zu essen in ihrer Tasche. Sie will nie wieder hungrig sein müssen. Die Männer neigen dazu, Dinge zu behalten und aufzubewahren.

Mich beeindruckte ebenfalls, dass die Überlebenden in den Höhlen jeden Gegenstand, den sie brauchten, in die Höhle getragen haben. Selbst einen Mahlstein zur Herstellung von Mehl schleppte Nissel Stermer in die Höhle.

Ich bin jetzt 61 Jahre alt und aufgrund meiner ständigen Kletterei noch gut beieinander. In meinen Fünfzigern habe ich einmal versucht, diesen Mahlstein anzuheben. Ich konnte ihn nicht einmal bewegen. Und dieser Nissel Stermer hat ihn über sieben Meilen in die Höhle geschleppt. Das ist Wahnsinn. Diese Geschichte macht deutlich, welche Kraft es einem Menschen geben kann, wenn er weiß, dass von ihm das Schicksal seiner Familie abhängt.

Sam Stermer, Gustav Stibranyi, Saul Stermer und Norbert Danko außerhalb der Proiester-Grotte in der Ukraine
Sam Stermer, Gustav Stibranyi, Saul Stermer und Norbert Danko außerhalb der Proiester-Grotte in der Ukraine

Mythologisch gesehen stellt diese Geschichte ja das bekannte Weltbild auf den Kopf. Der dunkle, ominöse Untergrund – in den Religionen der Ort der Hölle – wird zum lebensrettenden Refugium während an der erleuchteten Oberfläche die größte Gefahr lauert. Die Steinzeitwelt, in der die Höhle die Sicherheit vor wilden Tieren bot, wird relevant. Auch das eine gelungene Metapher: Der Naziterror in Europa als Rückfall in die Steinzeit.

Ich sehe sogar noch eine andere Bedeutung. Es ist die Umkehrung von dem Mythos des Höhlenbewohners, der die sichere Höhle verlässt und zurückkehrt und allen berichtet, wie schön es draußen ist – aber niemand glaubt ihm. Hier verlassen die Höhlenbewohner die Höhle und erzählen draußen, was sie erlebt haben, aber ihnen glaubt niemand. Nicht einmal ihre jüdischen Genossen.
Diese Geschichte stellt die Welt auf den Kopf. Das erklärt auch die Szene, in der Saul Stermer nach sechzig Jahren in seiner Höhle sitzt, alle Lichter ausmacht und sagt: »Ah, jetzt fühle ich mich gut.«

Das ist ein bewegender Moment im Film. Wer das nicht selbst erlebt hat, kann das wahrscheinlich kaum in seiner Bedeutung erfassen. Sie schon, oder?

Eine Höhle ist für mich immer ein Teil von mir. In einer Höhle sieht ein Stück Fels nie aus wie ein anderes, hat eine andere Oberfläche, reflektiert das Licht anders, fühlt sich anders an. So wie Eskimos zehn verschiedene Wörter für Schnee haben, weil das wichtig für sie ist, haben Höhlenforscher zehn verschiedene Steinarten, die sie unterscheiden. Diese Welt wird irgendwann deine Welt, du beginnst, dich darin wohl zu fühlen.

Hatten die Überlebenden Angst, in die Ukraine und in die Höhlen zurückzukehren?

Sie haben sich natürlich daran erinnert, was ihnen dort widerfahren ist. Sie fühlten sich nicht wohl. Die dunkle Wolke der Vergangenheit hängt immer noch über diesem Land.

Ich erinnere mich, als ich vor ein paar Jahren in Odessa war, dass es fast unmöglich war, jemanden zu finden, der den Weg zum jüdischen Friedhof – einem riesigen Areal am Rand der Stadt – erklären konnte.

Wir hatten das gleiche Problem, als Sima zu dem alten jüdischen Friedhof bringen wollten, wo Saul Wexlers Mutter und Bruder erschossen wurden. Ein Mann der lokalen Crewmitglieder sagte uns, es gebe dort keinen Friedhof. Und ich sagte zu ihm, was er glaube, was ich die letzten zwölf Jahre gemacht habe. Wir nahmen also den Jeep und fuhren zu diesem Friedhof. Ich musste diesem Mann aus der Gegend also zeigen, wo dieser jüdische Friedhof ist. Das Areal war zwar komplett überwuchert, aber wir haben mithilfe des lokalen Museums immer noch dreizehn Grabsteine entdecken können.

Werden die Grabstätten restauriert werden? Und was ist mit den Höhlen. Werden die Höhlenschriften gesichert?

Ich habe eine Stiftung gegründet und mit der Hilfe von anderen Höhlenforschern haben wir die wichtigsten Arbeiten, wie die Sicherung des Eingangs, durchführen können. Gemeinsam mit dem Lokalmuseum haben wir 2006 begonnen, an einer Ausstellung zu Ehren der 38 überlebenden Juden zu arbeiten. Jetzt haben wir ein Projekt, in dem wir die Enkel und Großenkel derjenigen, die dort leben, mit denjenigen zusammenführen, die dort einst gelebt haben. So soll die Geschichte in den Generationen am Leben bleiben. Man darf auch nicht vergessen, dass die Höhlen lange Zeit von ukrainischen Höhlenforschern und ihren eigenen Mitteln gesichert wurden, ohne dass sie Hilfe von der Regierung bekommen hätten.

Kati Laban als Esther Stermer

Kati Laban als Esther Stermer

Ursprünglich wollten Sie ja nach ihrer eigenen Geschichte suchen. Was ist daraus geworden?

Seit Jahren bringe ich in diesem Moment den Namen meines Großvaters unter, der 1925 unter mysteriösen Umständen in der russischen Botschaft in London ums Leben kam: Vladimir Siliaff. Jahre später fanden wir heraus, dass ihn der Erste Weltkrieg nach Großbritannien brachte, wo er als Soldat und später als Spion aktiv des britischen Geheimdienstes war. Meine Großmutter heiratete später erneut und änderte dabei ihren Namen. Sie brach auch alle Kontakte zur Familie ihres Ex-Mannes in St. Petersburg ab.
Vor sechs Monaten meldete sich ein Mann bei mir, ein Cousin dritten Grades. Er fand heraus, dass die britische Seite meiner Familie, also die Linie des neuen Mannes meiner Großmutter, über zwei Hochzeitslinien bis zu William, dem Eroberer ins Jahr 1060 zurückgeführt werden kann. Und er konnte geheime Aufnahmen ausfindig machen, die mein Vater für den Geheimdienst angefertigt hatte. Also, es hat funktioniert, ich bin auf die Spuren der Geschichte meiner Familie gestoßen. Nur nicht auf die von Vladimir Siliaff.
Aber ich hätte gewarnt sein können. 1992 suchte ich in Moskau nach Informationen zu meinem Großvater. Ich lief mit einem T-Shirt durch die Straßen, auf dem stand, dass ich nach Informationen zu Vladimir Siliaff suchte, der 1925 in London gestorben ist. Innerhalb von fünf Minuten sprachen mich etliche Menschen an, die sagten, sie würden die Familie von Vladimir Siliaff kennen. Ich fand so schnell heraus, dass die Suche nach einem Vladimir Siliaff in Moskau ähnlich vielversprechend ist, wie in Mexiko City nach Ron Rodrigez oder in Berlin nach einem Peter Müller zu suchen. Mein Großvater trug einfach einen ziemlich gewöhnlichen Namen.

Herr Nicola, vielen Dank für das Gespräch.

No_Place_on_Earth_Official_PosterMehr unter www.noplaceonearthfilm.com

No Place on Earth. Kein Platz zum Leben

FSK 12